Protest gegen Vergewaltigungen - Indischer Künstler fotografiert Frauen mit Kuhmaske

Protest gegen Vergewaltigungen - Indischer Künstler fotografiert Frauen mit Kuhmaske
Erst vor kurzem vergewaltigten mehrere Personen in Indien eine junge Frau, die mit ihrem Baby zu ihren Eltern fahren wollte. Sie töteten auch ihre neun Monate alte Tochter.
Ein Fotoprojekt in Indien zeigt Frauen mit Kuhmasken. Und stellt die unangenehme Frage, ob Frauen in Indien weniger Wert sind als Rindviecher. Das Projekt ist ein viraler Erfolg, doch der Fotograf zog sich auch den geballten Zorn hinduistischer Gruppen zu.

von Timo Kirez

Ich bin verstört auf Grund der Tatsache, dass Kühe in meinem Land wichtiger sind als eine Frau, und dass es viel länger dauert, bis eine Frau, die vergewaltigt oder angegriffen wurde, Gerechtigkeit bekommt, als eine Kuh, die viele Hindus als ein heiliges Tier betrachten",

sagte der in Delhi ansässige Fotograf Sujatro Ghosh gegenüber der BBC. Indien ist immer wieder in den Schlagzeilen wegen Gewaltverbrechen gegen Frauen. Nach einer Regierungsstatistik wird in Indien alle 15 Minuten eine Vergewaltigung gemeldet.

Diese Fälle bleiben jahrelang vor Gericht, bevor die Schuldigen bestraft werden, während, wenn eine Kuh geschlachtet wurde, Hindu-Extremisten sofort den dafür Verantwortlichen zusammenschlagen oder töten.

Das Projekt, sagt Ghosh, sei "seine Art, zu protestieren". Vor allem gegen den wachsenden Einfluss von so genannten Kuhschutzgruppen, die sich in Selbstjustiz üben und offenbar noch stärker geworden sind, seit die hinduistisch-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) unter der Leitung von Premierminister Narendra Modi im Sommer 2014 an die Macht kam.

Ich war besorgt über die Selbstjustiz in Dadri [als ein Hindu-Mob einen muslimischen tötete, nachdem Gerüchte aufgekommen waren, wonach dieser Rindfleisch verzehre und aufbewahre; RT] und andere ähnliche religiöse Angriffe auf Muslime durch Kuh-Selbstjustizgruppen",

so Ghosh. Die BJP besteht darauf, dass Kühe heilig sind und geschützt werden sollten. Kuh-Schlachtungen sind deshalb jetzt schon in mehreren Landesteilen Indiens verboten. Strenge Strafen drohen Zuwiderhandelnden und das Parlament erwägt sogar einen Gesetzentwurf, um die Todesstrafe für das Vergehen verhängen zu können.

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Für Hindus heilig, für andere Inder Grundnahrungsmittel

Doch Rindfleisch ist gleichzeitig auch ein Grundnahrungsmittel für Muslime, Christen und Millionen von niederkastigen Dalits (ehemals Unberührbare), welche die Gewalt der sogenannten Kuh-Gruppen zu spüren bekommen.

Fast ein Dutzend Menschen sind in den vergangenen zwei Jahren "im Namen der Kuh" getötet worden. Verdächtige geraten oft auf Grundlage nicht substanziierter Gerüchte ins Visier der militanten Kuh-Lobby. Muslime wurden auch schon angegriffen, nur weil sie Milchkühe transportierten. Ghosh, der aus der östlichen Stadt Kolkata (ehemals Kalkutta) stammt, sagt, er sei sich dieser "gefährlichen Mischung aus Religion und Politik" erst nach seinem Umzug nach Delhi bewusst geworden.  Für ihn bedeutet sein Projekt "eine stille Form des Protestes, die, wie ich denke, eine Wirkung haben kann". 

Während eines Besuchs in New York kaufte Ghosh die Kuhmaske in einem Party-Shop und begann nach seiner Rückkehr, die Fotos zu schießen. Er fotografiert Frauen vor touristischen Attraktionen, Regierungsgebäuden, auf den Straßen oder bei ihnen zu Hause. Manchmal auch auf einem Boot oder in einem Zug. "Frauen sind überall gefährdet", so der Fotograf gegenüber der BBC. Und er ergänzt: 

Ich fotografierte Frauen aus allen Teilen der Gesellschaft. Ich habe das Projekt in Delhi gestartet, da es die Hauptstadt und die Drehscheibe von allem ist - Politik, Religion, auch die meisten Debatten beginnen hier.

Und weiter:

Ich habe das erste Foto vor dem ikonischen India Gate, einem der meistbesuchten touristischen Orte in Indien, aufgenommen. Dann fotografierte ich ein Model vor dem Präsidentenpalast, ein weiteres auf einem Boot auf dem Hooghly River in Kolkata mit der Howrah-Brücke als Kulisse.

Drohungen und Feindseligkeiten in sozialen Medien

Seine Modelle waren bis jetzt Freunde und Bekannte, denn: "Es ist so ein sensibles Thema, es wäre schwierig gewesen, sich an Fremde zu wenden", so Ghosh. Vor zwei Wochen, als er das Projekt auf Instagram startete, waren die Reaktionen "alle positiv". Doch nachdem die indische Presse das Projekt entdeckt und die Geschichte sich auf Facebook und Twitter weiter verbreitet hatte, änderte sich alles. 

Einige schrieben Kommentare und bedrohten mich, auf Twitter begannen die Leute, mich zu trollen, einige sagten, ich würde zusammen mit meinen Modellen zu Delhis Jama Masjid [Moschee] gebracht und dort geschlachtet werden, und dass unser Fleisch an eine Frauenjournalistin und eine Schriftstellerin verfüttert werden sollte, welche die Nationalisten verachten; sie sagten, sie wollten sehen, wie meine Mutter über meiner Leiche weint.

Manche Leute haben sich auch mit der Polizei von Delhi in Verbindung gesetzt.

Ich wurde beschuldigt, Unruhen anzuzetteln und sie baten [die Polizei], mich zu verhaften.

Ghosh ist von der Heftigkeit der Reaktionen nicht überrascht. Er gibt zu, dass seine Arbeit ein "indirekter Kommentar" auf die Politik der BJP ist.

Ich mache eine politische Aussage, weil es ein politisches Thema ist, aber wenn wir tiefer in die Dinge gehen, dann sehen wir, dass die hinduistische Vorherrschaft immer da war, aber erst mit dieser Regierung ist sie in den letzten zwei Jahren so offensichtlich geworden.

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Die Drohungen haben ihn jedoch nicht verschreckt.

Ich habe keine Angst, weil ich für die gute Seite arbeite",

sagte Ghosh gegenüber der BBC. Ein positiver Nebeneffekt des Projekts sei, dass er viele Nachrichten von Frauen aus der ganzen Welt bekommen habe, die auch Teil dieser Kampagne sein wollen. Die Kuh, so Ghosh, werde weiterreisen.

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