Neueste Enthüllungen zum Giftgasvorfall in Syrien - Mainstreammedien verdrehen weiter die Fakten

Neueste Enthüllungen zum Giftgasvorfall in Syrien - Mainstreammedien verdrehen weiter die Fakten
Ein Mitarbeiter der mit Al-Kaida kooperierenden Weißhelme atmet durch eine Sauerstoffmaske. Der Mann soll zuvor mit Giftgas in Kontakt gekommen sein, das die syrische Luftwaffe am 4. April in Chan Scheichun eingesetzt haben soll.
Mit seiner am Wochenende veröffentlichten Recherche zum Giftgasvorfall im syrischen Chan Scheichun hat US-Journalist Seymour Hersh nicht nur Washington einen Schlag versetzt. Auch die Mainstreammedien sind blamiert. Sie reagierten mit weiteren Verdrehungen.

Am Wochenende hatte der investigative US-Journalist Seymour Hersh in der "Welt am Sonntag" (WamS) einen Artikel veröffentlicht, der den Giftgasvorfall im syrischen Chan Scheichun vom 4. April in einem gänzlich anderen Licht erscheinen lässt als es bislang aus Washington bekannt war.

Unter Verweis auf Quellen aus dem US-Sicherheitsapparat schreibt Hersh, dass die syrische Luftwaffe bei ihrem Angriff auf Chan Scheichun kein Giftgas eingesetzt habe. Ein Bombentreffer auf ein Waffenlager der Rebellen habe Chemikalien freigesetzt, was dann zum Tod zahlreicher Menschen vor Ort geführt habe. Hersh bestätigt damit im Wesentlichen die Darstellung der syrischen beziehungsweise russischen Regierung.

Der amerikanische Journalist Seymour Hersh ist Pulitzer-Preisträger. Er deckt immer wieder geheime Machenschaften seiner Regierung im verdeckten Krieg gegen Syrien auf, Prag 8. August 2016.

Gleichzeitig widerspricht er damit nicht nur den Behauptungen der US-Regierung, sondern auch der Darlegung hiesiger Leitmedien. Diese stehen zwar Aussagen von US-Präsident Donald Trump zumeist misstrauisch gegenüber. Doch im Zusammenhang mit dem angeblichen Giftgasangriff auf Chan Scheichun haben sich die Mainstreammedien die Behauptungen des Weißen Hauses vorbehaltlos und unkritisch zu eigen gemacht.

Seymour Hershs Enthüllungen drohen deren Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Entsprechend fiel ihre Reaktion aus: Die meisten Medien und auch die Deutsche Presse-Agentur haben die Enthüllungen gar nicht erst aufgegriffen. Dort, wo man sie aufgegriffen hat, war die Berichterstattung bereits unterfüttert mit angeblichen Gegenbeweisen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei eine von Eliot Higgins, Betreiber des Onlineportals Bellingcat, am Sonntag verfasste Kritik. Ob beim Deutschlandfunk, der Huffington Post oder beim Faktenfinder der Tagesschau, sie alle beziehen sich affirmativ auf Higgins' Analyse – die Jungle World, Hauspostille der neokonservativ angehauchten kulturellen Linken, druckte sie gleich komplett ab.

Deutschen Medien gilt das Portal Bellingcat als "investigative britische Rechercheplattform" (Tagesschau), sein Betreiber Eliot Higgins firmiert als "Waffenexperte" (Tagesspiegel), dabei ist dieser Kritikern zufolge ein "arbeitsloser Blogger, der von seinem Sofa in Leicester" (Telegraph) aus berichtet. 

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"Anonyme Quellen" – Vorwurf löst sich in Luft auf

Immer dann, wenn westliche Medien gegen Moskau in die Faktenschlacht ziehen, ist Eliot Higgins zur Stelle. So auch dieses Mal. Das zentrale Argument, das der Brite gegen den US-Journalisten ins Felde führt, ist einmal mehr die angeblich mangelhafte Quellenlage: "Erneut stellt eine sehr geringe Zahl von anonymen Quellen das Fundament für Hershs Aussagen dar", behauptet Higgins. Diese Darstellung macht sich auch der Faktencheck der Tagesschau zu eigen, der Hersh vorwirft, "lediglich einen anonymen Sicherheitsberater" zu zitieren.

Die Beraterin des Weißen Hauses und Tochter des Präsidenten, Ivanka Trump, im Gespräch mit dem Pressesprecher Sean Spicer, 14. Juni 2017.

Doch gegenüber der Welt am Sonntag hatte Hersh die Identitäten aller zitierter Quellen offengelegt. Mit der "zentralen Quelle von Hersh" hat die Welt-Redaktion nach eigenen Angaben selbst gesprochen. Aus verständlichen Gründen wollten die Informanten nicht namentlich in der Veröffentlichung erwähnt werden, es handelt sich aber keineswegs um anonyme Quellen. Um die Informanten nicht zu gefährden, wurden zudem "private Aussagen und spezifische Hinweise auf Militäroperationen von der Redaktion gekürzt".

Den WamS-Artikel hatte Hersh auch der London Review of Books angeboten. Die Herausgeber hätten den Artikel akzeptiert, dafür bezahlt und gegengeprüft, um ihn schlussendlich doch nicht zu veröffentlichen.

Die Redaktion erklärte ihm, man mache sich Sorgen, dass das Magazin dafür kritisiert werden könnte, einen Artikel zu veröffentlichen, der zu sehr die Sichtweise der russischen und der syrischen Regierung vertrete", so die Welt

Der zentrale Kritikpunkt von Higgins löst sich somit in Luft aus. Kurios erscheint eine weitere zentrale Begründung seiner Ablehnung von Hershs Darstellung. Diese widerspreche den syrischen und russischen Angaben zum Vorfall, insbesondere was den zeitlichen Ablauf betreffe: 

Diese russischen Behauptungen sind konsistent mit den Behauptungen ihres syrischen Verbündeten, aber nicht mit den Behauptungen, die von Hersh und seiner Quelle getätigt wurden.

Abgesehen davon, dass Higgins hier in Bezug auf Hershs Quellen fälschlicherweise den Singular verwendet, ist es doch merkwürdig, dass er die Sichtweise von Moskau und Damaskus als Gegenbeleg anführt, obwohl er diese doch selbst schon widerlegt zu haben meint. 

Ein Bericht ohne Beweiswert

Im Übrigen stimmt Hershs Darstellung mit dem zeitlichen Ablauf überein, wie er beispielsweise in einem Bericht von Human Rights Watch (HRW) geschildert wird. Auf jenen im Mai erschienen Bericht verweist die Tagesschau in ihrem Faktencheck. Dort heißt es:

Auch Human Rights Watch beschrieb bereits vor Wochen in einem 63-Seiten langen Bericht den gezielten und wiederholten Einsatz von Chemiewaffen in Syrien. Die Erkenntnisse des Berichts zum Angriff auf Chan Scheichun erwähnt Hersh nicht.

Die ARD-Nachrichtensendung erwähnt die Erkenntnisse jedoch auch nicht. Vielleicht, weil der Bericht auf einem äußerst schwachen Fundament beruht. Zunächst einmal hat HWR keine Untersuchung vor Ort durchgeführt. Die US-Menschenrechtsorganisation verließ sich in ihrer Analyse auf Bildmaterial, dass sie von den mit Al-Kaida verbundenen und vom Westen finanzierten Weißhelmen erhalten hatte – auch die wichtigsten in dem Bericht zu Wort kommenden Zeugen gehören der zweifelhaften Hilfsorganisation an.

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In ihrer Bildanalyse kam HRW zu dem Schluss, dass bei dem Angriff auf Chan Scheichun eine Bombe sowjetischer Bauart des Typs KhAB-250 zum Einsatz kam. Das habe eine Analyse der Bilder des Einschlagkraters ergeben, in dem sich Überreste des angeblich bei der Attacke verwendeten Geschosses befinden sollen. Moskau demontierte die HRW-Analyse bereits fachgerecht - unter anderem mit dem Hinweis, dass Bomben wie die KhAB-250 "in der Luft explodieren, in einer Höhe zwischen 30 und 70 Metern, und somit keinen Einschlagkrater hinterlassen".

OPCW-Untersuchung: Faktencheck führt Leser in die Irre

Der Tagesschau-Faktencheck liefert noch ein weiteres Beispiel dafür ab, wie Agenda-Medien ihre Leserschaft durch Unterschlagung wichtiger Informationen in die Irre führen. So heißt es in der Kritik an Hersh, der Pulitzer-Preisträger ignoriere beispielsweise existierende Berichte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), denen zufolge die Opfer des Angriffs auf Chan Scheichun mit Sarin in Kontakt gekommen sind.

Im Faktencheck heißt es:

Die OPCW hat dazu biologische Proben von zehn Opfern des Angriffs untersucht und kommt zu dem Schluss: "Es wurde Giftgas eingesetzt", sagen die Experten - das sei "unbestreitbar".

In der Stellungnahme der OPCW selbst heißt es, die Ergebnisse der Analyse "deuten auf eine Einwirkung durch Sarin oder eine Sarin-ähnliche Substanz hin". Hersh bestreitet das nicht. Er schreibt selbst, dass das Chemikaliengemisch, das durch die Explosion infolge des Luftangriffs freigesetzt wurde, "ähnliche neurotoxische Symptome verursacht wie Sarin".

Der Faktencheck unterlässt es, seinen Lesern explizit mitzuteilen, dass die Vertreter der OPCW gar keinen Zugang zum Tatort hatten. Diese müssen sich das selbst zusammenreimen, wenn es später im Text heißt:

Aufgrund der Sicherheitslage war eine Untersuchung durch Experten vor Ort in Chan Scheichun bislang nicht möglich.

Mitte April berichtete die Tagesschau, Ziel der OPCW-Analysten sei es, "vor Ort in Syrien weitere Tests durchzuführen, sobald es die Sicherheitslage erlaubt".

Mit der Frage, warum die Sicherheitslage eine Vor-Ort-Untersuchung bislang nicht möglich gemacht habe, wird der Leser alleine gelassen. Wohl, weil dafür nicht Damaskus verantwortlich gemacht werden kann, denn der Ort liegt abseits der Front und wird von Dschihadisten aus dem Al-Qaida-Lager kontrolliert.

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Erfolglos hatte Moskau wiederholt darauf insistiert, den OPCW-Vertretern Zugang zum Ort des Geschehens zu verschaffen. Das russische Verteidigungsministerium kritisierte in diesem Zusammenhang auch den Umgang mit Beweismitteln vonseiten der Aufständischen. Diese hätten den Einschlagkrater zubetoniert, nachdem Damaskus die OPCW-Experten dazu aufgefordert hatte, den Ort zu untersuchen.

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, erklärte Anfang Mai dazu:

Ein Monat ist seit dem Vorfall in Chan Scheichun vergangen, im Zuge dessen mutmaßlich Chemiewaffen zum Einsatz kamen. Doch weder die Vertreter der USA noch jene Großbritanniens oder Frankreichs, die mit Vorwürfen eines chemischen Angriffs um sich warfen, haben irgendeinen konkreten Beweis gegenüber der Öffentlichkeit oder der OPCW vorgelegt.

An dieser Ausgangslage hat sich bis heute nichts geändert. In diesem Zusammenhang sollte ein weiterer bemerkenswerter Kontrast nicht unerwähnt bleiben: Die OPCW brauchte ein geschlagenes halbes Jahr, um den im September 2016 erfolgten Einsatz von Senfgas gegen Zivilisten durch Rebellen im Nordwesten Syriens zu bestätigen. Im Fall von Chan Scheichun hat die OPCW den Einsatz von "Sarin oder einer Sarin-ähnlichen Substanz" hingegen innerhalb von zwei Wochen bestätigt, ohne überhaupt Zugang zum Ort des Geschehens zu haben.   

Bei dem Zwischenfall am 4. April in Chan Chaichun, Syrien, kamen 86 Menschen um. Weitere wurden verletzt.

Schuldfrage a priori geklärt

Einem Faktencheck hätte sicher auch der Hinweis gut zu Gesicht gestanden, dass Hersh nicht der Erste ist, der die Darstellung des Weißen Hauses unter Bezugnahme auf Quellen aus dem US-Apparat in Zweifel zieht. Im April hatte mit Philip Giraldi ein ehemaliger CIA-Offizier und Spezialist für Terrorismusbekämpfung öffentlich erklärt, seine Quellen in den US-Geheimdiensten stimmten mit der russischen Position überein. 

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Dass Moskau im Recht und Washington – mitsamt der transatlantisch eingefärbten Medien – im Unrecht ist, diese Erkenntnis darf dem Publikum nicht zugemutet werden. Da überrascht es kaum, wenn Spiegel-Journalist Mathieu von Rohr den Hersh-Artikel in einem Facebook-Post als ein "höchst zweifelhaftes Stück" bezeichnet, das "im Kern auf einer einzigen anonymen Quelle" basiere. Hersh erzähle "seit Jahren Stuss", heißt es zustimmend im ersten Kommentar zu dem Post. Verfasserin: Sylke Tempel, Chefredakteurin der von der transatlantischen Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik herausgegebenen Zeitschrift Internationale Politik.

In der Online-Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins sucht man Hinweise auf Hershs explosive Enthüllungen jedenfalls vergebens. Dafür kolportierte Spiegel-Online am Dienstag unkritisch die Behauptung des Weißen Hauses, wonach die syrische Regierung erneut "potenzielle Vorbereitungen für einen weiteren Chemiewaffenangriff" treffe. Bei den derzeit beobachteten Aktivitäten handele es sich um ähnliche Vorbereitungen wie jene, "die das Regime vor seinem Chemiewaffenangriff am 4. April 2017 getroffen hat", zitiert das Magazin ohne jeden weiteren Kommentar die US-Regierung.

Deren UN-Abgesandte hat die Schuldfrage im Falles eines zukünftigen Giftgasvorfalls bereits für sich geklärt. Auf Twitter schrieb die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley:

Jeder weitere Angriff auf die syrische Bevölkerung wird Assad angelastet werden, aber auch Russland und Iran, die ihn dabei unterstützen, das eigene Volk zu ermorden.


Die Reaktionen auf Hershs Enthüllungen lassen befürchten, dass  auch in mancher Redaktionsstube der Leitmedien jetzt schon geklärt ist, wer in einem solchen Fall die Schuld zu tragen hat. 

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