Was wurde aus den kühnen Bauwerken der Oktoberrevolution?

Was wurde aus den kühnen Bauwerken der Oktoberrevolution?
Studentenwohnheim Haus der Kommune an der Ordschonikidse-Straße
Ein Streifzug durch Gebäude, die in Moskau in den 1920er Jahren im Stil des Konstruktivismus gebaut worden sind. Das Land stand im Zentrum der architektonischen Moderne, die in Deutschland mit dem Bauhaus begann. Diese sichtbare Geschichte beeindruckt im Moskau an vielen Orten.

von Ulrich Heyden, Moskau

Langfenster, die sich horizontal über langgestreckte Gebäudefassaden ziehen; Außenwände, die nicht flach, sondern gewölbt sind; in Korridoren und Treppenaufgängen knalliges Rostrot und Ultramarin-blau. So präsentiert sich heute das Studentenwohnheim „Haus der Kommune“ an der Ordschonikidse-Straße im Süden Moskaus. Das siebenstöckige Gebäude wurde 1930 für 2.000 Studenten gebaut und drohte zu zerfallen. Doch 2013 erstrahlte es nach sechsjährigen Renovierungsarbeiten in neuer Pracht.

Durch die finanzielle Unterstützung des Moskauer Instituts für Stahl und Legierungen sei die Renovierung ermöglicht worden, erzählt der Leiter der Renovierungsarbeiten, der Architekt Wsjewolod Kulisch.

Viele der Wohnhäuser, Studentenwohnheime und Fabrikgebäude, die in den 1920er Jahren im Stil des damals revolutionären Konstruktivismus gebaut worden sind, verfallen heute in Moskau oder wurden schon abgerissen. Manche Gebäude werden renoviert und dann als Büros genutzt. Dass aber ein konstruktivistisches Gebäude in Moskau nach der Renovierung seine ursprüngliche Funktion behält, ist etwas Besonderes.

Alte Schrägrampen und neuer Aufzug im Studentenwohnheim an der Ordschonikidse-Straße

Zwischen 1917 und 1937 entstanden allein in Moskau 160 Gebäude in dem revolutionären Stil der Konstruktivisten. Meist junge Architekten entwarfen Verwaltungsgebäude, Groß-Garagen, Kulturhäuser, Banja-Dampfbäder, Speisehallen sowie Sport- und Bildungseinrichtungen. In vielen Städten auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion stehen heute noch die kühnen Gebäude der 1920er Jahre.

„Neue Kultur des Alltags“

Mit dem Architekten Wsjewolod Kulisch gehe ich durch einen Korridor im Studentenwohnheim „Haus der Kommune“. Rechts und links sieht man durch Glasfenster ein paar der alten „Schlafzellen“ für die Studenten, 2,3 mal 2,7 Meter große Räume, in denen nur zwei Betten Platz hatten, sonst nichts.

Die Schlafzelle kann man vom Korridor aus durch eine Schiebetür betreten. Zum Korridor hin ist der Raum mit Glasfenstern abgegrenzt. „Die Glasfenster gab es damals natürlich nicht“, sage ich zu Kulisch. „Doch die gab es“, antwortet er und lacht.

Um sich vor Blicken abzuschirmen, seien die Glasfenster von den Studenten mit Zeitungen beklebt worden, erzählt der Architekt, der mit Zeitzeugen gesprochen hat. Das Glas war nötig, weil man den 200 Meter langen, dunklen Korridor beleuchten musste, mit Strom damals aber gespart wurde. Der Korridor wurden also über das Tageslicht aus den Schlafkabinen beleuchtet.

Iwan Nikolajew hat das Studentenwohnheim an der Ordschonikidse-Straße entworfen. Der gesamte Komplex, der in Form eines „U“ gebaut worden ist, unterteilt sich in die Sektionen „Schlaf“ - „Lernen“ - „Alltag“ und erfüllte damit die bei einem Architektenwettbewerb aufgestellten Kriterien, erklärt Wsjewolod Kulisch.

Blick auf die Bibliothek im Studentenwohnheim Haus der Kommune an der Ordschonikidse-Straße

Die gesamte Anlage war so konstruiert, dass die Studenten morgens von ihren Schlafkabinen über die Korridore zum Waschen, zur Gymnastik, zum Umkleideraum, zur Mensa und schließlich in die Bibliothek gingen.

War die Ordnung in dem Wohnheim nicht sehr streng?

Ob sich die Bewohner durch die kleinen Schlafzellen und die strikte Abfolge ihres Weges von der Schlafzelle bis zur Mensa nicht zu eingeengt fühlten, frage ich Kulisch. Nein, meint der Architekt.

Die Studenten hatten alle Freiheiten."

Das wisse er von jenen, die damals in dem Gebäude gewohnt haben.

Man müsse auch bedenken, dass die Studentenwohnheime vor der Oktoberrevolution wesentlich archaischer waren. Da hätten viele Studenten in einem Zimmer gelebt, und es gab nicht genug Waschgelegenheiten.

Die Oktoberrevolution aber habe mit dem Bau von Speisesälen, Schwitzbädern und modernen Wohnheimen auch die hygienischen Bedingungen verbessert und damit eine „Kultur des Alltags“ geschaffen, sagt Architekt Kulisch.

Was ist eigentlich das Wesen des Konstruktivismus? „Der Unterschied des Konstruktivismus von allen anderen Richtungen in der modernen Architektur liegt nicht im Äußeren, in den Linien, Formen, dem Umfang, einem Haus auf Stelzen oder einem Flachdach. Nein. Das ist Mainstream. Aber der in diesem Mainstream organisierte Raum, das ist Konstruktivismus.“

Während der Renovierung wurde das Studentenwohnheim komplett nach modernen Gesichtspunkten umgestaltet. Die Studenten haben jetzt normale Zimmer und kleine Küchen, wie es sie auch in Europa und den USA gibt. Die berühmten schrägen Rampen im Innern des Gebäudes, die die Treppenstufen ersetzen, sind erhalten geblieben, wurden aber durch einen Lift ergänzt.

Dafür musste ich Kritik einstecken,"

erzählt Kulisch. Einigen Liebhabern des Konstruktivismus ging diese Modernisierung zu weit.

Studentenwohnheim Haus der Kommune an der Ordschonikidse-Straße

Ein Frankfurter wurde Chef-Architekt in der Sowjetunion

Das Studentenwohnheim an der Ordschonikidse-Straße ähnelt Gebäuden der deutschen Bauhaus-Architektur. Kein Wunder. In den 1920er Jahren gab es zwischen den Architekten in der Sowjetunion und Westeuropa einen regen Austausch, erzählt die Historikerin Alexandra Selivanova.

Sie ist aktiv in der Bewegung für den Erhalt denkmalgeschützter Häuser und Leiterin des „Avantgarde-Zentrums an der Schablowka“. Das Zentrum liegt südlich des Stadtzentrums in einem Viertel mit vielen viergeschossigen Häusern, die im Stil des Konstruktivismus gebaut worden sind.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahren gab es in Moskau Ausstellungen über moderne Architektur in Deutschland, erzählt Selivanova.

Die sowjetischen Architekten wussten sehr gut, was in Frankfurt und Stuttgart gebaut wurde und was Corbusier in Frankreich baute." 

Der Austausch zwischen West und Ost lief auch über Architekten aus Westeuropa, die nach der Revolution in die Sowjetunion übergesiedelt waren. Arbeitsmöglichkeiten gab es dort zu Genüge. Im Zuge der Industrialisierung entstanden Fabriken, und es wurden neue Arbeiterviertel gebaut.

Ende der 1920er Jahre siedelten mehr als 200 Bauhaus-Architekten aus Deutschland und den Niederlanden in die Sowjetunion über,"

berichtet die Historikerin. Viele von ihnen glaubten, dass sie in der Sowjetunion das verwirklichen konnten, wovon sie lange geträumt hatten.

Im Avantgarde-Zentrum - Moisel Ginzburg mit Brille - ein führender Architekt der Konstruktivisten zusammen mit Künstlern der Avantgarde

Einer der bekanntesten Übersiedler aus Deutschland war Ernst May. Er war bis 1930 Siedlungsdezernent der Stadt Frankfurt am Main. Er habe die Generalbaupläne für Wohnviertel in 30 sowjetischen Städten entworfen, so auch in den Industriestädten Magnitogrosk, Kusnezk, Leninsk und Karaganda.

Die Zusammenarbeit zwischen deutschen Architekten und der Sowjetunion dauerte bis 1937. Ein Teil der Umsiedler habe es „geschafft zurückzukehren", sagt Selivanova.

Diejenigen, die in der Sowjetunion geblieben waren, bauten ab 1935 nicht mehr im Stil des Konstruktivismus, sondern im Stil der von Stalin verordneten Neoklassik.


Ein großer Teil von ihnen geriet unter die Räder der politischen Repression,"

so die Historikerin.

„Wir wollen Touristen anlocken!“

Ziel des Avantgarde-Zentrums sei es, alle Häuser im Viertel vor dem Abriss zu schützen. Man setze sich außerdem dafür ein, dass in einzelnen Gebäuden des Viertels, wie der Schule und dem Studentenwohnheim, kleine Architektur-Museen entstehen.

Atelier Nr. 1 im Haus des Architekten Konstantin Melnikow

Mit dem Danilowski-Kaufhaus habe man sich schon über eine Dauerausstellung geeinigt. Durch diese Museen und gekennzeichneten Wege könne man das Viertel für Touristen interessant machen, so Selivanova. Ein positives Beispiel sei die Stadt Perm. Dort hätten die Bewohner eines Wohnviertels, das im Stil des Konstruktivismus entstand, eine Genossenschaft gegründet und die Renovierung ihrer Häuser in die eigene Hand genommen. Sie hätten Originalfenster anfertigen und einbauen lassen.

Mut macht Selivanova auch ihr Engagement für den Erhalt des berühmten Schuchow-Radio-Turms an der Moskauer Schablowka-Straße. Der 160 Meter hohe Turm aus Stahlgeflecht wurde 1919 auf Anweisung von Lenin gebaut. 2014 wollte das russische Post-Ministerium den Turm abreißen lassen. Es hieß, er stehe nicht mehr sicher und gefährde benachbarte Gebäude.

Doch an dem Abriss-Plan regte sich Kritik von einer Anwohnerinitiative und Architekten aus aller Welt. So ordnete das Moskauer Kulturministerium an, den Turm durch ein provisorisches Stützgerüst von innen zu sichern.

Dass sich auch internationaler Protest erhob, war kein Wunder, denn der vom Ingenieur Wladimir Schuchow entworfene Turm war ein Pionier-Projekt internationalen Maßstabs. Selivanova erklärt:

Der Turm wurde ohne Kräne wie ein Teleskop gebaut. Jede Sektion baute man innerhalb der vorherigen Sektion. Mit einfachen Winden wurde die Sektion dann noch oben gehoben."

Direkt unter dem Radio-Turm entstand in den 1920er Jahren ein ganzes Quartal mit vierstöckigen Wohnhäusern im Stil des Konstruktivismus, darunter auch das Haus „Kommune Nr. 1“.

Die Konzeption des Hauses war das modernste, was damals erfunden wurde,"

erklärt die Historikerin. Es wurde 1927 von dem Architekten Georgi Wolfenson entworfen.

Schlafzimmer im Haus des Architekten Konstantin Melnikow

Die Idee sei gewesen, dass die Menschen lernen, den Alltag gemeinsam zu verbringen. Der Platz für den Schlaf sollte das Einzige, was der Mensch für sich allein hat. Alles andere sollte absolut offen sein.

„Schluss mit der Küchen-Sklaverei!“

In der Kommune Nr. 1 gab es einen Gemeinschaftsflügel. Dort war die Kantine untergebracht. Diese mussten alle Bewohner des Hauses benutzten. Eigene Küchen hatten sie nicht.

Außerdem befanden sich im Gemeinschaftsflügel eine Kinderkrippe und ein Kindergarten. Für die Frauen gab es so die Möglichkeit zur Arbeit zu gehen oder sich gesellschaftlichen Tätigkeiten zu widmen. In dem Gemeinschaftsflügel gab es auch einen Sportsaal und einen Klub. Auf dem Dach des Flügels befanden sich im Sommer ein Kino und eine Sonnenterrasse.

Dass das Konzept des Kommune-Hauses eine Utopie war, wurde schon in den 1930er Jahren deutlich. Damals versuchten die Bewohner des Hauses, in ihren Schlafzimmern eigene Küchen zu organisieren und dort Gaskocher aufzustellen.“

Die Bewohner hätten versucht, selbst Essen zu kochen, um nicht in die Kantine gehen zu müssen. Denn dort war das Essen nicht schmackhaft.

Es wurde klar, dass dieser Traum nur ein Traum bleiben würde.“

Aber einige Ideen des Kommune-Hauses seien gut gewesen. Es sei sehr praktisch, wenn der Kindergarten direkt im eigenen Haus existiert und man das Kind nur in eine andere Etage bringen muss.

Und wenn in der Kantine ein gutes Essen zubereitet worden wäre, glaube ich, dass alle in die Kantine gegangen wären und nicht etwas auf ihren Gaskochern zubereitet hätten.“

Zum Konstruktivismus haben die Russen ein nüchternes Verhältnis

Die Russen verbringen nach wie vor gern Zeit im Kollektiv. Sie sind es gewohnt, mit mehreren Generationen in einer Wohnung zu leben und im Kollektiv zu arbeiten. Doch wer kann, kauft sich eine eigene Wohnung oder baut sich ein eigenes Häuschen, auch wenn es nur klein ist. Dorthin lädt man dann gern die Freunde zum Schaschlik-Essen ein.

Das Thema Konstruktivismus wird von den russischen Medien so gut wie nicht behandelt. Dass die Russen aber nur Prunk und Kitsch lieben, stimmt nicht. Vor allem Leute unter 60 Jahren kaufen gern bei Ikea ein. Am meisten interessiert an der revolutionären Phase der russischen Architektur ist noch die Mittelschicht. Die Konstruktivismus-Fans mit den größten romantischen Gefühlen wohnen meiner Meinung nach in westlichen Ländern.