Requiem für den amerikanischen Traum: Neues Buch von Noam Chomsky

Requiem für den amerikanischen Traum: Neues Buch von Noam Chomsky
In den 1960er Jahren begann Chomsky, sich in der Öffentlichkeit stärker politisch zu artikulieren. Auslöser war unter anderem auch der Vietnamkrieg.
Noam Chomsky, Linguist und Philosoph am Massachusetts Institute of Technology (MIT), gilt seit nunmehr fast 60 Jahren als einer der einflussreichsten westlichen Denker. In einem neuen Buch trägt der Anarchosyndikalist nun den "amerikanischen Traum" zu Grabe.

von Timo Kirez

Die New York Times nannte ihn einst den "einflussreichsten westlichen Intellektuellen". Aber auch gleichzeitig den "bekanntesten Dissidenten der Welt". Noam Chomsky, geboren am 7. Dezember 1928 in Philadelphia, wuchs in einem Arbeiterviertel seiner Heimatstadt auf und beschäftigte sich schon sehr früh mit dem Bürgerkrieg und der anarchistischen Revolution in Spanien. Seine frühe Politisierung beschrieb Chomsky einst in einem Interview:

Ich wuchs in den 1930er Jahren in der Zeit der Großen Depression auf. Ich bin Jahrgang 1928. Ende der 30er Jahre entwickelte ich erstmals intellektuelles und politisches Bewusstsein. Meine Eltern befassten sich vor allem mit der jüdischen Kultur, mit Hebräisch usw., aber viele meiner entfernteren Verwandten, meine Onkel und Tanten, gehörten der Arbeiterklasse an. Sie lebten alle in New York, damals fast alle arbeitslos. Sie waren in eine ganze Reihe politischer Aktivitäten verwickelt. Einige von ihnen waren Trotzkisten, andere hatten sich zu libertären Kritikern des Bolschewismus entwickelt. Die Kultur der Arbeiterklasse war damals sehr lebendig, man interessierte sich für Freud, das Budapester Streichquartett und für Shakespeare.

Der Linguistik- und Philosophie-Professor Noam Chomsky,während eines Besuchs in Havanna. Kuba, 2003

Er besuchte einen Kibbuz, wo er zwar Sympathien für die libertäre gesellschaftliche Struktur entwickelte, aber gleichzeitig von der ideologischen maxististisch-leninistischen Konformität abgeschreckt wurde. Zudem merkte Chomsky schnell, dass er keinerlei landwirtschaftliches Talent hatte. Nach sechs Wochen kehrte er wieder zurück in die USA. Dort studierte er Linguistik an der University of Pennsylvania, an der er 1955 seine Dissertation "Transformational Analysis" vorlegte. Im gleichen Jahr begann er seine wissenschaftliche Karriere am MIT, zuerst als Assistenzprofessor und seit 1961 als ordentlicher Professor für Linguistik und Philosophie.

Als Linguist gefeiert, als politischer Analyst kontrovers

In den 1960er Jahren wurde seine bahnbrechende linguistische Arbeit anerkannt, seitdem gilt er als einer der wichtigsten Theoretiker auf diesem Gebiet. Über das sprachwissenschaftlich interessierte Publikum hinaus wurde er allerdings als einer der bedeutendsten Kritiker der US-Außenpolitik, der weltpolitischen Entwicklungen und der Macht der Medien bekannt. Mit seinen detaillierten und faktenreichen Publikationen dekonstruierte Chomsky schon sehr früh den US-amerikanischen Mythos von der freiheitsliebenden und menschenfreundlichen demokratischen Supermacht.

Er äußerte sich nicht nur zum Vietnamkrieg, sondern unter anderem auch zu Kuba, Haiti, Nicaragua und Lateinamerika. Und natürlich auch zu Israel und Palästina sowie zum ganzen Nahen Osten. Zudem ist er einer der profiliertesten Kritiker, wenn es um die Folgen der Globalisierung und einer neoliberalen Weltordnung geht. Sein Fokus liegt dabei wesentlich auf seinen Wahrnehmungen von ökonomischer Ausbeutung und wirtschaftlicher, sozialer und politischer Macht, die heute die internationale Ordnung und die gesellschaftliche Realität dominieren.

Soziale Ungleichheit als Leitthema

Trotz seiner mittlerweile 88 Jahre ist Chomsky auch bei aktuellen Themen immer mit dabei. So forderte er kürzlich zusammen mit Edward Snowden die Einstellung des Verfahrens gegen WikiLeaks: 

Auch die Rolle der Medien und deren manipulative Methoden bei der "Fabrikation von Konsens" analysierte Chomsky sehr gründlich. Unter anderem in seinem Buch von 1988, Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media. In seiner neuesten Publikation knöpft er sich den Mythos des amerikanischen Traums vor. Unter dem Titel Requiem für den amerikanischen Traum befasst er sich erstmals umfassend mit dem großen Thema unserer Zeit: der sozialen Ungleichheit.

Wie dachte die französische Intelligenzija? Und wie konnte man sie für einen pro-US-amerikanischen Kurs gewinnen?

Anhand von zehn Prinzipien zur Konzentration von Reichtum und Macht und mithilfe zahlreicher historischer Texte der amerikanischen Geschichte erklärt Noam Chomsky, wie der amerikanische Traum – dass jeder es mit harter Arbeit zu etwas bringen kann – in den letzten Jahrzehnten beerdigt und ein System nie da gewesener sozialer Ungleichheit errichtet wurde, von dem letztlich nur einige wenige profitieren. 

"Requiem für den amerikanischen Traum" liefert einen eindrucksvollen Zugang zur Breite und Tiefe von Noam Chomskys Denken. Es verdeutlicht seine politischen Ideen mit einer beispiellosen Direktheit. Eine Pflichtlektüre für alle, die noch Hoffnung auf eine gemeinsame, demokratische Gestaltung unserer Zukunft jenseits eines "Weiter so" haben.

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