Deutsche Welle vs. RT Deutsch: Wer macht hier tatsächlich "Propaganda"? - Teil 1

Deutsche Welle vs. RT Deutsch: Wer macht hier tatsächlich "Propaganda"? - Teil 1
Ein Vergleich von RT Deutsch mit der Deutschen Welle (DW) als Pendant liegt nahe. Aber die DW-Journalisten weisen ihn zurück. Sie halten ihre Arbeit im Unterschied zum russischen Medium für "unabhängigen und ausgewogenen Journalismus". Ist es wirklich so?

Im Vergleich zur Deutschen Welle, die - zunächst als GmbH gegründet - seit 1924 auf Sendung ist und zurzeit ein weltweites Netz in 30 Sprachen unterhält, ist RT noch ein Kind. Das russische staatliche Auslandsmedium ist 2005 entstanden, RT Deutsch gibt es seit Oktober 2014. 

Ein guter Sender 

Schon früh nach Start des Sendebetriebes begrüßte die Deutsche Welle unser Medium auf seine Weise. Bereits im Dezember 2014 brachte der russischsprachige Ableger der DW den Artikel "RT in Deutschland: Ehemalige Spione und Skandaljournalisten im Kampf um die Zuschauer". Das Fazit war: Zu aggressiv und antiamerikanistisch sei das neue Portal, zu viele skurrile Experten – für einen anspruchsvollen Nutzer ist da nichts. Propaganda? Natürlich, aber eine schlechte.

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Eigenes Wirken sieht der Sender dagegen in einem strahlenden Licht. Nur aus "weiter Ferne" sei Deutsche Welle mit RT vergleichbar, sagte der Intendant des Senders, Peter Limbourg:

Natürlich sind wir ein Auslandssender, aber wir sind demokratisch verfasst. Der Unterschied zu russischen Auslandsmedien ist, dass wir auch die Meinungen der Opposition, aller im Parlament vertretener Parteien, abbilden. Wir versuchen, möglichst objektiven, ausgewogenen Journalismus zu bieten, der beide Seiten zu Wort kommen lässt", so Limbourg in einem Zeit-Interview im April 2015.

Zu diesem Moment sei das russisch- und ukrainischsprachige Angebot der Deutschen Welle bereits deutlich erhöht worden. Seit Ende 2014 berichtet DW auf Russisch rund um die Uhr und entwickelt immer mehr neue Formate. Seit 2011 geht DW in Russland über russische Partnersender wie RBK und Dozhd als Fernsehen auf Sendung. Insgesamt hat DW bis zu 41 Medienpartner in Russland, dazu arbeiten mehrere bekannte, oppositionelle Journalisten mit dem Sender zusammen.

Das alles, so Limbourg, um "Putins Propaganda Paroli zu bieten". Aber DW tue dies selbst natürlich nicht mit Mitteln der Propaganda, sondern mit "Aufklärung und pluralistischem Angebot". RT Deutsch nahm sich vor, dieses genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Nationale Aufgabe

Das erste, was bei der russischsprachigen DW-Startseite auffällt, ist, dass die Hälfte der Leisten gar nicht zu den eigentlichen News führt. Vielmehr sind das solche wie "Kultur und Lifestyle", "Studium und Karriere" und "Durch Deutschland". In diesen Sparten sind Beiträge zu finden wie "Studium in Deutschland: Warum ist das cool?", "Wie verdienen russischsprechende Studenten in Deutschland?", "Wo wartet auf Sie der deutsche Arbeitgeber?", "Komilfo: Wie man den Deutschen gefallen kann". Dazu noch "Die schönsten Sonnenuntergänge" und "Die blauflügelige Ödlandschrecke und andere Bewohner des Zollvereins".

Damit bestätigt die Deutsche Welle ihr eigenes Selbstverständnis als Instrument der Soft-Power. Zum einen wirkte das alles auf uns als RT-Macher durchaus beruhigend. Die Zweifel, dass unsere Reportagen-Reihe "Einmal in Russland" den Anstrich von Werbung hat, waren fürs Erste ausgeräumt. DW betreibt Werbung viel systematischer.

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Aber es geht DW nicht nur darum, Deutschland als begehrtes Zielland für Reisen, Arbeit und Studium darzustellen. Der DW-Intendant Limbourg sieht sich im Auftrag, "unsere Werte in der Welt zu verbreiten". Dies sei eine nationale Aufgabe.

Die Perspektiven Deutschlands als stärkstes EU-Mitglied sind weltweit gefragter denn je – und somit auch die journalistischen Vermittlungsleistungen der DW. Die internationalen Entwicklungen haben die DW seit 2014 vor zusätzliche Herausforderungen gestellt", heißt es in der Aufgabeplanung der DW für die Jahre 2014 bis 2017.

Auf diese müsse man "medial reagieren". Um auszuwerten, wie DW diese Aufgaben erfüllt, informierte sich unser Redakteur Wladislaw Sankin mehrere Tage lang über das Geschehen in Russland und in der Welt nur über DW. Und hier ist sein Bericht.

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Das Hauptmenü: Allgegenwärtige Russland-Schelte

Schon bald stellte sich heraus: Das Informationsangebot der DW ähnelt einem Gericht, das aus vier Hauptzutaten besteht. Das erste Zitat sind Menschen, die in Russland irgendein Problem mit Gesetz oder Behörden haben. Das sind in erster Linie Einzelprotestler, Lokalpolitiker oder NGO-Vertreter. DW begleitet sie auf Schritt und Tritt und lässt sie in Text-oder Videobeträgen ausführlich über ihre Schwierigkeiten erzählen. Argumente der anderen Seite - z. B. die der zuständigen Behörden - kommen nicht zur Sprache.

Das zweite Zutat – und das ist schon das Herzstück der DW-Informationspolitik - ist die Putin-Kritik. Gescholten wird natürlich nicht nur der russische Präsident als Politiker und Person, sondern auch sein "System". Ein hauseigener Grafiker zeichnet zu jedem politischen Anlass Putin-Karikaturen, die den Präsidenten als einen langnasigen und feigen Zwerg darstellen. Außer Putin ist nur noch Donald Trump in dieser Form und Intensität Objekt der Häme. Das ist aber erst die Vorspeise - oder das Dessert, je nach Geschmack.   

Den Hauptgang liefert Schanna Nemzowa, die Tochter des in März 2015 getöteten Oppositionellen und politischen Jungstars der Jelzin-Zeit, Boris Nemzow. Seit August 2015 ist sie Mitarbeiterin der DW mit Sitz in Bonn und Aushängerschild des Senders. 

Die erste Frage, die sich, von außen betrachtet, stellen würde, ist, ob ihr klares öffentliches Bekenntnis zum politischen Erbe ihres prominenten, ermordeten Vaters ihre Arbeit als Journalistin nicht behindern würde. Von möglichen Vorbehalten, die sie allein schon aus familiären Gründen haben könnte, ganz zu schweigen. Diese Frage stellte sich die DW-Redaktion offenbar nicht.

Im Gegenteil: Mit viel Jubel und PR-Unterstützung vonseiten ihrer eigenen politischen Boris-Nemzow-Stiftung und der FDP-Stiftung "Für die Freiheit" hat DW sie in ihre Reihen aufgenommen. Mit entwaffnender Offenheit zog Schanna Nemzowa auf der DW-Plattform dann auch sofort in den Kampf gegen den russischen Präsidenten Putin.

Bei DW macht sie vor allem Interviews, in wöchentlichem Takt. Was rauskommt, sind mit wenigen Ausnahmen Schlagzeilen wie diese:

Estnische Präsidentin: Russland ist Bedrohung für internationale Sicherheit

Norwegische Präsidentin: Wir haben keine Angst vor Russland

Soja Swetlowa: Putin und die Kräfte des Bösen sind nicht ewig

Sergej Losnitsa: Russische Realität sind Fehlen des Gesetzes und Respektlosigkeit gegenüber den Menschen

Senator McCain: Putin – Mörder, Bandit und Produkt des KGB

Marat Gelmann: Gegen Putin hilft nur Aikido

Mari Mendras: Die Kontakte zu Putin sind toxisch

Michail Chodorkowski: Das Putin-Regime wird zusammenbrechen wie die sowjetische Macht

Boris Akunin: Die heutige Macht führt mein Land ins Verderben

Bundeskanzlerin Merkel:

Alexej Nawalny: Die Menschen haben Angst, erschossen zu werden, wenn sie auf die Straße gehen

Lew Schlossberg: Im Fall einer Revolution wird es viel Blut geben

Unsere Frage: Wenn solche Schlagzeilen keine einseitige, agitatorische, parteiische Stimmungsmache sind, was ist dann einseitige, agitatorische, parteiische Stimmungsmache?

Vielleicht gibt es aber auch Gegendarstellungen? Wir haben danach gesucht. Aber die Antwort ist nein. Wladimir Putin und Personen, die nicht explizit zu seinen Kritikern gehören, kommen bei DW nicht zu Wort. Wenn Putin große Presse-Konferenzen abhält oder wie letzte Woche den "Direkten Draht" - einen mehrstündigen Frage-Marathon mit den Bürgern -, berichtet DW mit einer speziellen Strategie.

Als Vorgeschmack kommt zunächst eine Karikatur:

So bereitet sich Wladimir Putin zum direkten Draht mit Bürgern - er legt ihn mit Polizei-Schlagstöcken aus. Putin, Medwedjew und Trump sind die Hauptobjekte des Spotts bei DW. Über Politiker aus Obama-Lager, Deutschland und EU wird hingegen nicht gelacht.

Danach eine Fragerunde in den Moskauer Straßen - welche Frage man dem Präsidenten stellen würde. Im Unterton der meisten Fragen schimmert dann durch, ob es vielleicht an der Zeit für Herrn Putin sei, in den Ruhestand zu gehen? Auf der Suche nach einem harten Putin-Gegner wurden die Journalisten allerdings nicht fündig.

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Als Putins Auftritt, den DW im Unterschied zur RT Deutsch nicht gestreamt hat, vorbei war, ging der Sender in einem vierminütigen Videobeitrag auf den Inhalt der Aussagen Putins ein. Auszüge aus vier Antworten zerhackte DW in kleine Stücke und widerlegte den daraus gewonnenen Strohmann mit eigenem Off-Kommentar: Aussage gegen Aussage. Wobei z.B. die Aussagen des ehemaligen FBI-Chefs James Comey vor dem Kongressausschuss, aus Sicht des DW von vornherein als unumstößliche Wahrheit feststeht.  

Die Kommentare prominenter Autoren, darunter des Chefs des Moskauer Studios, Juri Rescheto, rundeten das Bild ab: "Der direkte Draht Putins – geniales und amoralisches Produkt", "Der direkte Draht – ideenlose Putin-Show", "Der direkte Draht – welche Antworten werfen Fragen auf?".

An diesem medialen Ereignis lässt die DW ihre Strategie deutlicher als sonst erkennen – den Nutzer so wenig wie möglich mit einem O-Ton derjenigen Sprecher allein zu lassen, die der Sender zu den Bad Boys dieser Welt auserkoren hat. Dank dieses Surrogats einer eigenen meinungsbildenden Leistung wird der Konsument zum Betreuungsobjekt dieser Form von Nanny-Journalismus.  

Fortsetzung: Deutsche Welle vs. RT Deutsch: Wer macht hier tatsächlich "Propaganda"? - Teil 2