Von Ratten und Volksverrätern: Ab wann ist die Freiheit der Kunst anti-staatlich?

Von Ratten und Volksverrätern: Ab wann ist die Freiheit der Kunst anti-staatlich?
Noch darf er auf der Bühne gekuschelt werden. Xavier Naidoo und sein Freund Sascha bei der Echo-Verleihung am 6. April 2017.
Kunstfreiheit unter Gesinnungsvorbehalt? Der Skandal um einen neuen Song des deutschen Musikers Xavier Naidoo zieht weitere Kreise. Nun droht die Stadt Mannheim, gesellschaftliche Projekte mit der Band des angeblichen "Reichsbürger"-Sympathisanten zu beenden.

Die Abfertigung des populären deutschen Soul-Musikers, ohne Zweifel seit fast zwei Jahrzehnten einem der bekanntesten des Landes, erfolgte nach allen Regeln der Kunst, Verzeihung – Kriegskunst. Nach einer geschlossenen Salve der Leichtartillerie ist nun schweres Kriegsgerät dran. RT berichtete bislang nur von den ersten Schüssen. Mittlerweile ist der Krieg aber in vollem Gange.

Der Mainstream und er werden wohl keine Freunde mehr: Der Mannheimer Sänger Xavier Naidoo bei einem Auftritt.

Und es war eine Lokalzeitung, die schließlich den Mächtigen den Ball zugespielt hat. Die Rhein- und Neckarzeitung hat Vertreter der Stadt und "weitere politische Akteure" um eine Stellungnahme gebeten. Diese waren über die Entwicklung "nicht glücklich". Die Stellungnahme ließ erkennen, dass in den Kabinetten der jüngste Skandal-Song der Söhne Mahnheims durchaus ein Thema ist:

Welche Konsequenzen sich daraus für uns ergeben, werden wir besprechen. Wir erwarten allerdings auch eine Erklärung der Söhne Mannheims zu den anti-staatlichen Aussagen in den Songtexten.

Antistaatlich? Da hört einer schon die Handschellen klicken. Brrr. Nein, wir leben ja bekanntlich in einer Demokratie und diese entledigt sich ihrer Störenfriede viel, viel sanfter. Da reicht es, diese einfach nicht mehr einzuladen. Warum hofieren ihn all die Casting-Shows immer noch als Jury-Mitglied, fragen sich die einen. Warum darf der Typ noch den Echo moderieren?

Eine weitere Form, in der die liberale Demokratie unerwünschte Positionen aus dem zugelassenen Diskurs drängt, ist die Etikettierung. Mittlerweile ist es amtlich: Die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung bescheinigte Herrn Naidoo und seinesgleichen - also Menschen, die z. B. schmutzige Wörter wie Volksverräter in den Mund nehmen -, dass sie Verschwörungstheoretiker, Wut- oder Reichsbürger sowie, ganz besonders schlimm, Pegida-Anhänger seien.

Brother's Keepers feat. Xavier Naidoo aus dem Jahr 2001, "Adriano"

Für die deutsche Demokratie sind die Ansichten dieser Menschen zu geradlinig. Sie sind mit der Doppelmoral der Eliten und ihrer Unterstützer nicht kompatibel. Dann also ab an den Rand, egal, ob rechten oder linken, Hauptsache weg von der Hauptstraße und in die dunklen Gassen der Marginalität.

Bestrafe einen, erziehe hundert

Entsprechend soll sich nun auch der Querkopf mit der schönen, herzerweichenden Stimme unsicht- und am besten auch gleich unhörbar machen. Damit Ruhe ist. Andere würden es sich dann mehrfach überlegen, bevor sie etwas sagen, wenn sie noch irgendwo in einer Jury sitzen wollen. Na also, es geht auch ohne Handschellen. Demokratie! Bei uns sitzt niemand wegen eines falschen Liedes im Gefängnis.

Bundeskanzlerin Merkel:

Nein. Wir wollen hier den Wunsch einer Gesellschaft und eines Staates, sich von aus ihrer Sicht gefährlichen Tendenzen abzugrenzen, nicht in Abrede stellen. Irgendwo müssen Grenzen liegen. Wenn eine Nazi-Rockband in Songs dazu aufruft, Ausländer zu jagen, kann das nicht mehr unter dem Banner der Kunstfreiheit toleriert werden. Nur hat jeder seine eigene Vorstellung darüber, wo diese Grenze zu ziehen sein soll.

Aber das ist nun mal zweitrangig. Die deutschen Musikkritiker müssen schließlich selber wissen, wann es sich für sie lohnt, einst gefeierte Musiker so leicht und ohne jeglichen Zweifel vom Thron zu stürzen.

Und da einige von ihnen doch auch heimlich oder offen RT Deutsch lesen, um eine andere Meinung einzuholen, wie es etwa die tz getan hat, sei ihnen eine Geschichte aus Russland ans Herz gelegt.

Es gibt in Russland einen Sänger, den Frontmann der legendären Rock-Band Maschina Wremeni ("Zeitmaschine"), Andrej Makarewitsch. Seit Anfang der 1970er gibt es die Band. Von der Macht geduldet, haben die Musiker bereits zu Sowjetzeiten eine Reihe an Hits geschrieben und mit unangemeldeten Konzerten auch per Schwarzkasse gut verdient. Seit Anfang der 1980er Jahre konnten sie sogar Vinylplatten herausbringen. Seit der Wende strebte Andrej Makarewitsch parallel zur Band auch eine eigene Karriere als Chansonnier an. Ebenfalls erfolgreich.

Kein seltenes Phänomen: Wissenschaftler im Dienste der NATO

Zwar deutete er im Nachhinein seine Karriere zu Sowjetzeiten zum Rebellentum um, tatsächlich waren all seine Lieder aus der damaligen Zeit unpolitisch. Sie sind zum Bestandteil der russischen Kultur geworden, überall dort populär, wo Russisch gesprochen wird, auch in der Ukraine. Dann kamen der Maidan, das Krim-Referendum und die Angliederung der Krim.

Für Makarewitsch war es eine Annexion. Damit lag er auf einer Wellenlänge mit der Mehrheit der Ukrainer und vielen prowestlich denkenden Menschen in Russland selbst. Für sie ist alles, was den Westen verärgern könnte, falsch. Er machte seine Meinung öffentlich, spottete über Russland und wurde schnell zur Ikone der kremlkritischen Facebook-Öffentlichkeit.

West-konformer Künstler bat Putin, auf enttäuschte Fans einzuwirken

Er hielt die Begeisterung wegen der Krim-Heimholung, die im Land sehr viele erfasste, für Wahnsinn. Viele bedeutende Meinungsführer wie der Regisseur Nikita Michalkow kritisierten Makarewitsch dafür. Er machte es sich nicht leicht, viele langjährige Fans enttäuschte er auf diese Weise. Trotz starken Gegenwinds machte Makarewitsch konsequent weiter und machte weiterhin, was viele ihm bis jetzt nicht verziehen haben.

Er mied auch demonstrativ die Krim und Donezk, im Sommer 2014 reiste er in den ukrainisch kontrollierten Teil des Donezker Gebiets, nach Slawjansk, wo die ersten Kämpfe tobten und gab in der Nähe der Stadt ein kurzes Konzert. Die meisten Zuhörer waren geflüchtete Jugendliche.

Alexej Nawalny beim Marsch zum Gedenken an Boris Nemzow am Jahrestag der Ermordung des Ex-Politikers am 16. Februar 2016.

Die russische Öffentlichkeit nahm das Konzert als Einknicken vor Putschisten wahr. "Makarewitsch sang vor den Strafbataillons", hieß es. Vor den Kindern, die nach Russland flohen oder in Donezk und Lugansk geblieben sind, trat Makarewitsch bis heute nicht auf.

Die Welle der Entrüstung zog sich durch die meisten russischen Medien, weit über den Mainstream hinaus. Die kremlkritischen Medien feierten Makarewitsch eben dafür, dass er konsequent eine andere Meinung vertritt. Viele seiner Konzerte im Jahr 2014 wurden unter vorgeschobenen Vorwänden abgesagt.

Irgendwann war auch er müde, immer wieder seine Worte und Taten zu erklären, ob in Blogs, Interviews oder Fernsehrunden. Er schrieb Putin einen Brief und bat ihn darum, mit der "Hetze" aufzuhören. Putin antwortete, er hätte nichts damit zu tun. Wenn die Gesellschaft sich über jemanden ärgert, ist dies ihr gutes Recht.

Dann wurde etwas ruhiger um Makarewitsch. Ein Jahr später drückte er seine Meinung wieder in Liedern aus. So entstand das Lied "Ratten". Der Unbehagen des Westens über Russland drückte er so aus: "Da sie in ihren Löchern Götter sind, hält man sie in anderen Welten für Ratten." Dann wird der Sänger noch konkreter:

Der Erzpriester und der Hauptrichter haben es; auf mich abgesehen,

Der eine schrie: "Du liebst dein Land nicht", der andere "Du liebst das Volk nicht";

Als die beiden verstummten, bat ich sie um die Zugabe.

Ich liebe das Volk und das Land, aber ich kann die Ratten nicht leiden.

Beendet wird das Lied mit folgendem Zitat: "In jedem Gespräch ist Geruch nach Sch**ße aus den Rattenhöllen deutlich zu spüren."

Mit diesem Lied traten Andrej Makarewitsch und seine Band unter anderem vor der intellektuellen Fernsehelite während der Teepause der Quizsendung "Was? Wo? Wann?" Ende 2015 auf. Die Spieler des intellektuellen Kasinos lauschten dem Lied vor laufenden Kameras. Ein Eklat blieb aus. Makarewitsch ist sehr beliebt in Kiew und Lwow, in seinem Land bleibt er ein Rock-Star, der unbequem sein kann.

Nach drei Jahren erbitterter Meinungskämpfe, die seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise und des Konfliktes mit dem Westen die Medien und soziale Netzwerke erfasst hatten, fühlen sich immer mehr Menschen wieder in der Lage, zu seinen Konzerten zu gehen. Von Absagen ist nichts mehr zu hören.

Nicht nur in Russland wundern sich jedoch zahlreiche Menschen darüber, wie nicht selten die gleichen Leute, die sich lautstark über Maßnahmen gegen Gesetzesbrüche von Akteuren wie Pussy Riot in Russland oder den Boykott US-amerikanischer Countrysender gegen die Dixie Chicks ereifert hatten, nun zu Hause in Deutschland verlangen, Xavier Naidoo von den Bildschirmen und Bühnen zu verbannen.

Maschina Wremeni, "Ratten". Auftritt bei "Was? Wo? Wann?":