Ukrainische Pop-Band NuAngels - Große Gefühle und ein bisschen Politik

Ukrainische Pop-Band NuAngels - Große Gefühle und ein bisschen Politik
Die ukrainische Band NuAngels wäre im vergangen Jahr beinahe für die Ukraine beim Eurovision Song Contest angetreten. Leider nur fast. Ihre Songs sind wundervoller Kitsch, gemischt mit einer Prise Politik. Aber zu wenig, um 2015 zum Zug kommen zu können.

von Gert-Ewen Ungar

Pop hat immer eine große Nähe zum Kitsch. Das liegt in seiner Natur. Mehr noch: Kitsch ist ein essenzieller Bestandteil der Pop-Kultur, denn Pop lebt von der Übertreibung. So entwirft Pop Welten, die in ihrer Übertreibung, in ihrer Radikalität im Grunde unbewohnbar sind. Wir können uns dort nur drei bis vier Minuten aufhalten.

Doch dass Pop eben Welten besingt, in denen wir niemals leben könnten, macht seine utopische Kraft aus.

Die ukrainische Band NuAngels entwirft utopische Welten in Perfektion. Man könnte natürlich auch sagen, die beiden Sängerinnen Slava und Viktoria, die vom einflussreichen ukrainischen Produzenten Jury Nikitin produziert werden, machen einfach kitschigen Pop. Irgendwie ist das richtig, aber irgendwie liegt diese Beschreibung gleichzeitig auch ziemlich daneben.

Viktoria und Slava stammen beide aus dem Osten der Ukraine. Viktoria aus Charkow, Slava aus Odessa. Den Namen NuAngels haben sie nur für eine relativ kurze Zeit getragen und auch nur, um sich dem Geschmack westlicher Zuhörer anzupassen.

Ein Antritt von NuAngels hätte viel Streit und Ärger erspart

Seit ihrer Gründung im Jahr 2006 sind sie unter dem Namen NeAngeli bekannt. Ihr musikalischer Markt ist der russischsprachige. Generell singen NeAngeli auf Russisch. Lediglich im Jahr 2015 machten sie einen Ausflug in die englische Sprache. Sie benannten sich in NuAngels um und nahmen mit dem Titel Higher an der Vorentscheidung zur Teilnahme am Eurovision Song Contest teil.

Fast hätte es geklappt. Doch im Finale landete Jamala mit 1944 vor den NuAngels, die seitdem wieder NeAngeli heißen.

Schade eigentlich. Die NuAngels hätten mit Higher vermutlich einen respektablen Platz unter den ersten zehn gemacht, aber nicht gewonnen, denn das Lied ist völlig unpolitisch und hat auch keinerlei antirussischen Untertöne.

Die Jury hätte also brav gemäß den Statuten ihre Punkte verteilt, der Russe Sergej Lazarev hätte den ersten Platz belegt, woraufhin der diesjährige ESC in Russland stattgefunden hätte. Aller Zwist und Streit, den der Sieg mit Beigeschmack von Jamala nach sich gezogen hat, wären uns erspart geblieben.

Dass sich einige Sequenzen in diesem Titel anhören, als seien sie bei Kylie Minogue geklaut, ist vermutlich auch eine absichtsvoll eingebrachte Reminiszenz für den westlichen Geschmack, denn ansonsten hören sich NeAngeli immer nur nach NeAngeli an.

Die Illusion einer vollständigen Trennung

Ihr aktueller Hit "Siren/Flieder" entstand in der Zusammenarbeit mit dem aktuellen musikalischen Projekt A-Dessa des Sängers Stanislaw Kostjuschkin. Stas ist wie Slava im ukrainischen Odessa geboren, lebt und arbeitet aber in Sankt Petersburg. Siren/Flieder handelt von einer Trennung, die nicht recht gelingen will.

Die Bildersprache ist eindeutig und verleiht dem Titel eine deutlich politische Stoßrichtung. Alle Dinge sind über die Jahre zusammengewachsen. Eine Trennung ist nicht ohne weiteres möglich. Der Text ist voller unterschwelliger Vorwürfe und Vorhaltungen, voll der Ambivalenz, der Suche nach Auswegen, der Bitten um Verzeihung.

Es wird deutlich, dass diese Trennung niemals gelingen kann.

Sicherlich ganz ungewollt bekam der Titel "Kiew-Moskwa/Kiew-Moskau" eine politische Dimension. Er stammt aus dem Jahr 2011. Im dazugehörigen Clip geht es um zwei Flugbegleiterinnen, von denen eine unschwer der russischen Aeroflot, die andere der Fluggesellschaft Ukraine International zugeordnet werden kann. Der Text beschreibt eine feste Verbundenheit auch über große Entfernung hinweg: "Kiew-Moskau: Wir werden immer zusammen sein". Die Entwicklung in der Ukraine hat die Bedeutung des Textes völlig ins Politische verschoben, was sich auch in den Kommentaren auf YouTube wiederfindet.

Bei Bedarf geht's auch brachialer

Wesentlich physischer als eine Liebe über große Distanz ist das Thema im Hit "Serjoscha". Serjoscha muss über ganz außergewöhnliche Qualitäten verfügen. Offensichtlich ist er hochgradig promisk, hat ständig wechselnde Partnerinnen, die sich nach einer Begegnung derart nach ihm verzehren, dass sie sich völlig vergessen. "Serjoscha, ich liebe dich auch, mit jedem Millimeter meiner Haut. Serjoscha, ich werde dich sehr vermissen", lautet der Refrain in deutscher Übersetzung.

Serjoscha vertröstet seine Verflossenen über Messaging-Apps so lange, bis diese die vermeintliche Beziehung pathetisch abbrechen, um sich einen Rest von Selbstachtung zu erhalten. Die finale Szene vor einem Wurstregal mag einen Hinweis gegeben auf herausragende physische Merkmale Serjoschas, den man im Clip nicht zu sehen bekommt. Serjoscha glänzt auch gegenüber den Zuschauern durch Abwesenheit.

Einfach nur ganz großartiger Kitsch ist hingegen "Roman": Ganz große Gefühle, ganz große Dramatik, ganz große Szene, intensiv gefühlter Weltschmerz. Hier geht es um Probleme, wie man sie nur in hochpreisigen Edelboutiquen bekommt.

Ich werde einen wunderschönen Roman schreiben, in dem wir immer zusammenbleiben.

US-Countrysänger singen über Pick-Ups, Nu Angels über ausrangierte LKWs

Die Szenerie des Clips ist übrigens die georgische Stadt Batumi am Schwarzen Meer. Batumi ist so etwas wie das Ibiza Georgiens. Party rund um die Uhr vor malerischer Landschaft am Meer. Sollte man als Alternative zum Urlaub in Spanien im Kopf behalten.

Zum Abschluss gibt es noch "Serdze/Herz". Darin geht es nicht nur um ganz große Gefühle, dort singt das Duo auch darüber, was mit alten, in Deutschland nicht mehr zulassungsfähigen Lastwagen passiert. Der LKW mit der Aufschrift "Wenn der Durst am schönsten ist" zielt nicht auf ein deutsches Publikum, sondern sagt vielmehr etwas über den Markt der Anschlussverwertung. Insbesondere Nutzfahrzeuge, die in unseren Breiten nicht mehr die Zulassung für den Straßenverkehr erlangen, verscherbeln findige Geschäftemacher gerne mal in die Ukraine, damit diese sich dort an ihrem Lebensabend nochmal nützlich machen können.

Dessen ungeachtet ist Serdze natürlich ein tolles Lied, das einmal mehr die ganze Bandbreite der Emotionen abdeckt, derer menschliches Empfinden fähig ist.

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