Deutsche Welle vs. RT Deutsch: Wer macht hier tatsächlich "Propaganda"? - Teil 2

Deutsche Welle vs. RT Deutsch: Wer macht hier tatsächlich "Propaganda"? - Teil 2
Politische Aktivisten getarnt als Journalisten, stimmungsmachende Schlagzeilen, servile Berichterstattung, Weitergabe von Fake-Meldungen - laut Deutscher Welle (DW) ist nur "Russenpropaganda" zu so etwas fähig. Doch inwieweit bleibt die DW sich und ihren eigenen Prinzipien treu?

Fortsetzung, den ersten Teil finden Sie hier

Der Westen ist der Ankläger, Russland ist der Angeklagte

Die dritte wichtige Zutat ist das Verhältnis des Westens zu Russland. Und auch hier steht die Berichterstattung eindeutig unter dem Vorbehalt des korrekten Klassenstandpunkts.

Die DW vermittelt den europäischen und deutschen Blick", steht in der Eigenbeschreibung auf der Website - und deutet damit an, dass es zwischen diesen nicht einmal denkbarer Weise einen Unterschied geben könnte.

Beschlüsse offizieller Organe wie der EU oder der NATO gibt der Sender, wenn sie mit Russland-Kritik verbunden sind, völlig unhinterfragt wieder.

Alltägliche News. Die Meldung mit dem Putin-Bild trägt den Titel: Russische Hacker werden verdächtigt Cyberangriffe auf italienisches Außenministerium durchgeführt zu haben.

Denn es gilt auch hier: Wer Russland kritisiert und sanktioniert, bekommt das Wort. Die DW wirkt hier als direktes Sprachrohr der Regierung. Eine Meldung, sei es auch nur ein Kommentar oder eine Meinung, die z. B. Sanktionen gegen Russland in Frage stellen würde, ist kaum vorstellbar.

Das Hauptstudio des Senders Deutsche Welle in Berlin.

Umgekehrt soll bei jedem antirussischen Skandal, wie neulich dem so genannten Russland-Gate, der Eindruck entstehen, es handele sich auf jeden Fall um etwas Solides, das Hand und Fuß hat, und natürlich von den Russen provoziert wird. Die Moderatoren im Studio distanzieren sich niemals von den Formulierungen, die einen Vorwurf gegen Russland enthalten, nicht einmal formal. Das Ergebnis: Ein normaler, alltäglicher Fernsehbeitrag bei der DW trägt in der Regel Überschriften der Art "Wie Deutschland und Europa sich gegen die russischen Hacker verteidigen werden" (Beitrag vom 11. Januar 2017).

Die logische Kette bleibt unerschütterlich: Sanktionen? Weil Russland die Krim annektiert hat, weil Russland Minsk verletzt und überhaupt aggressiv gegen die Ukraine vorgeht. Auf die Idee, dass Sanktionen selbst ein Akt der Aggression sein können, kommt niemand. Oder Russland-Gate? Da Russland sich in die US-Wahlen eingemischt hat usw. - Jeden Zweifel an dieser Darstellung würde man augenscheinlich als Ausdruck der Schwäche und des Defätismus wahrnehmen.

In ihren Tweets offenbart die deutsche DW-Redaktion, was sie bei ihrer Arbeit antreibt: dumpfe Russophobie: 

"Wir tun alles dafür, damit Russland endlich ein freies Land ist"

Das vierte Standbein des Medien-Angebots bei der DW sind die pro-westlichen oppositionellen Kräfte in Russland. Eine Opposition ohne Adjektive reicht, wie wir weiter unten zeigen werden, nicht aus, sie muss auf jeden Fall pro-westlich sein.

Insbesondere die Organisation "Offenes Russland" von Michail Chodorkowski und der Fonds für die Bekämpfung der Korruption von Alexei Nawalny bekommen sehr viel Aufmerksamkeit. Die Protestaktionen der Nawalny-Anhänger, die am Nationalfeiertag in Moskau und anderen Städten stattfanden, fielen gerade in unseren Untersuchungszeitraum.

Die Solidarisierung der DW-Journalisten mit den Protestlern war dabei so eindringlich, die Beiträge so zahlreich, dass schnell der Eindruck entstand, dass sich die DW-Redaktion für einen kurzen Moment in ein Stabsquartier der Revolution verwandelt hätte.

Mehr dazu: Kehren in Russland die 1990er Jahre zurück?

Alexej Nawalni während seiner kurzzeitigen Inhaftierung im Gespräch mit Journalisten, Moskau 12. Juni 2017.

Die Anzahl der Berichte steht dabei jedoch in keiner Relation zu deren Qualität. Man bekommt bei der DW keine Informationen über das Phänomen und den Verlauf der Proteste aus einer analytisch-distanzierten Perspektive. Stattdessen werden kurze Schnipsel von polizeilichen Handlungen gezeigt. Den Beitrag der jugendlichen Protestler, die den genehmigten Versammlungsplatz verlassen und sich provozierend unter die tausenden Teilnehmer des Volksfestes gemischt hatten, thematisiert die DW kaum.

Den analytischen Anteil in einem der Beiträge leistete allerdings kein Journalist, sondern ein Nawalny-Anhänger selbst; ein ca. 17-jähriger Student, der das Interesse der Jugendlichen an Nawalny mit dessen jugendaffiner, clipartiger und spöttischer PR-Kampagne im Internet erklärt. Und überhaupt: Haben diese Proteste nicht etwas mit einem jugendlichen Hang zum Ausprobieren von Extremen und mit Selbstbehauptung zu tun?

Das alles wird in den Beiträgen nicht hinterfragt. Stattdessen bombardiert der Sender Leser und Zuschauer mit zahlreichen Kommentaren deutscher Politiker und Experten zu den Protesten. Behutsam bewerten sie in ihren Stellungnahmen, inwieweit die Proteste für die von ihnen angestrebte Demokratisierung Russlands taugen. Ist Nawalny etwa "ihr" Kandidat?

Mehr lesen: Politiker in Russland warnen vor westlicher Einmischung in russische Wahlen

Ironischerweise war diese Meldung zum Moment des Abrufs ausgerechnet neben der Schlagzeile "Bundespräsident Steinmeier warnt Russland vor Einmischung in die Bundestagswahlen" auf der Website platziert. Die beste Realsatire schreibt eben immer noch das Leben selbst.

Symbolbild

"… die Meinungen aller in der Opposition vertretenen Parteien"

Man könnte meinen, dass die DW bei solcher Berichterstattung bloß die Strategie des Fehlenden Parts fährt - nur spiegelverkehrt auf Russland bezogen. Aber diese Position ist nicht als solche deklariert. Im Gegenteil: Auf die Fahne geschrieben hat man sich, "alle Seiten zu Wort kommen zu lassen". Was geschieht aber wirklich? Offizielle behördliche Stellungnahmen vonseiten der Russischen Föderation sind bei der DW eine Seltenheit. Maria Sacharowa, die Pressesprecherin des Außenministeriums, wird nur wenige Male im Jahr ausführlich zitiert.

Und auch zu den Parlamentsparteien findet man derzeit bei der DW kaum Informationen. Der letzte ausführliche Artikel zu Gennadi Sjuganow, dem langjährigen Chef der KPRF, erschien am 20. Oktober 2011 anlässlich seines Deutschland-Besuches. Die Partei "Gerechtes Russland" wird nur in Verbindung mit Ilja Ponomarjow erwähnt, der bis zum 6. Juni 2016 deren Mitglied war. Im Moment wohnt Ponomarjow in der Ukraine und hat den Status eines Putin-Kritikers.

Fazit: Ein Hauch des Kalten Krieges

Man kann diese Art der Berichterstattung mögen oder nicht, man kann ihr vertrauen oder nicht. Diese Wahl treffen die Nutzer – die DW hat in Russland eine langfristige Lizenz und irgendeine Form der Stimmungsmache gegen die DW konnten wir nicht feststellen. Hat sie aber eine solche verdient? Erinnern wir uns an die unendliche Schmutz- und Fake-News-Kampagne gegen RT Deutsch in den deutschen Medien.

Der eigentliche Skandal liegt dabei nicht einmal in der dort festgeschriebenen Hetze und dem kompromisslosen Regime-Change-Denken, die die DW in Bezug auf die russische Regierung praktiziert. Das Problem ist die Selbststilisierung, mit der die DW die Öffentlichkeit täuscht. Im zitierten Aufgabenpapier positioniert sich die DW als Gegenpart zu russischen Auslandsmedien. Letztere beschreibt man dabei als aggressiv und manipulativ. Sie handelten "linientreu".

Die Aktivität der DW trage dagegen zur Stärkung einer unabhängigen Berichterstattung bei. Von wem und wovon die DW jedoch "unabhängig" sein soll, wenn sie - wir erinnern uns - eine "nationale Aufgabe" verfolgt, bleibt allerdings ein Rätsel. Vielleicht soll sich auch bloß der Nutzer selbst unabhängig, mithilfe des "objektiven und ausgewogenen" DW-Journalismus seine eigene Meinung bilden? Laut ihrem Hauptslogan ist die DW "For Minds" – für Verstand und Bewusstsein. 

Möglicherweise versteckt sich die Antwort auch genau in diesem Slogan. Wenn RT Deutsch sagt "Erfahre mehr" und versucht, das reichhaltige Informationsangebot aufzubereiten und dabei seinen Schwerpunkt auf den O-Ton legt, versorgt DW mit einer Schar von Kolumnisten und Kommentatoren den Verstand ihrer Nutzer so, dass dieser sich nur ein einziges, nämlich das "richtige" Urteil bilden kann, jenes im Sinne von "unseren Werten".

Wer also von "minds" spricht, meint womöglich "mindcontrolling", so einen Eindruck bekommt man jedenfalls vom DW-Sortiment. Die bevormundende Berichterstattung des deutschen Auslandssenders lässt dem Konsumenten keine andere Wahl - Russland ist der Feind der schönen, freien demokratischen Welt und muss in seiner heutigen Form bekämpft werden. Den Konsumenten davon zu überzeugen ist in trockener Substanz der eigentliche Auftrag der Deutschen Welle.  

Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) - Bildquelle: Screenshot Phönix

Aber: Man möchte selbst angesichts der eindeutig festgestellten Tendenz in der Bewertung nicht komplett einseitig bleiben. Ein "Schwarzer Kanal", der 24/7 statt nur eine halbe Stunde lang sendet, ist die DW doch nicht. Oft liefert sie auch Interessantes und Hilfreiches wie Veranstaltungsberichte. Aber das war es schon, leider. Trotzdem empfehlen wir jedem Nutzer, bei der DW vorbeizuschauen, um sich selbst ein Bild zu machen.  

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die ältere Generation von dem Hauch des Kalten Krieges, der DW umweht, angewidert ist. Junge Menschen, die den Kalten Krieg nicht mehr kennen, werden mithilfe von praktischen Tipps zu Lifestyle und Studium für das Portal geködert. Im jungen Lebensalter ist es eben hip, "kritisch" zu sein.

Wen es zu kritisieren gibt, und wer zu bewundern ist, wird bei der DW praktischerweise vorgegeben: Tipps zum künftigen Arbeitgeber im gelobten Deutschland finden sich nur zwei Klicks von einer unendlichen Geschichte eines bösen russischen Diktators entfernt. Auf der Suche nach klaren Weltbildern können sie dem Medium sogar treu bleiben. Die Frage ist nur: Wie lange?