Patriotismus in Russland - der eigene Weg zwischen übersteigertem Nationalismus und Selbsthass

Patriotismus in Russland - der eigene Weg zwischen übersteigertem Nationalismus und Selbsthass
Gedenkfeierlichkeiten zum Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg 2016. Bild: Sputnik/Michail Klimentjew
Während viele Länder der EU von einem Extrem ins andere fallen und Schwierigkeiten haben, einen Weg der Mitte zwischen Ultranationalismus und Selbsthass zu finden, spielen diese in Russland kaum eine Rolle. Der Grund dafür sind die historischen Erfahrungen.

von Peter Röger

Westeuropäische Politiker und Mainstreammedien klagen seit Jahr und Tag darüber, wie nationalistisch unterfütterte, populistische Kräfte die über Jahrzehnte der Nachkriegszeit hinweg kultivierte Vision von einem "vereinten Europa" unterminieren.

In Großbritannien hat eine breite EU-kritische Bewegung sogar den Austritt des Landes aus dem Staatenverbund erzwungen. In Frankreich hat es die Kandidatin des Front National, Marine Le Pen, als zweite in ihrer Familie in eine Stichwahl um das Präsidentenamt geschafft. In Polen und Ungarn sitzen nationalkonservative Kräfte fest im Sattel, in Österreich vereinigen sie ein gutes Drittel der Wählerschaft auf sich und sogar in Deutschland etabliert sich mit der AfD erstmals flächendeckend eine Partei, die den Traum von einer postnationalen Zukunft als Albtraum wahrnimmt.

In den USA, wo Donald Trump im Vorjahr mit der Botschaft "America First" - Anklänge an die früheren Slogans "La France d'abord" (Front National) oder "Deutschland zuerst" (Die Republikaner) kommen nicht von ungefähr - sensationell sogar zum Präsidenten gewählt wurde, fühlt sich mittlerweile mehr als die Hälfte der weißen Arbeiterklasse fremd im eigenen Land.

Der neue Nationalismus in der westlichen Welt – der durchaus vielgestaltig ist - hat eine Reihe von Ursachen. Neben wirtschaftlichen Abstiegsängsten spielt auch ein generelles Unbehagen an gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte eine Rolle. Man kann sich nicht mehr mit dem identifizieren, was aus dem eigenen Land geworden ist. Menschen haben das Gefühl, etwas geht verloren, ohne dass etwas Besseres nachkäme.

Dazu kommt ein tiefer Vertrauensverlust in die Politik, viele Bürger glauben die Versprechen von immer mehr Wohlstand und den Chancen der Globalisierung nicht mehr. Offene Grenzen begünstigen, dass sich Konflikte, die sich zuvor tausende Kilometer entfernt abgespielt hatten, vor die eigene Haustür verlagern.

Angst um Verlust von Souveränität und Identität

Die traditionellen Volkskirchen sind keine Sinnstifter mehr, sondern nur noch weitere bürokratisierte Sozialvereine neben vielen anderen. Immer weniger Kinder wachsen in immer weniger intakten Familien auf. Gleichzeitig haben immer mehr Menschen den Eindruck, die Politik zwinge ihnen Gesellschaftsexperimente auf, ohne sie um Zustimmung gefragt zu haben, während öffentliche Kritik daran immer mehr an nachteiligen Folgen nach sich ziehen kann.

Während in den USA die Wiedergewinnung der Souveränität der Schwerpunkt nationalistisch geprägter anti-globalistischer Bestrebungen ist, spielt in Europa die aktive Pflege tradierter Feindbilder eine wesentlich größere Rolle. In Polen, im Baltikum oder in der Ukraine sticht vor allem die antirussische Karte, in Westeuropa zeichnet sich vor allem eine immer stärkere Ablehnung des Islam ab.

Das Hauptargument der Befürworter eines möglichst starken Europa lautet, dass nur ein solches verhindern könne, dass die Rivalitäten zwischen seinen Nationen wieder in Kriege und totalitäre Bestrebungen ausarten. Die Geschichte des Kontinents hatte in der Vergangenheit tatsächlich gezeigt, dass das Zeitalter der aufkommenden Nationalstaaten in Europa auch zu einem Mehr an Kriegen, Vertreibungen oder sonstigen Konflikten zwischen diesen geführt hatte.

Der Botschafter Frank Elbe blickt auf eine lange Karriere als Diplomat zurück: Von Polen bis in die Schweiz war er in zahlreichen Ländern stationiert. Gemeinsam mit Hans-Dietrich Genscher war er an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über die Deutsche Einheit beteiligt.

In der Russischen Föderation spielen nationalistische Bestrebungen trotz einiger partieller Erfolge eine eher untergeordnete Rolle. Die in der Zeit der Perestroika aktive antisemitische Pamjat-Bewegung ist im Laufe der 1990er Jahre zerfallen. Der für seine aggressive Rhetorik nach außen bekannte Chef der Liberaldemokraten, Wladimir Schirinowski, konnte nie wieder an seinen 23-Prozent-Erfolg des Jahres 1993 anknüpfen. Es gibt in Russland auch keinen Front National und keinen Geert Wilders. Der Blogger Alexej Nawalny, der in ähnlicher Weise wie der Letztgenannte sozialen und wirtschaftlichen Liberalismus mit Fremdenfeindlichkeit und radikalen Positionen gegen den Islam verbindet, ist im Westen ungleich beliebter als in Russland selbst.

Nationalismus als Bruch mit dem Althergebrachten

Das 19. Jahrhundert ist einer der Schlüssel zum Verständnis hinsichtlich der Frage, warum ein ethnischer oder ethno-linguistischer Nationalismus, wie man ihn aus zahlreichen anderen europäischen Städten kennt, in Russland eher ein Fremdkörper blieb und nach wie vor ist.

In vielen Staaten Europas hatte die Idee der Nation Sprengkraft entfaltet, um auf der einen Seite die Macht lokaler Fürsten, auf der anderen die Dominanz monarchischer Großreiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich zu zerschlagen. Die Idee der Demokratie und Volkssouveränität, wie sie die Französische Revolution in blutiger Weise in Frankreich durchgesetzt hatte, und die der Nation gingen Hand in Hand im Zeichen einer Emanzipation vermeintlicher oder tatsächlicher Willkür durch die überkommenen Systeme.

Die bewaffneten Revolutionäre bewachen das Kirier-Automobil der Provisorischen Regierung am 2. März 1917 in Petrograd.

Der neu gewählte französische Präsident Emmanuel Macron fand jüngst, wie das Magazin GQ berichtete, überraschend kritische Worte über die Französische Revolution und das, was sie im kollektiven Bewusstsein hinterlassen hat.

Die Revolution hat einen tiefen emotionalen Abgrund ausgehoben, einer, der imaginär war und uns sagte: Der König ist nicht mehr da!" Seit der Revolution habe Frankreich seither versucht, dieses Loch zu füllen, die bekanntesten Versuche waren dabei die von Napoleon und De Gaulle, die aber nur teilweise erfolgreich gewesen seien. "Den Rest der Zeit", so Macron. "hat es die französische Demokratie nicht geschafft, dieses Loch auszufüllen."

Der europäische Nationalismus als Kind der Moderne hatte einen Bruch mit den überlieferten Gewissheiten angestrebt. Im 19. Jahrhundert stand er nicht nur gegen den Thron, sondern auch gegen den Altar – insbesondere in Deutschland, wo der entlang von Konfessionslinien geführte Dreißigjährige Krieg einst bis zu zwei Dritteln der Bevölkerung ausgerottet hatte.

Zwei Arten, Darwin zu lesen

Die alten Götter wurden jedoch schnell durch neue ersetzt. Insbesondere haben die westeuropäischen Eliten die aufkommenden Lehren Darwins stets unter Betonung des Faktors "Kampf ums Dasein" in einer Weise interpretiert, die ihren Fokus auf die Behauptung einer Überlegenheit der eigenen Nation gegenüber anderen legte.

Denkmal für Nikolai Miklucho-Maklai in Malyn/Ukraine. 

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Russland ist hingegen einen anderen Weg gegangen. Dort stand der Dreiklang aus Правосла́вие, самодержа́вие und наро́дност - Orthodoxie, Zarentum und Nationalität - im Zentrum der Staatlichkeit. Das bedeutete, dass dem orthodoxen Christentum als konstitutivem Element der nationalen Identität eine Hegemonie zukam. Dazu kam noch die Loyalität gegenüber dem Monarchen als Souverän und die Idee, dass die aus einer dreistelligen Anzahl an Ethnien und einer Vielzahl an religiösen Hintergründen zusammengesetzte Nation sich durch einen Gesamtstaatspatriotismus vereint sah.

Dies war eine Antithese zum ethnischen und ethno-linguistischen Nationalismus, der in Europa vorherrschte, dort die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich zerbersten ließ und sich später noch durch biologistische Elemente verschärfte.

Der konfessionelle Patriotismus in Russland war einer der bedeutsamen Faktoren, die eine nationalistische Revolution verhinderten. Auch wurde der Darwinismus in Russland auf eine andere Weise rezipiert als im Westen.

Eine bedeutende Rolle spielten dabei etwa die Lehren Nikolai Miklucho-Maklais, deren Kern darin bestand, dass der Schlüssel zur Weiterentwicklung der Menschheit nicht im Kampf ums Dasein auf beschränktem Raum zu suchen sei, sondern in der Kooperation unter Gleichen. Miklucho betonte, es keine überlegenen Rassen oder Völker, sondern nur Untergruppen der biologisch gleichen Spezies "Mensch", die sich nur historisch auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befänden. Dies sei ein Auftrag an weiter entwickelte Völker, andere in deren eigener Weiterentwicklung zu unterstützen.

Dr. Hauke Ritz sprach zudem einen weiteren Aspekt des russischen Verständnisses vom Gemeinwesen an, das auf einer unterschiedlichen Erlösungsvorstellung der westlichen und östlichen Kirchen beruhe. Während die westlichen Kirchen allein den Einzelnen als errettungsbedürftigen gefallenen Menschen im Blick haben, ist die Erlösungsvorstellung in der Orthodoxie zusätzlich auch auf die Gemeinschaft und auf die Welt insgesamt bezogen, in welcher der Einzelne lebt.

Dies begünstigte umgekehrt, dass während der Umbrüche in der Landwirtschaft und der Industrialisierung die soziale Frage in Russland eine stärkere Sprengkraft entwickelte als in westeuropäischen, wo sie vielfach von der nationalen überlagert wurde.

Der Große Vaterländische Krieg als Lehrmeister des Patriotismus

Die größte Bedeutung für das heutige Verständnis von Patriotismus in Russland entfaltete jedoch der Große Vaterländische Krieg zwischen 1941 und 1945, als die widerstreitenden Nationsvorstellungen in ihrer extremsten Form aufeinandertrafen. Auf der einen Seite stand die Sowjetunion, in der Josef Stalin nach den Wirren der Revolutionsjahre zunehmend wieder den Wert der althergebrachten Bindungskräfte des russischen Gemeinwesens entdeckte und das Prinzip der brüderlichen Beziehungen zwischen Menschen beschwor. Auf der anderen Seite stand das Regime Hitlers, dessen Ethos die extremste Ausformung aller Vorstellungen von der Notwendigkeit einer blutgetränkten Durchsetzung der vermeintlichen Überlegenheit einer Ethnie oder einer Rasse darstellte.

Der Sieg im Zweiten Weltkrieg hat einen Eindruck auf das kollektive Bewusstsein der russischen Nation hinterlassen, der bis heute ungebrochen ist. Die Sowjetunion und vor allem das russische Volk wurden zu Opfern der barbarischsten Erscheinungsform eines ethnisch-biologisch begründeten Nationalismus. Ihr unter größten Entbehrungen errungener Sieg hingegen war Mahnung, nie zu vergessen, dass es gilt, eine Zivilisation, die auf Respekt und Brüderlichkeit aufbaut, zu bewahren.

Der russische Präsident Wladimir Putin während seiner Rede zum Tag des Sieges am Roten Platz am 9. Mai 2017.

Das kollektive Erbe der russischen Nation aus den letzten Jahrhunderten ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass das russische Volk Nationalismus und Extremismus regelmäßig an der Wahlurne eine Absage erteilt. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass gerade die wenigen nationalistischen Parteien, etwa jene Alexej Nawalnys, sich vom Westen inspirieren lassen.

Die politischen Kräfte des russischen Mainstreams hingegen definieren russischen Patriotismus als Loyalität zur russischen Heimat ungeachtet eines ethnischen oder religiösen Hintergrundes. Die öffentliche Bedeutung der Orthodoxie hat zudem geholfen, Russland von moderneren Formen eines postkulturellen und postreligiösen Nationalismus zu verschonen, wie sie Westeuropa heimsuchen.

Wohlwollende Neutralität des Staates in religiösen Dingen

Die orthodoxe Mehrheit der Russen lebt in Frieden mit den zahlreichen Muslimen, Juden und Buddhisten, die zum Teil seit Jahrhunderten als konstitutive Teile der russischen Nation und des Gemeinwesens anerkannt sind. Auch Nichtreligiöse genießen in Russland die gleichen Rechte. Islamfeindliche Bestrebungen stoßen auf keine nennenswerte Resonanz. Auch andere Versuche, das Land entlang religiöser Linien zu spalten, gehören der Vergangenheit an. Die Kommunistische Partei strebt bereits seit dem Großen Vaterländischen Krieg keinen atheistischen Staat mehr an.

Die Behauptung westlicher Mainstreammedien und Politiker, die russische Politik wäre nationalistisch, ist deshalb nicht nur postfaktisch, sondern verrät auch völlige Ahnungslosigkeit über ein Land, das mehr als 27 Millionen Opfer zu beklagen hatte, als es darum ging, europäischen Ultranationalismus zu besiegen.

Russlands Erfahrungen haben dazu beigetragen, einen gesunden Mittelweg zu finden jenseits eines übersteigerten Nationalismus auf der einen Seite und einem Selbsthass, verbunden mit der Verachtung traditioneller Kultur, wie man sie in einigen europäischen Ländern als dessen Kehrseite vorfindet. In diesem Sinne gibt Russland durchaus ein Vorbild dafür ab, wie man Frieden im eigenen Land schaffen und bewahren kann, ohne auf eine patriotische Perspektive zu verzichten.

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