Gay Pride auf Ukrainisch: LGBT-Marsch hinter Polizeikordon in Kiew

Gay Pride auf Ukrainisch: LGBT-Marsch hinter Polizeikordon in Kiew
Teilnehmer und Gegner des Kiew-Pride am 18. Juni 2017.
Am 18. Juni fand in Kiew ein Marsch der LGBT-Community statt. Heftige Proteste vonseiten ukrainischer nationalistischer Organisationen begleiteten die Veranstaltung. Ein großes Polizeiaufgebot konnte Zusammenstöße verhindern.

Der so genannte Marsch der Gleichheit findet bereits seit drei Jahren in Kiew statt. Diesmal konnte er mehr Teilnehmer als bisher aus der ganzen Ukraine anziehen - nach verschiedenen Angaben zwischen 2.000 und 4.000. Auch die Route, die durch das Zentrum von Kiew führte, war diesmal länger.

Die Herausforderung für die Sicherheitskräfte bestand darin, Zusammenstöße mit Gegendemonstranten und Übergriffe vonseiten gewaltbereiter Gegner der Veranstaltung zu verhindern. Vertreter mehrerer nationalistischer Organisationen wie des Rechten Sektors oder der OUN hatten im Vorfeld des Marsches angekündigt, diesen verhindern zu wollen.

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Gegner hatten Eier und Farbbeutel mitgebracht

Um Störaktionen gegenzusteuern, riegelte die Polizei das Areal um die geplante Route ab. Dadurch konnte sie bei manchen Gegnern der Veranstaltung Eier und Farbbeutel beschlagnahmen. Die Proteste fanden jedoch statt. Dabei nahm die Polizei bis zu 50 aufgebrachte Gegner des Aufmarsches kurzzeitig fest.

Jedenfalls konnten die Gegner des Marsches per Lautsprecher die Teilnehmer des Marsches mit Informationen beschallen - zum Beispiel darüber, wie sich die Gleichstellung der nichttraditionellen Beziehungen auf die Geburtenrate auswirke. Manche Marschteilnehmer reagierten mit dem Parodieren der Rechten, indem sie in deren Reihen gebräuchliche Gesichtsmasken, die Balaklawas, anzogen.

Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche erklärte in ihrer Stellungnahme, dass sie praktizierte und öffentlich zur Schau gestellte Homosexualität ablehnt, aber auch dagegen ist, dass man gegen die Homosexualität in gewalttätiger Weise protestiert.

"Eine europäische Stadt erkennt man an intakten Straßen und legalen Bauten, nicht an Gay-Märschen"

In der ukrainischen Gesellschaft stößt die Zurschaustellung einer nichttraditioneller Geschlechtsorientierung auf wenig Zustimmung. In einer Petition an den Bürgermeister hatten mehr als 10.000 Bürger Kiews gefordert, den Marsch nicht zu genehmigen.

Wenn ihr die Hauptstadt europäisch machen wollt, dann muss man damit anfangen, die Straßen zu reparieren, mit nicht genehmigter Bautätigkeit aufzuräumen und die Natur zu pflegen - und die Rechte derjenigen, die solche 'farbige' Paraden nicht in ihrer Stadt möchten, zu achten", hieß es in der Petition. 

Mit dieser Anmerkung könnten sich die Kritiker des Kiew-Pride wenig Freunde gemacht haben. Die LGBT-Parade ist eine europäische Angelegenheit und erfolgt unter Aufsicht und mit Unterstützung der europäischen Strukturen. Zu diesem Zweck lassen sich westliche Gäste wie EU-Abgeordnete Rebecca Harms oder amerikanische Diplomaten regelmäßig auf den Märschen in Kiew blicken.

Die EU-Abgeordnete der Grünen, Rebecca Harms, nahm ebenfalls an den der Kiew-Pride-Parade teil.

Beide Gruppen - Teilnehmer wie Gegner der Gay-Märsche - gehören zu verschiedenen Flügeln der so genannten patriotischen Öffentlichkeit. So bekennen sich die Marsch-Teilnehmer zum ukrainischen Patriotismus nationalistischer Prägung, indem sie einen traditionell gekleideten und frisierten Kosaken ganz vorne laufen ließen.

Dieser schwenkte die Regenboden-Fahne und skandierte die Parole "Ruhm der Ukraine!", worauf die Teilnehmer antworten mussten: "Ruhm der Helden". Die Parole gilt als Erkennungsmerkmal für eine "richtige" Gesinnung, wie sie auch staatliche Stellen propagieren.

Rechtsnationale Protestler auf Russisch: "Ein Vater kann alles sein, nur nicht die Mutter"

Damit war aber die Gemeinsamkeit mit den Gegnern bereits zu Ende. So formulierten die Teilnehmer des Marsches eine andere nationalistische Parole, "Ukraine über alles", in "Menschenrechte über alles" um und begannen, diese zu skandieren.

"Solidarität über alles" steht auf dem Transparent der Marschteilnehmer.

Interessant war auch, dass die rechten Protestler, die im Kampf gegen alles Sowjetische, insbesondere bei Denkmalstürzen, sonst immer ganz vorne mit dabei sind, im Wege ihrer Gegenpropaganda die Teilnehmer des Marsches mit sowjetischen Liedern beschallten - natürlich auf Russisch. In einem Kinderlied hieß es zum Beispiel, dass der Vater alles Mögliche sein kann, aber nicht die Mutter.

Damit der Aufmatsch am sonnigen Vormittag des Sonntags ungehindert stattfinden konnte, hat die Stadtverwaltung 6.000 Polizisten abgestellt, die als lebende Barriere den Demonstrationszug abriegelten und begleiteten. Das Innenministerium stellte zusätzlich 1.200 Nationalgardisten bereit. Die Befürworter des Marsches bewerten die Parade in Kiew als Erfolg.

Teilnehmer der Veranstaltung

 

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