Wirbel um Arte-Doku: Wenn Antideutsche nach angeblichen Antisemiten suchen

Wirbel um Arte-Doku: Wenn Antideutsche nach angeblichen Antisemiten suchen
Dass Judenhass bekämpf werden muss, darüber herrscht in Deutschland ein breiter Konsens. Zur Frage, wer überhaupt ein Antisemit ist, gehen die Meinungen jedoch weit auseinander.
Nachdem Arte eine in Auftrag gegebene Doku über Antisemitismus nicht ausgestrahlt hat, wird dem Sender Zensur vorgeworfen. Die Bild-Zeitung sprang ein und sendete sie trotz fehlender Lizenz. Die Macher der Sendung bewegen sich im ideologischen Fahrwasser der Antideutschen.

Dass der deutsch-französische Sender Arte eine Dokumentation nicht ausstrahlt, sorgt nicht nur im Feuilleton der Medienlandschaft für Wirbel. Der öffentliche Sender hatte die vom WDR angemeldete Produktion in Auftrag gegeben, Titel: „Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa“

Doch was die Münchener Produktionsfirma Preview Production ablieferte, wollte der Sender nicht ausstrahlen. Denn ursprünglich sollte es „ein Film zum Antisemitismus in Europa“ werden, „bei dem ein Querschnitt verschiedener europäischer Länder vorausgesetzt war“. „Geliefert wurde jedoch ein Film, der das Thema Antisemitismus in Europa nur in Teilen behandelt und stattdessen einen Schwerpunkt auf die Situation im Nahen Osten legt. Damit weicht die Dokumentation deutlich von dem angemeldeten Programmvorschlag ab“, heißt es in der Begründung. Der beteiligte WDR äußerte zudem „handwerkliche Bedenken“. Der Sender prüfe intensiv, ob die Dokumentation den journalistischen Standards und seinen Programmgrundsätzen entspreche.

„So enthält der Film Ungenauigkeiten sowie Tatsachenbehauptungen, bei denen wir die Beleglage gründlicher prüfen müssen.“

Schnell machte der Vorwurf einer Zensur die Runde. Die Begründung zur Nichtausstrahlung als „fadenscheinig“ (taz) zu bezeichnen, war dabei noch einer der harmloseren Kommentare. Der Historiker Michael Wolffsohn will darin gar ein „Einknicken vor dem islamistischen Terror" erkennen. 

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„Der Verdacht liegt bitter nah, dass diese Dokumentation nicht gezeigt wird, weil sie politisch nicht genehm ist, weil sie ein antisemitisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist“, äußerte sich Bild-Chefredakteur Julian Reichelt.

Seine Zeitung nutzte die Gelegenheit, sich als aufklärerische Kraft im Kampf gegen Zensur und Antisemitismus zu gerieren, und stellte die Doku am Dienstag für 24 Stunden online - obwohl es nicht über die Ausstrahlungsrechte verfügt. Arte bezeichnete dieses Vorgehen als „befremdlich“, will aber keine rechtlichen Schritte gegen das Springer-Blatt einleiten. 

Signalwörter ersetzen Beweisführung

Die vom WDR geäußerten „handwerklichen Bedenken“ springen beim Betrachten der Doku sofort ins Auge. Diese arbeitet vornehmlich mit suggestiven Schnitttechniken, einseitig-verkürzten Darstellungen und pauschalen Diffamierungen. Selbst wo sie berechtigt Kritik übt, etwa an der Behauptung, die Verhältnisse im Gazastreifen glichen denen eines Konzentrationslagers, fällt sie ins andere Extrem, indem sie die Situation in den palästinensisch kontrollierten Gebieten Israels verherrlicht und schönredet.

Doch genau diese Einseitigkeit spricht in den Augen der Berliner Zeitung für die Sendung:

„Sie ist unausgewogen im besten Sinne. Sie ist unausgewogen, weil sie entschieden gegen den Antisemitismus Partei ergreift. Sie ist unausgewogen im besten Sinne, weil sie linke und rechte, arabische und europäische Antisemiten zu Wort kommen lässt, die sich damit selbst als Antisemiten überführen.“

Doch warum müssen Antisemiten überhaupt enttarnt werden? Weil sie nach Ansicht der Doku ihrem Judenhass nicht etwa freien Lauf lassen. Stattdessen benützten sie Chiffren. Wer Begriffe wie „Finanzkapital“, „Zionisten“ oder „Israel-Lobby“ in den Mund nimmt, der meine tatsächlich „die Juden“, erklärt die Antisemitismus-Forscherin Prof. Monika Schwarz-Friesel dem Publikum.

„Es gibt sehr viele Möglichkeiten, auf Juden zu referieren, ohne den Terminus Juden tatsächlich in den Mund zu nehmen.“

Wie viele Möglichkeiten es gibt, darüber klärt die Amadeu Antonio Stiftung in ihrer Broschüre „No World Order. Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären“ auf. Darin wird auf eine „ausführliche und aktualisierte“ Liste von „Signalwörtern“ verwiesen, die auf der Webseite der Stiftung einzusehen ist. 

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Neben den bereits Genannten zählt die Stiftung sogar Begriffe wie „Atlantik-Brücke“ oder „TTIP“ zu diesen Signalwörtern. Dass mit einer solchen Vorgehensweise leicht ein „antisemitisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft belegt“ werden kann, liegt auf der Hand. Dass Antisemiten solche Vokabeln tatsächlich als Chiffren einsetzen, macht umgekehrt niemanden zum Antisemiten, der sich ebenfalls dieser Begriffe ihrem ursprünglichen Sinn nach bedient.

Im Fahrwasser der Antideutschen

Wer wirklich Juden meint, das entscheiden allerdings die mit „philosemitischem Elan“ (Spiegel) vorgegangenen Macher der Sendung. Und diese bewegen sich unverkennbar im geistigen Umfeld der sogenannten Antideutschen. Diese in den 1990er Jahren aus der radikalen Linken hervorgegangene Strömung, die sich seitdem immer stärker bellizistisch-neokonservativen Positionen angenähert hat, wittert hinter so gut wie jeder Kritik an Israel latenten Antisemitismus.

Mit Moishe Postone und Stephan Grigat kommen in der Sendung Vordenker und wichtige Protagonisten dieser subkulturellen Strömung als Kronzeugen dafür zu Wort, dass angeblich überall Antisemitismus anzutreffen ist. Grigat war Stammautor der antideutschen Postille „Bahamas“ und schrieb auch für das pro-israelische Portal „Achse des Guten“ von Henryk M. Broder, mit dem wiederum die Münchener Produktionsfirma bereits mehrere Sendungen drehte.

In der Vergangenheit hat sich Grigat für „gezielte und wiederholte Militärschläge“ gegen Iran ausgesprochen – ob ihn das als Interviewpartner qualifiziert hat? Schließlich suggeriert die Dokumentation eine direkte Verbindungslinie von Adolf Hitler zu Ajatollah Khomeini. Das beide verbindende Glied: Der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der mit den Nazis kollaborierte und ab 1941 in Berlin lebte.

Vertreter der Antideutschen verweisen seit Jahren beständig auf al-Husseini, um zu belegen, dass es eine pauschale antisemitische Tradition in der muslimischen Welt geben würde. Damit befinden sie sich auf einer Linie mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, der dem Mufti eine „zentrale Rolle als Anstifter zur Endlösung“ zuschreibt.

Menschen gehen in eine Synagoge zum Gebet für Toleranz nach einem Brandanschlag  auf einen jüdischen Kindergarten, Berlin, 1. März 2007.

Dem widerspricht Hans Goldenbaum, Doktorand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle, in einem Gastbeitrag für Die Zeit:

„Rolle und Einfluss des Muftis sind der mit Abstand am häufigsten thematisierte Aspekt der Beziehungen zwischen Nationalsozialismus und arabischer Welt, das Thema war und ist hochgradig aufgeladen und Teil von Debatten über den israelisch-palästinensischen Konflikt oder modernen Islamismus. Erst in jüngerer Zeit setzt sich zumindest in der Forschung eine wirklich fundierte und quellenbasierte, differenzierte Sicht durch. Deutlich wird dabei, dass Husseini kaum irgendeinen Einfluss auf führende Kreise des nationalsozialistischen Apparats hatte.“

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Eine differenzierte Sichtweise lässt der Film hingegen vermissen. Von wem diese geprägt ist, verrät eine Passage zum Mufti. Dort heißt es:

„Die Nazis betreiben mithilfe des Muftis den Propagandasender Zeesen, um ihren Judenhass auf arabisch und persisch in die islamische Welt zu tragen. Ein Hörer macht später Weltkarriere: Ajatollah Khomeini.“

Der Ausschnitt erinnert an einen Beitrag von einem Urgestein der Antideutschen, dem neokonservativen Mathias Küntzel, der schon vor Jahren schrieb:

„Zu den allabendlichen eifrigen Zuhörern dieses Senders gehörte damals übrigens ein Mann, der später eine bemerkenswerte Karriere machen sollte: Ruhollah Khomeini."

Als öffentlich-rechtliche Sender haben Arte und WDR einen Programmauftrag, der die Ausgewogenheit der Berichterstattung und die Verpflichtung zur Wahrheit vorsieht. Davon ist diese Antisemitismus-Doku meilenweit entfernt. Es ist ein ideologisch geprägtes Machwerk, dass sich fragwürdiger Methoden bedienen muss, um den Beweis des allerorts grassierenden Antisemitismus antreten zu können.

Es auszustrahlen, wäre dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag wohl kaum gerecht geworden. Dass sich der Springer-Konzern hingegen widerrechtlich des Materials bedient, verweist auf die bekannte redaktionelle Linie des Hauses. Aber auch darauf, was von den Beschwörungen des Urheberrechtes zu halten ist, welche die privaten Verlage seit Jahren wiederholen.