Vor 50 Jahren: Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 in Berlin

Vor 50 Jahren: Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 in Berlin
Der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras schoss dem 26-Jährigen mit einem Pistolenschuss aus kurzer Distanz in den Hinterkopf. Ohnesorg überlebte nicht.
Der Tod von Benno Ohnesorg bei den Anti-Schah-Demonstrationen vor 50 Jahren in Berlin gilt als Fanal der Studentenrebellion in der Bundesrepublik und Zäsur der Nachkriegsgeschichte. Ein neues Buch dokumentiert ausführlich das Ereignis und die Hintergründe.

Für den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin und Pfarrer Heinrich Albertz (SPD) war der 2. Juni 1967 der "Tag des Zornes Gottes über meinem Haupt". Am Rande der gewalttätigen Demonstrationen gegen den Schah-Besuch in Berlin wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten in Zivil erschossen. Als die Schüsse vor der Deutschen Oper fielen, lauschten der Schah von Persien und dessen Frau, Farah Diba, Mozarts "Zauberflöte".

Eine Textzeile aus dem Stück lautet:

"In diesen heil'gen Hallen kennt man die Rache nicht."

Der Tag wurde zum Fanal für die Studenten- und Jugendrevolte in Deutschland gegen die, wie es hieß, etablierten Verhältnisse und alten Autoritäten, die sich bis dahin meist nur auf die Universitäten beschränkt hatten. Für die noch junge Bundesrepublik, die eigentlich gerade erst "volljährig" geworden war, bedeuteten die Ereignisse vor 50 Jahren eine Zäsur in ihrer Geschichte mit den nachfolgenden Bürgerbewegungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Aber es gab auch eine teilweise Radikalisierung bis hin zur terroristischen RAF.

Ausführliche Hintergründe und die Ereignisse im Einzelnen dokumentiert unter anderem der 1962 geborene Historiker Eckard Michels in seinem Buch Schahbesuch 1967 - Fanal für die Studentenbewegung.

Adolf Hitler mit dem späteren Generalinspekteur des Bundeswehr, Adolf Heusinger (1.v.l.), im Jahr 1942.

Das Bild ging um die Welt und verstört auch nach 50 Jahren immer noch den Betrachter: Ein junger Mann liegt auf der Straße, neben seinem Kopf sind Blutspritzer erkennbar, eine Frau hält den Kopf des Sterbenden in den Händen und blickt hilfesuchend um sich. Nach dieser "Nacht der langen Knüppel", wie sie der Publizist Sebastian Haffner nannte, sprang der Funke der zuvor meist friedlichen Jugendrevolte auf das ganze Land über, der lautstarke Protest verließ den Universitätscampus.

Unmittelbarer Anlass war die von den Studenten bis dahin noch wenig thematisierte iranische Führung durch den Schah von Persien. Großbritannien und die USA hatten im Iran den demokratisch gewählten Präsidenten gestürzt und an seiner Stelle den Schah eingesetzt, dessen Geheimdienst jeden Widerstand blutig unterdrückte.

Bald wendeten sich die Protestler anderen Themen zu. Denn Probleme gab es auch damals genug. Da waren vor allem der Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze der Bundesregierung für den Fall innerer Unruhen, die Hochschulreform und vor allem auch der Widerstand gegen die erste Große Koalition in Bonn ab 1966 mit Kanzler Georg Kiesinger (CDU) und Bundesaußenminister Willy Brandt (SPD). Die Protestierenden verstanden sich daher auch als sogenannte Außerparlamentarische Opposition (Apo).

Aber es handelte sich zudem um einen Aufstand der Söhne und Töchter gegen die Väter, die zu lange über die NS-Vergangenheit geschwiegen hätten. Der Auschwitz-Prozess rief diese mit umso brutalerer Wucht ins Gedächtnis zurück und bot der neuen Generation ein Agitationsthema. Da wirkte ein Bundeskanzler Kiesinger mit NSDAP-Vergangenheit quasi wie ein "rotes Tuch" für die sogenannte kritische Jugend.

Nicht wenige der Protestierenden waren übrigens noch wenige Jahre zuvor nach dem Berliner Mauerbau von 1961 tatkräftig als Fluchthelfer an waghalsigen Tunnelaktionen beteiligt gewesen. Dafür hatte dieselbe West-Berliner Bevölkerung sie noch gelobt. Nach den Krawallen von 1967 und später auf dem Kurfürstendamm rief sie den als "SED-Fritzen und Nichtstuern" wahrgenommenen Protestierenden "Geht doch nach drüben!" zu.

Michels will in seiner Dokumentation über die bisher meist von "Veteranen" der 1967er und 68er Protestbewegung - oder fundamentalen Gegnern - verfassten Erinnerungen hinausgehen und beruft sich auf erweiterte Quellen, auch politische, diplomatische und geheimdienstliche. Polizei und Sicherheitsbehörden hatten ihr Augenmerk eigentlich in erster Linie auf die in Deutschland lebenden iranischen Oppositionellen gerichtet, weil sie von diesen Attentate befürchtete.

Die Polizei wurde daher von der Wucht der Proteste deutscher Studenten völlig überrascht. Dabei hatten die Sicherheitsbehörden offenbar den erst wenige Monate zuvor erschienenen und bereits von tausenden Studenten gelesenen Dokumentarband Persien - Modell eines Entwicklungslandes des in Deutschland lebenden Iraners Bahman Nirumand übersehen oder zu wenig beachtet. Das Buch war in der von Fritz J. Raddatz betreuten Reihe "rororo aktuell" erschienen und wurde schnell ein Bestseller.

Der Fall der Mauer brachte später zudem Dokumente zutage, die den Todesschützen vom 2. Juni 1967 als ehemaligen Mitarbeiter der Stasi enttarnten. Die Stasi war jedoch, wie die gleichen Dokumente offenbaren, über das offenbar wenig professionelle Verhalten von Karl-Heinz Kurras entsetzt und sprach intern sogar von einem "Verbrechen." Kurras wurde in West-Berlin von der Anklage der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Er wisse jedoch "mehr als er sagt", hieß es in der Urteilsbegründung.

Michels macht deutlich, dass in der Geschichtsschreibung der westdeutschen Protestbewegung eher von den "67ern" als von den "68ern" gesprochen werden müsste, weil der 2. Juni 1967 der eigentliche Auslöser der folgenden Unruhen und späteren Bürgerbewegungen gewesen sei. Diese erfasste schließlich das ganze Land und eskalierte weiter mit dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968 auf dem Berliner Kurfürstendamm. Danach radikalisierte sich ein kleinerer Teil der Bewegung in der terroristischen RAF mit ihren Mordanschlägen und Entführungen. Dutschke selbst, der den Spätfolgen des Attentats am Heiligabend 1979 erlag, propagierte den "langen Marsch durch die Institutionen", dem dann auch viele folgten bis hin zur Gründung einer neuen Partei, den Grünen.

"Reinstechen und auseinandertreiben" war die Devise der vom damaligen Berliner Polizeipräsidenten Erich Duensing ausgegebenen Taktik gegen Demonstrationen. Die geballte Presse-Macht der Springer-Zeitungen half dabei mit.

Sie müssen Blut sehen",

behauptete Bild und meinte damit die Studenten. Duensing musste ebenso wie Bürgermeister Albertz im Zuge der Untersuchungen zu den Vorfällen am 2. Juni 1967 zurücktreten. Das Parlament konstatierte schwere Versäumnisse der Polizei und zudem ein "klägliches Bild mangelnder Koordination", wie es im Buch heißt, das heutige Leser auch an aktuelle Untersuchungsberichte erinnert. 

Es ist ein besonderer Verdienst des Buchautors, neben der detaillierten Schilderung der Demonstrationsabläufe rund um den 2. Juni 1967 aus Sicht der Demonstranten und auch der Polizei, erstmals ausführlich auch die politisch-diplomatischen Aspekte des Schah-Besuchs in der Bundesrepublik zu beleuchten, einschließlich geheimdienstlicher Berichte. Dazu gehört auch ein umfangreicher historischer Rückblick auf die persische Geschichte mit ihren innen- und außenpolitischen Verwicklungen bis zu diesem Zeitpunkt. (rt deutsch/dpa)

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