Kauft nicht beim Russen: Folgen der Russland-Sperre für die Ukraine

Kauft nicht beim Russen: Folgen der Russland-Sperre für die Ukraine
Moskau, Abschnitt einer Metro-Strecke unter freiem Himmel.
Die Folgen der Sanktionen gegen russische IT-Unternehmen können enorm sein. Schädlicher ist allerdings der psychologische Effekt der Sperren. Betroffene diskutieren mittlerweile offen darüber, wie sie zu umgehen ist.

Manche Rankings führen die russischen IT-Riesen Yandex und VKontakte (vk.com) unter den zehn beliebtesten Web-Diensten weltweit. Auch Mail.ru und Odnoklassniki (ok.ru) spielen in der Premier-League des WWW. Unter den ersten fünfzig sind sie zusammen mit einigen chinesischen Diensten fast die einzigen, die ihren Hauptsitz nicht in den USA haben.

Den Daten der Ranking-Homepage SimilarWeb zufolge machte die Ukraine bis vor kurzem 17,6 Prozent des gesamten VK-Traffics aus, 15,5 Prozent desjenigen von Ok und 2,5 von Yandex. Nun sollen die Platzhirsche via Sperre aus dem Markt gedrängt werden. Es ist kein Geheimnis, wer davon profitieren wird.

Viele kleine Selbstständige werden Probleme bekommen

Es ist voraussehbar, dass der Wechsel Millionen privater Internet-User zu Google oder Facebook die Folge sein wird. Aber die Sperre betrifft nicht nur Massendienste. Auch professionelle Anwendungen wie die Antivirussoftware KasperskyLab oder Buchhaltungssoftware des Unternehmens C1 stehen auf Sanktionsliste.

Das Problem mit C1 heben sogar die notorischen Gegner Russlands hervor, wie der Abgeordnete Mustafa Najem, der sonst jede Sanktion gegen "den Feind" begrüßt. Die Produkte von C1 finden im gesamten GUS-Raum aktive Anwendung. Bis zu 300.000 ukrainische Organisationen, Betriebe und Firmen nutzen die Software.

Der deutsche Wettbewerber SAP, der nach einigen Schätzungen weltweit den größten Marktanteil hat, könnte vom Russland-Ban direkt profitieren. Aber der Wechsel ist kompliziert und kostspielig. Angesichts der ökonomischen Probleme der ukrainischen Wirtschaft könnte dieser für manche eine unüberwindbare Herausforderung sein.

Die Sprecher der russischen IT-Riesen versuchen trotz drohendem Verlust der Marktanteile Gelassenheit auszustrahlen. Die Verluste seien überschaubar, so könnte man die Stimmung bei Mail.ru und Co. zusammenfassen. Die Börsen reagierten träge auf die Sperre, meldete das russische Wirtschaftsportal Wedomosti. An der Londoner Börse seien bei Mail.Group die Aktienwerte lediglich um 0,22 Prozent gefallen.

Kosten in Milliardenhöhe erwartet

Liegt es daran, dass die Umsetzung des Mammutvorhabens der Kiewer Behörden zu unrealistisch erscheint? Die ersten ukrainischen Branchenvertreter nahmen gestern die Stellung zum Präsidenten-Erlass. Der Chef der ukrainischen Internet-Vereinigung Alexander Fediejenko schätzt die Folgekosten der antirussischen Sanktionen allein für den ukrainischen Staat auf eine Milliarde Euro.

Ukraine erweitert Sanktionen gegen Russland – Große IT-Unternehmen betroffen

Die Maßnahmen zum Umstieg werden dabei bis zu zwei Jahren oder länger dauern, so der Expert. Sein Kollege, das Mitglied der Internet-Vereinigung Maxim Tuljew, äußerte sich skeptisch zu Perspektiven der kompletten Umsetzung der geplanten Maßnahmen.

Man kann nicht komplett sperren. Derjenige, der sich bewusst um den Zugang kümmern wird und entsprechende Programme installiert, der bekommt die Zugänge. Man kann die Bandbreite der Informationsverbreitung einschränken, gänzlich beseitigen kann man sie nicht", sagte Tuljew gegenüber den Journalisten.  

Die IT-Unternehmen hatten bei der Preis-Berechnung nicht die Kosten einer möglichen Sperre miteinkalkuliert und kauften eine billigere Ausrüstung ein. Das kann jetzt eine Teuerung bei den als sehr günstig geltenden Internetdiensten in der Ukraine zur Folge haben.

Russland: Nicht an Dummheiten beteiligen

Die russischen IT-Spezialisten schätzen, dass insgesamt bis zu drei Prozent der ukrainischen Nutzer über VPN-Dienste ausweichen und so auf die russischen Portale gelangen werden. Insgesamt seien etwa 25 Millionen Nutzer in der Ukraine von der Sperre betroffen. Sie nutzten die Plattformen für Kontaktpflege, Werbung und Unterhaltung.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko auf einem nun verbotenen russischen sozialen Netzwerk

Eines der wichtigen Nebenziele der geplanten Maßnahmen sei der Bau einer virtuellen Mauer – der völlige Abbruch jeglicher Kontakte mit Russland, und seien es Freunde oder Verwandte, hebt man in Russland hervor. Doch diese antihumanen Ziele könnten im 21. Jahrhunderten mit den modernen Kommunikationstechnologien nicht realisiert werden.

Das Mitglied des Duma-Ausschusses für Informationspolitik, Ewgeni Rewenko, ist der Ansicht, dass derartige Maßnahmen weder menschliche noch informationelle oder geistige Bande zwischen den beiden Völkern zerbrechen können, egal, wieviel Mühe die Kiewer Regierung in ihr Vorhaben steckt.

Diese wackelige Konstruktion mit Verboten und Sanktionen kann in naher Zukunft zusammenbrechen", so Rewenko.

Der stellvertretende Minister für Kommunikation, Alexej Wolin, hielt die Entscheidung, den Zugang zu russischen Suchmaschinen und sozialen Netzwerke zu sperren, für sinnlos. Die Regierung in Kiew "schoss sich wieder ins eigene Bein". Gegenmaßnahmen seien nicht geplant, um "sich an Dummheiten nicht zu beteiligen". Er ging auch auf die Nichtumsetzbarkeit des Beschlusses ein:

Wenn Sie sich mit der Blockierung einer populären Massenressource beschäftigen, dann diskreditieren Sie die Macht, denn sie zeigen, dass die Regierungsbeschlüsse unrealistisch sind, dass sie umgegangen werden können. [...] Sie fördern in Menschen den Rechtsnihilismus und erhöhen die Fertigkeiten im Umgang mit Computern.

Nicht mehr ernst nehmen

Die Errichtung eines virtuellen eisernen Vorhangs kommt auch in der Ukraine nicht gut an. Nationalisten, Maidanbefürwörter und Russlandkritiker aller Couleur genauso wie alle anderen nutzen die sozialen Netzwerke, die für die Ukraine extra ukrainisch-sprachige Seiten einrichteten. Die Suchmaschine Yandex wirft zu jedem Eintrag, sei er pro- oder antiukrainisch, eine große Auswahl an Ergebnissen aus.

Solche Sperren zeigen deutlich, wie realitätsfern die ukrainischen Eliten inzwischen handeln. Hinter der martialischen Rhetorik und destruktiven Maßnahmen versuchen sie eigene Unsicherheit zu verbergen.

Lange Zeit konnten die revolutionären Eliten nach dem Maidan durch Propaganda ihre antirussische Politik rechtfertigen. Aber wenn die breite Masse an Menschen aufgrund solcher selbstschädigender Maßnahmen ihre eigene Regierung nicht mehr ernst nimmt, indem sie die Restriktionen umgeht und damit die geltenden Regelungen verletzt, kann dies der Anfang vom Ende sein. Parallelen zur späten Sowjetunion liegen nahe. Auch dort haben Realitätsverlust, Abschottung und Freiheitsberaubung im Wesentlichen zum Zerfall des riesigen Staates beigetragen.