Der Krieg hat sie nicht gebrochen - RT Deutsch zu Besuch bei Veteranen in Moskau

Der Krieg hat sie nicht gebrochen - RT Deutsch zu Besuch bei Veteranen in Moskau
Kriegsveteran Michailowitsch Gwosdew erhält Nelken zum Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg.
Zu Besuch bei Boris Michailowitsch und Vera Nikolajewna: Die beiden Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges sind mit ihren 94 und 90 Jahren zwar schon gebrechlich, aber immer noch vergnügt. Es gab damals "solche und solche" Deutschen, sagen die beiden.

von Ulrich Heyden, Moskau

Was er am 9. Mai 1945 gefühlt habe? Boris Michailowitsch Gwosdew muss nicht lange überlegen. "Wir sprangen vor Freude in die Luft." Ich treffe den 94 Jahre alten Kriegsveteranen in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung nördlich des Moskauer Stadtzentrums im Bezirk Aeroport. Dort wohnt er mit seiner 90 Jahre alten Frau Vera. Die beiden sind seit 68 Jahren ein Paar. Eine Mitarbeiterin der Sozialbehörde kauft für die beiden alten Leute ein und macht die Wohnung sauber. Vera macht noch das Essen. Oft kommt auch der 65 Jahre alte Sohn vorbei und hilft im Haushalt.

Ich besuche das Paar zusammen mit zwei Bekannten. Es ist ein Überraschungsbesuch ohne Vorankündigung, doch wir werden mit großer Freude empfangen und kommen schnell ins Gespräch. Die Gastgeber decken den Tisch. Wir haben rote Nelken, ein paar Fertig-Salate, Pfannkuchen und ein Fläschchen Cognac mitgebracht. 

"Erst nähte ich Kleidung für meine Katzen, dann für die Soldaten“

Als der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 begann, war die militärische Abwehrfront schlecht organisiert, doch unter den jungen Sowjetbürgern gab es einen starken Patriotismus, sagt Vera. Sie war dreizehn Jahre alt, als der Krieg begann und wohnte nicht weit vom Weißrussischen Bahnhof in Moskau entfernt. Als Dreherin und Näherin begann sie in einer nahegelegenen Bekleidungsfabrik zu arbeiten.

Ich habe immer schon gerne genäht", erzählt sie, als Kind vor allem Kleidung für ihre Katzen. In der Fabrik habe sie dann Kleidung für Soldaten genäht, "damit sie nicht frieren".

Boris Michailowitsch - er wohnte zu Kriegsbeginn in der Moskauer Butyrskaja-Straße - meldete sich wie viele andere junge Männer freiwillig zum Militär. Von der Personalabteilung einer Moskauer Flugzeugfabrik, in der Boris arbeitete, bekam er aufgetragen, sich gleich nach der Registrierung als Freiwilliger wieder für die weitere Verwendung in der Fabrik zu melden. Doch Boris entschied sich anders. Er ging mit seinen acht Freunden zum Einberufungsamt. Und die Acht beschlossen, zusammen in den Krieg zu ziehen. 

Die ersten Kriegsmonate waren ernüchternd, erinnert sich Boris. Man schickte die jungen Soldaten in die weit östlich von Moskau gelegene Republik Mari El zur Ausbildung. Wegen des Chaos infolge des überraschenden Kriegsbeginns waren alle Transportmittel ausgebucht, weshalb die jungen Soldaten die 1.500 Kilometer nach Osten zu Fuß laufen mussten. "In Mari El übten wir, wie man ein Dorf einnimmt", erinnert sich Boris. Von Mari El ging es dann mit dem Zug wieder zurück nach Westen, in die südöstlich von Moskau gelegene Stadt Rjasan. Dort wurde erneut die Einnahme eines Dorfes geübt. Außerdem bekamen die jungen Soldaten warme Winterkleidung, Wattejacken, Soldatenstiefel und Fußlappen.

Im Jahr 1942 kam Boris dann zum ersten Mal an die Front im Gebiet Kaluga, südwestlich von Moskau. "Die Deutschen hatten dort große Kräfte zusammengezogen", erzählt er. Man habe um einzelne Dörfer gekämpft, um eine richtige Front aufzubauen. "Mehrmals wechselte die Kontrolle über die Dörfer." Boris erzählt, er sei damals einfacher Gruppen-Leiter gewesen.

Ob er Angst gehabt habe?

Ja, ich hatte Angst. Von überall flogen Geschosse. Ich sah Hunderte von Geschossen, die an mir vorbeiflogen. Bei einem Gefecht weißt Du nie, wann dich die Kugel in die Stirn trifft.

"Die junge Frau hatte ganz weißes Haar"

Ein Ereignis hat sich Boris besonders eingeprägt. "Wir hatten ein Haus von den Deutschen zurückerobert. Darin traf ich ein ältere und eine junge Frau. Die junge Frau hatte weißes Haar. Sie weinte schrecklich. "Das waren Tiere", habe die ältere Frau erzählt und dass ihr kleiner Enkel krank war und nachts in seinem Bettchen schrie. Ein deutscher Soldat, der in dem Haus der Familie Quartier bezogen hatte, habe das Kind dann an den Füßen genommen und es aus dem Fenster geschleudert. Draußen herrschten 20 Grad Minus.

Das Kind starb. Durch dieses Erlebnis sei das Haar der jungen Mutter weiß geworden. "Wie würdest Du dich verhalten?", fragt Boris mich. "Sind alle Deutschen so? Nein", beantwortet er seine eigene Frage. "Nein, Brüder, nicht alle Deutschen sind so." Und was hatten sie in dem Moment, als sie die Geschichte hörten, für ein Gefühl?", wollte ich von dem Kriegsveteranen wissen. "Ich war bereit, jeden Deutschen zu töten. Dieses Gefühl kommt von ganz alleine."

Boris war Mitglied einer Beobachtungseinheit, welche die Bewegungen der deutschen Streitkräfte im Auge hatte. Nach fünf Tagen auf dem Beobachtungsposten war er völlig durchgefroren. "Ich konnte mich schon nicht mehr bewegen, geschweige denn schießen. Dass Blut floss nicht mehr durch meine Beine." Junge Krankenschwestern vom Erste-Hilfe-Zelt hätten ihn dann mit einer Karre evakuiert. Was dort im Lazarett mit ihm passierte, daran kann er sich nicht mehr erinnern.

Offenbar nahmen ihm die Verantwortlichen seine Soldatenkleidung und sein Erkennungszeichen ab. Das führte dann dazu, dass er später als Toter registriert wurde. Doch davon erfuhr Boris erst 1993, als sein Name in einem Buch mit dem Namen der toten Soldaten auftauchte, die vor Moskau gefallen waren. Boris lacht. Er ist nicht böse über den falschen Eintrag. Hauptsache, er hat überlebt. Im Krieg ginge es oft drunter und drüber.

Als Halberfrorenen brachte man ihn dann nach Tula, eine Stadt südlich von Moskau, in ein Krankenhaus. Dort war Boris für vier Monate. "Der Chefarzt wollte mir das Bein abnehmen. Er sagte, bei mir habe der Wundbrand begonnen. Ich könnte sterben. Aber da war auch ein Tierarzt und der meinte, Kamerad, lass Dir nicht das Bein abschneiden. Ich übernehme die Verantwortung. Du wirst wieder laufen." Er habe nicht eingewilligt, erinnert sich Boris. Und er wurde ohne Amputation gesund.

"Meinem Vorgesetzten verdanke ich mein Leben"

Im Mai 1942 bekam er zehn Tage Urlaub. Anschließend schickte man ihn zu den sowjetischen Marinefliegern an den Polarkreis. Dort diente Boris auf dem Flughafen der 30. Marine-Basis, nicht weit entfernt von der Stadt Polarnoje. "Wir waren Tag und Nacht im Einsatz, bestückten Flugzeuge mit Bomben. Das war eine schwierige Aufgabe. Denn wir wurden täglich aus der Luft angegriffen."

Die strategische Aufgabe der sowjetischen Luftwaffe und Marine bestand damals darin, zu verhindern, dass die deutsche Luftwaffe die Kontrolle über die sowjetischen Hafen-Städte Archangelsk und Murmansk erlangt. Denn über diese Häfen erhielt die Sowjetunion auf der Grundlage des US-amerikanischen Leih- und Pachtgesetzes seit 1941 große Mengen Nahrungsmittel und militärische Güter aus den USA. 

Plötzlich verschwindet das gutmütige Lächeln aus dem Gesicht von Boris. Er scheint den Tränen nahe.

In Erinnerung bleibt mir ein Mensch, Nikolai Petrowitsch Kolosow. Er hat mir das Leben gegeben. Ich war Matrose, er war mein Vorgesetzter. Er schickte mich zum Auftanken eines Flugzeuges. Ich fuhr 100 Meter zum Auftanken. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie das Gebäude, von dem ich losgefahren war, direkt von Geschossen getroffen wurde.

Der Vorgesetzte, der ihn kurz zuvor losgeschickt hatte, war tot. "Viele Soldaten auf unserer Marine-Basis starben. Wie viele es genau waren, kann ich nicht sagen."

Boris steht auf und geht in das andere Zimmer. Als er zurückkommt, hört man ein Klimpern. Er hat die Jacke mit seinen Orden angezogen. Welches ihm der wichtigste Orden sei? Boris zeigt auf den Orden mit dem silbernen Strahlenkranz und der Inschrift "Veteran der Karelischen Front". An der Wand seines Zimmers hängen Auszeichnungen für seine Beteiligung an der Befreiung des finnischen Gebietes Petsamo und der norwegischen Stadt Kirkenes im Oktober 1944. Auf sowjetischer Seite waren an der Schlacht 689 Flugzeuge, von deutscher Seite 160 Flugzeuge beteiligt.

Ein nachkoloriertes Archivbild

Als der Krieg 1945 zu Ende war, ließ man Boris noch nicht nach Hause. Er musste noch bis 1948 auf der Marinebasis dienen. Er habe ja seinen regulären Wehrdienst noch nicht abgeleistet, sagte man ihm. Erst 1948 aus dem Norden zurückgekehrt, arbeitete er dann 60 Jahre lang im Moskauer Institut für Elektromechanik und Automation als Elektromechaniker. Sein Spezialgebiet waren Navigationssystemen für Flugzeuge.

"Wir waren schüchterne Jungs"

Ich frage Boris, wovon er als kleiner Junge geträumt habe. Was er einmal habe werden wollen. "Ich habe mich mit zehn Jahren intensiv mit Choreografie beschäftigt." Seit seinem achten Lebensjahr habe er an einer Tanzschule gelernt, erzählt er. Seine Erfahrungen als Tänzer kamen auch beim Militär zum Tragen. Boris erinnert sich an eine Feier auf der Marine-Basis am 9. Mai 1947:

Nach dem Essen wurden die Tische beiseite geräumt und wir tanzten. Schützen und Piloten. Es gab auch Soldaten, die verheiratet waren. Alle tanzten gut. Die Musik spielte. Ich hatte ein bisschen getrunken. Ich tanzte Walzer. [...] Der Flotten-Kommandeur sagte, ich solle mal zu ihm kommen. Er ordnete an, dass ich in Zukunft die Tanzgruppen zu leiten habe. Zu der Zeit war ich schon Leiter des Marine-Flugplatzes. Trotzdem begann ich, Tanzgruppen aufzubauen, für moldawischen, weißrussischen, ukrainischen und ungarischen Tanz.

Auch den Matrosen-Tanz, bei dem die Tänzer mit ihren Händen und Füßen über das Parkett wirbeln, habe er unterrichtet. 

Als er acht Jahre alt war, habe seine Schwester Soja ihn und seinen Freund Kolja in die Tanzschule geholt. "Wir waren eigentlich schüchterne Jungs. Wir wollten uns nicht für das Tanzen registrieren, sondern eigentlich nur zugucken. Vor der ersten Tanzstunde habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen." Wegen seiner Schwester sei er in "dieses Schlamassel" geraten, scherzt der Veteran. 

Als wir uns im Korridor der kleinen Wohnung verabschieden, albern wir noch ein bisschen herum. Plötzlich macht Boris eine dieser verflixt schnellen Tanzbewegungen der Matrosen, einen Doppelschlag mit den Händen, dann ein Schlag auf den angewinkelten Oberschenkel. Für ein paar Sekunden ist er nochmal der junge Tänzer, der er einmal war.