Es war wie bei Orwell: Oliver Stone spricht von einer Hasswoche wegen seines Putin-Films

Es war wie bei Orwell: Oliver Stone spricht von einer Hasswoche wegen seines Putin-Films
Für den Dreh seines Films musste Oliver Stone mehrmals mit seinem Team nach Russland fliegen. Auf dem Bild: Oliver Stone auf dem Roten Platz während der Feierlichkeiten anlässlich des Tag des Sieges am 9. Mai 2016.
Der Medienrummel um den weltberühmten Regisseur und seinen vierteiligen Putin-Film ist enorm. Oliver Stone musste sehr viel Kritik und Häme wegen seiner Interview-Reihe mit dem russischen Präsidenten einstecken. Umso mehr hält er seinen Film für wichtig.

Seit Wochen finden sich Putin-Zitate aus dem neuen Oliver-Stone-Film in den Medien. Nun, seit der Film im US-amerikanischen Fernsehen auf dem Kanal Showtime gelaufen ist, ist der Regisseur selbst gern gesehener Interview-Gast. Die russische Rossijskaja Gazeta und die deutsche Zeitung "Die Welt" konnten mit dem Regisseur ein langes Gespräch führen.

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Wie in einer Dystopie

Dabei sagte Stone gegenüber der russischen Zeitung, dass die Woche, in der der Film ausgestrahlt wurde, für ihn der Hasswoche aus der Orwell-Dystopie mit dem Titel "1984" glich.  

Oh ja. Das ist eine organisierte Hasswoche. Wie von einem Ministerium für Wahrheit organisiert", so Stone gegenüber dem Blatt.

In dem Roman hat das totalitäre Regime auf dem künftigen Kontinent Ozeanien neben dem täglichen, so genannten Zwei-Minuten-Hass auch "Hasswochen" organisiert. Ein Ministerium für Wahrheit beschäftigte sich zudem mit Manipulationen.

Ähnlich auch hier. Kritiker warfen Stone Unterwürfigkeit gegenüber einem "Autokraten" vor: Er sei für diesen nur ein "nützlicher Idiot". Dennoch konnte Stone in mehreren Talkrunden, auch bei CNN, seine ruhige und versöhnliche Sicht der russisch-amerikanischen Beziehungen präsentieren. Die ganze, wie er selbst sagte, "Paranoia" und "Hysterie", die in den USA um Putin und Russland herrschen, veranlassten ihn allerdings zu einer ungewöhnlichen Schlussfolgerung:

Putin übt eine Art mentale Macht über die USA aus. Ihr Russen solltet stolz darauf sein, dass euer Präsident so viel Aufmerksamkeit erzielt, während eure Militärausgaben nur ein Zehntel jener der Vereinigten Staaten ausmachen und die Wirtschaft ebenfalls nur ein Zehntel der unsrigen erreicht. Das ist ganz einfach unglaublich.

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Stones Film läuft derzeit auch in Deutschland auf dem Bezahlkanal Sky. Deshalb wollten auch die Redakteure der "Welt" Genaueres über seinen eigenen Eindruck von Putin wissen, weil der Regisseur lange Zeit - länger als irgendein anderer Journalist zuvor - mit Putin sprechen konnte. Im Ergebnis entstand ein 20-stündiges Rohmaterial für den Film. Folgendes sagte Stone zu Putins Einfluss und Motivation bei der Ausübung seiner Macht:   

Mir ist nicht entgangen, dass man Putin jedes Verbrechen unter der Sonne vorgeworfen hat. Ich glaube, dass die Leute seine Macht überschätzen. Es gibt die Duma, es gibt Parteien, und es gibt viele Menschen, die Demonstrationen zeigen es, die ihn innerhalb Russlands kritisieren. Mein Eindruck ist, dass ihn die wachsende Kluft zwischen Reichen und Armen in Russland ernsthaft umtreibt. 

US-Filmregisseur Oliver Stone hat Russlands Präsidenten Wladimir Putin mehrfach in den letzten Jahren interviewt. Die Aufnahmen werden diese Woche ausgestrahlt.

Putin wieder vermenschlichen

Seine eigene Motivation beim Dreh dieses Filmes bestand darin, Putin wieder "ein menschliches Gesicht" zu geben, so sein Originalzitat. Dem Regisseur ging es dabei auch im wahrsten Sinne des Wortes um die Stimme – er ließ Putins Aussagen nicht von einer Sprecherstimme übertonen, sondern übersetzte sie in Untertiteln, damit wertvolle Informationen, die der Film enthält, wie die Körpersprache, bei der Übersetzung nicht verloren gehen. Stone dazu:

Die US-Öffentlichkeit kennt Putin oft nur aus kurzen Interviews im US-Fernsehen. Darin wird er übersetzt. Meist mit einer sehr harten, harschen Übersetzerstimme. Aber es ist wichtig, seine eigene Stimme zu hören - sie klingt sehr viel weicher, als man sie sich vielleicht vorstellt, ist aber zugleich sehr bestimmt.

Gegenüber westlichen Medien musste der Regisseur seinen nichtaggressiven Interview-Stil immer wieder erklären. Oliver Stone ließ seinen Gesprächspartner ausreden, wie auch in seinen früheren Filmen über die lateinamerikanischen Staatschefs Hugo Chavez und Fidel Castro. Er ging davon aus, dass man sich nicht 20 Stunden lang, wenn die Kameras "am Körper kleben", verstellen könne.

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Für Überraschung sorgte auch die ironische Neutralität, mit der die russischen Top-Politiker ihre westlichen Kollegen benennen:

Es war deutlich, dass er weder für Clinton noch für Trump ein besonderes Interesse zeigte. Er war da sehr vorsichtig, hat stattdessen stets von 'unseren amerikanischen Partnern' gesprochen. Ich muss gestehen, das hat sogar mich irritiert (lacht)", lautet ein Stone-Zitat im Welt-Interview.

Die Ausstrahlung des Films in Russland beginnt heute. In Deutschland wird es im August eine Wiederholung auf dem Kanal Sky geben. Noch in einer Reihe weiterer Länder wie Frankreich, Großbritannien und Italien erwarben Fernsehstationen die Ausstellungsrechte.