Schweizer entwickeln "Dschihad-Test-Tool" zur Einschätzung möglicher Gefährder

Schweizer entwickeln "Dschihad-Test-Tool" zur Einschätzung möglicher Gefährder
Seit 2014 haben 24 radikal-islamische Terroristen in der EU 13 Anschläge verübt. Alle 24 Täter waren ausnahmslos polizeibekannt und galten als gewaltaffin.
Das Schweizerische Institut für Gewalteinschätzung (SIFG) hat ein Tool für die Früherkennung von potenziellen Extremisten entwickelt. Ein so genanntes Ampelsystem soll dabei helfen. Die deutschen Sicherheitsbehörden sind offenbar nicht interessiert.

von Timo Kirez

Man wolle auf keinen Fall die Muslime stigmatisieren – auf diese Feststellung legt das Schweizerische Institut für Gewalteinschätzung (SIFG) besonderen Wert. Nachdem die Einrichtung das Programm Ra-Prof (Radicalisation Profiling) öffentlich vorgestellt hatte, gab es vereinzelt Vorwürfe, das Tool stelle Muslime unter Generalverdacht. Doch Rémy Schleiniger, Geschäftsleiter der mobilen Jugendarbeit (Mojuga), und Lothar Janssen, Lehrer und Schülerberater an der Kantonsschule Uster, widersprechen namens des SIFG dieser Einschätzung in einem Interview mit der Zeitung Zürcher Oberländer (ZO):

Uns geht es gerade nicht um Stigmatisierung, wir wollen das negative Bild der Muslime in der Öffentlichkeit entzerren",

sagt Janssen. Und ergänzt:

Oft entkräftet das Programm mögliche Radikalisierungstendenzen.

Doch was genau leistet das "Dschihad-Test-Tool"? Ra-Prof ist ein Programm, das bei einem Menschen dessen Hang zu religiösem Extremismus einschätzt. Und somit Lehrern, Polizisten und Sozialarbeitern die Arbeit erleichtern soll. Schöpft zum Beispiel ein Lehrer Verdacht, weil einer seiner Schüler Anzeichen einer Radikalisierung zeigt, kann er am Bildschirm Fragen zum Thema Radikalisierung beantworten. Leuchtet am Ende der Befragung das Lämpchen Grün, ist alles in Ordnung und es besteht kein Handlungsbedarf. Bei Orange ist eine weitere Überprüfung notwendig, Rot hingegen bedeutet:

Achtung, das Subjekt ist gefährlich, die Polizei muss informiert werden.

Entwickelt hat das Programm Daniele Lenzo von der Gewaltpräventionsstelle der Stadt Zürich. Er erklärt, wie das vom SIFG herausgegebene Tool funktioniert.

Ra-Prof kommt zum Einsatz, wenn unsicher ist, ob junge Menschen sich möglicherweise radikalisieren.

Multiple-Choice-Test aus 42 Fragen

Ein Beispiel könnte so aussehen: Ein Schüler teilt auf Facebook IS-Videos und lässt sich einen Salafisten-Bart wachsen. Der Lehrer fragt sich: Gehört dies noch zur jugendlichen Selbstfindungsphase oder liegt bereits eine Radikalisierung vor? Um seine Fragen und Zweifel zu beantworten, wendet der Lehrer sich an eine vom SIFG autorisierte Stelle. Ein Radikalismus-Fachmann hört sich den konkreten Fall an und erklärt ihm die Bedeutung des Verhaltens seines Schülers. Ist der Lehrer trotzdem nicht überzeugt, so lädt ihn der Experte per E-Mail zum Ra-Prof-Test ein.

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Der Test beinhaltet 42 Fragen im Multiple-Choice-Stil (Ja, Nein, Keine Information). Die Fragen lauten unter anderem:

Verweigert der Schüler die Teilnahme am gemischten Sportunterricht?

oder

Konsumiert er intensiv Filme mit islamistischem Inhalt?

Das Ergebnis der Umfrage wird elektronisch an den Experten übermittelt, der Lehrer bekommt es zwar nicht zu sehen, erhält aber eine Einschätzung, ob seine Sorge berechtigt war. Zudem gibt es noch eine Empfehlung, wie der Lehrer mit dem Jugendlichen weiter verfahren soll.

Das Programm entscheidet noch wenig. Es stellt ein erstes Hilfsmittel zur Früherkennung von Radikalisierungstendenzen dar",

so Lenzo. Das Tool sei handlicher als ein Fragebogen auf Papier, die Auswertung der Daten und die Kategorisierung des Subjekts würden immer noch zwei Spezialisten vornehmen. Bei einer negativen Einschätzung ziehen diese weiteres Fachpersonal hinzu. Bei jeder Fragegruppe warne ein Kasten, dass ein gewisses Verhalten in einem bestimmten Alter ganz normal sei. Falls der Lehrer dennoch bei seiner Einschätzung bleibt, muss er die Aussage begründen und sagen, woher er seine Information über den Schüler hat.

Bereits 17 von 26 Kantonen nutzen Ra-Prof

Dabei kann er sich auf eigene Beobachtungen berufen oder eine weitere Informationsquelle angeben. Ausschlaggebend für eine "rote Einschätzung" sei nach Janssen vor allem, wenn der Schüler sich klar zum Dschihadismus bekenne, sich zunehmend von Familie und Freunden abkapsele oder viel Zeit in extremistischen Foren verbringe. Ein Killerkriterium gebe es jedoch nicht. Die Summe der Fragen und ein Algorithmus würden zum Resultat führen. Bis jetzt habe man 80 Fälle aus dem In- und Ausland bearbeitet. Die meisten hätten als Ergebnis grün ergeben, rund 20 orange, rot seien ganz wenige gewesen. In der Schweiz habe es bislang nur einen roten Fall gegeben, so Janssen.

Dank einer guten Netzwerkarbeit vor Ort hat man die Gefahr bannen können.

Inzwischen haben bereits 17 der 26 eidgenössischen Kantone das Frühwarnsystem eingeführt. So arbeiten die Dschihad-Profiler beispielsweise eng mit der Beratungsstelle der Polizei in Zürich zusammen. In einem Gespräch mit dem "Focus" erläuterte Janssen, dass man auch mehrfach mit deutschen Sicherheitsbehörden im Gespräch gewesen sei. Jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Günter Krings, parlamentarischer Staatssekretär des Bundesinnenministers, vermisste in einer Mail "wissenschaftliche Studien zur Zuverlässigkeit des Programms Ra-Prof". Man könne ja mal einen Termin mit seinem Wahlkreisbüro ausmachen, soll der CDU-Politiker vorgeschlagen haben.

Eine typisch deutsche Abwehrhaltung",

 kritisiert Janssen im "Focus".

Keine Neugier, sondern erst einmal einen Vortrag halten.

Dabei müssen auch die deutschen Staatsschützer feststellen, dass die gewaltbereiten Islamisten immer jünger werden. Mitte Dezember 2016 stoppten die Ermittler einen 12-jährigen Schüler in Ludwigshafen, der eine Nagelbombe expoldieren lassen wollte. Der Jugendliche hatte sich unter anderem über Dschihadisten-Chats radikalisiert. In Köln wurde ein 16-jähriger syrischer Flüchtling wegen angeblicher Anschlagspläne zu zwei Jahren Haft verurteilt. Vor diesem Hintergrund hatte Bayerns Innenminister Joachim Hermann (CSU) gefordert, die Überwachung durch den Verfassungsschutz auch auf Minderjährige unter 16 Jahren auszuweiten.

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Testlauf in Deutschland durch Intervention von oben verhindert

In einem Telefonat mit RT Deutsch bestätigte Janssen, dass es zwar Interesse aus Deutschland an dem Schweizer Programm gebe, doch dieses beschränke sich auf die operativen Mitarbeiter. Sobald man in der Hierarchie höher gehe, stoße man auf eine Blockadehaltung. So sei er zum Beispiel schon in Gesprächen mit Mitarbeitern des Bundesamts für Migration gewesen. Man habe ihm vonseiten der Mitarbeiter Interesse an einer Testversion des Programms signalisiert. Doch noch am selben Tag habe es einen Anruf "von weiter oben" gegeben, der dem Projekt einen Riegel vorschob.

Janssen erwähnte in dem Gespräch mit RT Deutsch auch einen Anruf des Verfassungsschutzes, der sich bei ihm darüber beklagt habe, dass er direkten Kontakt mit Sicherheitsbehörden aufnehme. Das habe zuerst über den Tisch des Verfassungsschutzes zu laufen, habe man ihm klargemacht.

Ein Plakat, das die Zusammenarbeit der Polizei im Kreis Gütersloh und des SIFG belegt.

In Deutschland arbeitet seit Juni 2016 Kriminalhauptkommissar Torsten Lindahl in Gütersloh mit dem Programm. Wie der Focus berichtet, ist Lindahl oft unterwegs, um Lehrer, Flüchtlingshelfer oder Sozial- und Jugendämter für das Phänomen des Islamismus zu sensibilisieren. Bisher soll die Schweizer Frühwarn-Methode erst acht Mal zum Einsatz gekommen sein.

Es ist ja nicht so, dass unser Landkreis eine Salafistenhochburg ist",

sagte Lindahl gegenüber dem "Focus" zu dieser überschaubaren Zahl. Zuletzt sei ein Sozialarbeiter einer Flüchtlingsunterkunft auf ihn zugekommen. Der Mann habe den Fall eines Syrers geschildert, der sich immer mehr abkapselte und sich einen Bart stehen ließ. Lindahl sei mit dem Sozialarbeiter die Dschihad-Checkliste durchgegangen.

Am Ende kam heraus, dass der betreffende Mann völlig harmlos war. Das ist doch auch ein Erfolg für das Präventionsmodell",

so Lindahl gegenüber dem "Focus". Das Programm Ra-Prof wurde allerdings nicht nur für die Einschätzung von islamistischen Gefährdern entwickelt. Es hilft etwa auch bei der frühzeitigen Einschätzung von Radikalisierungstendenzen im Bereich der extremen Rechten.

Auch Deradikalisierung lässt sich nun erkennen

Während Deutschland offenbar noch weiter blockt, sind die Schweizer sogar noch einen Schritt weitergegangen: Seit kurzem ist das vom SIFG entwickelte Programm, DeRa-Prof (Erkennen von DeRadikalisierung), in einer Testphase in verschiedenen Schweizer Städten im Einsatz. Das Institut gilt mittlerweile als ein Pionier in der Amok- und Extremismusbekämpfung.

Kein Wunder, denn die Schweiz gilt schon seit längerem als eines der innovativsten Länder der Welt. Das Land mit etwas mehr als acht Millionen Einwohnern ist sogar Weltmeister, was Erfindungen betrifft. Und dies bereits zum siebten Mal in Folge. Das geht aus dem Globalen Innovationsindex 2017 hervor, welchen die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO), die Cornell University und die französische Wirtschaftsuniversität Insead veröffentlicht hatten. Deutschland liegt in diesem Ranking noch knapp in den Top 10 auf Platz neun.

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