Von Lissabon nach Wladiwostok: Georgien vs. Aserbaidschan - Jana und Dima erobern den Osten

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Dima und Jana erklimmen Berge. Hier sieht man unsere Abenteurer am Kasbek, dem dritthöchsten Berg Georgiens.
Ein deutsch-russisches Paar wagt sich auf eine Erkundungsreise durch Eurasien. In vier Monaten wollen Jana und Dima von Lissabon bis nach Wladiwostok reisen und sich dabei in Völkerverständigung üben. Dieses Mal vergleichen unsere Weltreisenden Georgien und Aserbaidschan.

Nach einer Woche an der türkischen Schwarzmeerküste, die überraschend vielseitig und kontrastreich war, fahren wir endlich nach Georgien. Hierauf freuen wir uns seit Beginn unserer Reise. Das liegt unter anderem am georgischen Essen, vor allem den Chinkali, den gefüllten Teigtaschen, von denen wir schon seit Tagen träumen.

Mehr zum Thema, wie die Reise begann: Eine halbe Weltreise als Zeichen deutsch-russischer Liebe: Von Lissabon nach Wladiwostok

Wir passieren die Grenze bei Batumi und sind nach zwei Stunden auf der anderen Seite. Die Grenzer waren weniger an der Ladung, sondern vielmehr an unserer Reise interessiert. So war Dima besonders mit dem Verteilen von Visitenkarten, wo die Adresse unserer Website draufsteht, als mit dem eigentlichen Grenzprozedere beschäftigt.

Kontrastreiches Batumi, zwischen modernen Hochhäusern und maroden Khrushchyovkas.

Der Strandort Batumi liegt direkt hinter der Grenze, doch wollen wir schnell diese Stadt hinter uns lassen. Um einen kleinen alten Stadtkern schießen Hotels und neue Wohnkomplexe wie Pilze aus dem Boden. Eine Struktur in der Architektur ist nicht zu erkennen. Marode Betonklötze aus Sowjetzeiten stehen neben modernen, westeuropäischen Neubauten aus Glas, und dazwischen quetschen sich kleine, alte Häuser, die sicherlich auch bald dem hiesigen Bauboom weichen müssen. Das ist nicht das Georgien, das wir sehen wollen, also schnell durchfahren und rauf in die Berge.

Der Kasbek (georgisch ყაზბეგი Qasbegi, auch მყინვარწვერი Mqinwarzweri, „Eisgipfel“) ist der dritthöchste Berg Georgiens.

Wir arbeiten uns durch Georgien und seine zahlreichen Nationalparks, probieren die einheimische Küche und trinken uns durch die Weinkeller unserer Gastgeber. Die Natur um uns herum genießen wir in vollen Zügen. Das erste Mal kommen die Wanderschuhe zum Einsatz, und Dima kann endlich das Rädchen am Cockpit drehen und auf Allrad schalten.

Der Name Mtirala (zu deutsch: Heulsuse) leitet sich von der bei 4520 mm liegenden jährlichen Niederschlagsmenge her, die das Gebiet zu einem der regenreichsten der ehemaligen Sowjetunion machte.

Wir baden in den Wasserfällen im Mtirala-Nationalpark und besteigen die Berge im Borjomi-Charagauli-Nationalpark, wo auch das berühmte Borjomi-Mineralwasser, das Getränk der alten Sowjetkader, herkommt. Im Westen wandern wir durch die Weinregion Kachetien und lassen uns den Aufstieg zur Gergetier Dreifaltigkeitskirche auf dem nördlich gelegenen Kasbek nicht nehmen.

Ja, die Gastfreundschaft haben wir bis jetzt in jedem unserer Artikel erwähnt, aber vor allem Georgien schenkt uns Begegnungen mit Menschen, die uns unterstützen, mit ihren Geschichten die Abende verkürzen und viele Fragen stellen. So kommen wir in den Genuss, die Weine in Grimis provisorisch angelegten Weinkeller zu probieren, wo wir glauben, dass er sich abends vor seiner Frau versteckt. Außerdem dürfen wir bei einer Familie auf dem Hof campieren und ihr Badezimmer benutzen. Dafür lassen wir uns über Deutschland ausquetschen und beantworten Fragen, ob es zum Beispiel Kaffee und Tee oder ob es Gold zu kaufen gibt. Überall wo wir mit Kolya auftauchen, werden wir über unsere Reise befragt, ob uns Georgien gefällt, wo wir waren und wie es weiter geht. Alle wünschen uns Glück und eine sichere Reise. Dima ist in seinem Element, endlich wieder Russisch zu sprechen. Jana hört, lächelt, nickt und hofft, in einem Monat auch mal was sagen zu können.

Kachetien (georgisch კახეთი, Kacheti; vollständig კახეთის მხარე, Kachetis Mchare) ist eine Verwaltungsregion im Osten Georgiens und der Name eines historischen Staates in diesem Gebiet an den Südhängen des Großen Kaukasus.

In den kleineren Orten erinnert noch vieles an Sowjetzeiten. Abgesehen von den alten Häusern, den Straßen und den Autos ist der Wein oft süß, weil Stalin ihn so am liebsten mochte. Erst in Kachetien, der Weinregion Georgiens, wird auf die Zuckerbeigabe verzichtet und auf den natürlichen Geschmack der Saperawi-Weinrebe gesetzt. Wir saugen die herrliche Ruhe auf, bevor wir nach Tiflis aufbrechen.

Dort angekommen, dreht der Wind etwas: In der ganzen Stadt sehen wir die europäische Flagge neben der georgischen wehen. Hier scheinen die Menschen anders zu denken als die Bevölkerung im ländlichen Teil.

Die Eu Flagge neben der Georgischen Flagge sieht man in Tiflis auf jedem Schritt und Tritt. Sogar sprichwörtlich auf den Socken.

Während sich auf dem Land viele über die Saakaschwili-Zeiten, in denen das Land einen klaren westlichen Kurs annahm, ärgern, schaut die Jugend in der Stadt nach Europa. Der Wunsch, ein Teil der EU zu sein, ist groß. Sogar an den Socken unseres Reiseführers können wir das klar ablesen. Es wird stellenweise mehr Englisch gesprochen als Russisch, und die Architektur im neuen Teil von Tiflis erinnert stark an die Moderne von europäischen Städten wie Brüssel oder London.

Stichwort Europa: Von Lissabon nach Wladiwostok: Die erste große Etappe

Tiflis bei Nacht

Nach einer Woche müssen wir uns von Georgien verabschieden. Die Zeit drängt, und es geht weiter nach Aserbaidschan. Dima ist angespannt und spricht nicht mehr viel vor der Grenze, haben wir doch einige Horrorgeschichten über unrealistisch hohe „Steuerabgaben“ als auch über Wartezeiten jenseits von Gut und Böse gehört. Er ist nervös, hat Bedenken wegen des Autos.

Wie wir dann aber auch hier feststellen dürfen, ist nicht immer alles so schlecht, wie es dargestellt wird.

Mit einem freundlichen „Salaam“ werden wir begrüßt und nach einer Stunde und zwanzig Dollar weniger in der Tasche („Autosteuer“) geht unsere Fahrt weiter nach Baku. Wir fahren über 400 Kilometer Landstraße geradeaus, um uns herum immer dieselbe Landschaft, die wüstenähnlich und sehr trist ist. Die Städte, an denen wir vorbeifahren, sind eher unscheinbar, die Leute wirken arm, die Häuser sind heruntergekommen.

Aserbaidschans semi-arides Klima prägt die Landschaft.

In Baku angekommen, ändert sich das schlagartig. Little Dubai lässt grüßen: Häuser und Fassaden voller Prunk und Protz, Ölplattformen vor der Küste, große Unternehmenszentralen, dicke Autos und Goldkettchen im Übermaß. Die Stadt als Landeszentrum könnte kontrastreicher nicht sein: alte persische Architektur trifft auf Sowjetbauten, daneben stehen Jugendstilvillen, die stark an Paris erinnern.

Ein architektonischer Mix und viel westliches Flair in der Innenstadt von Baku.

Sandstein vs. Stahlbeton, Hammamkuppeln vs. Hochhäuser, kleine schattige Gassen vs. achtspurige Stadtautobahnen. Während wir dort sind, bereitet sich die Stadt auf die Formel-1-Meisterschaft vor, wofür extra drei Schichten Asphalt verlegt wurden, die im Anschluss wieder entfernt werden.

Bei einer unserer beliebten Free Walking Touren lernen wir, dass die Aserbaidschaner der Oberklasse Russisch miteinander reden – das gilt als chic. Wer kein Russisch spricht, wird nicht in den besagten Kreisen aufgenommen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist muslimisch, jedoch weniger streng praktizierend als in der Türkei. Noch immer ist Ramadan, und während in der Türkei die Straßen am Tage leer waren, ist in Baku davon nichts zu spüren. Auf den Straßen gibt es Alkohol, und die meisten tragen europäische kurze Kleidung aller uns bekannten Marken.

Ein Relikt aus vergangenen Zeiten: Ein Fresko in einem Innernhof in Baku erinnert an die Sowjetunion.

Viel islamische Tradition ist verschwunden, als die Russen hier die Oberhand hatten. Das Ölgeschäft dominiert in diesem Land das Leben, und Jana wiederholt die Frage, was passiert, wenn das Öl aufgebraucht sein wird. Es ist keine unrealistische Frage, aber die meisten hier wollen davon nichts wissen. Als wir von den breiten Promenaden abbiegen und etwas hinter die Prunkfassaden schauen, finden wir viele zum Teil verlassene Baustellen vor. Nach dem Fall des Ölpreises wurde nicht mehr weiter investiert, und auch in den symbolischen Flame Towers von Baku brennen am Abend nur wenige Lichter, obwohl ein Wohnhaus und Hotel darin enthalten sein sollen.

Die Flame Towers sind ein markanter Hochhauskomplex in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku.

Es scheint mehr ein Relikt des Ölbooms zu sein als eine genutzte Immobilie. Unser Reiseführer ist Mitte Zwanzig und erzählt von seinen Freunden, die etwas Neues wollen, in Startups arbeiten und investieren, neue Geschäftsfelder erschließen, um unabhängig von Öl und Gas zu sein. Sie sprechen kein Russisch und werden dafür von der älteren Generation kritisiert. Sie wollen sich in eine andere Richtung bewegen, unabhängig und frei sein, reisen und die Welt entdecken. Das wird in Aserbaidschan aber noch von den wenigsten verstanden. Drei Tage tauchen wir ein in diese faszinierend vielseitige Stadt, die an manchen Ecken unterschiedlicher nicht sein könnte. Äußerlich ist Baku eine europäische Metropole, aber tief drinnen noch weit von Europa entfernt.

Jana präsentiert stolz die Flagge Aserbaidschans.

Da wir für Turkmenistan leider kein Visum bekommen haben, setzen wir mit der Fähre über nach Kasachstan. Die nächste abenteuerliche Etappe kann beginnen.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln. Diese Abenteuerreise kann man sowohl auf RT Deutsch als auch direkt auf dem Blog von Jana und Dima, lisbon2vladivostok.eu, verfolgen.