"Rassismus in Russland": The Sun blamiert sich mit Meldung über ukrainische Ultras

"Rassismus in Russland": The Sun blamiert sich mit Meldung über ukrainische Ultras
Putins "russische Aggression in der Ukraine" hat mittlerweile offenbar auch Kiew erreicht. Zumindest The Sun hat die ukrainische Hauptstadt schon auf ihre Weise zu Gunsten Russlands "annektiert".
Das englische Boulevardblatt The Sun veröffentlichte gestern ein Video mit skurrilem Fan-Getöse und Hakenkreuz-Bemalung aus einem Fußballstadion. Das Ganze lief unter dem Titel "Rassismus in Russland" - obwohl es um die Ultras zweier ukrainischer Mannschaften in Kiew ging.

Vor dreißig bis vierzig Jahren war Dynamo Kiew das Flaggschiff des sowjetischen Fußballs. In ganz Europa begannen die Augen von Fußballfans zu glänzen, wenn von Spielern wie Oleg Blochin, Anatoli Demjanenko oder Igor Belanow die Rede war. In den Jahren 1975 und 1986 gewann der Verein sogar den Europapokal der Pokalsieger.

Die Kiewer Spieler bildeten auch regelmäßig das Rückgrat der sowjetischen Fußball-Nationalmannschaft, die bei mehreren WM-Turnieren, wie 1966, 1970, 1982 oder 1986, teils begeisternden Fußball zeigte. Im Jahr 1960 wurde die Sowjetunion auch Europameister und erreichte später noch drei weitere Male das Finale.

Wenn der Klub einen echten Erzrivalen hatte, war das zweifellos Spartak Moskau. Eine Kultur der Ultras gab es in der Sowjetunion allerdings nicht.

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Seit Ende der Sowjetunion hat sich jedoch auch in diesem Bereich alles geändert, nicht nur die politische Geografie. Die Fußball-Ultras in der Ukraine pflegen nun die Nähe zu ultranationalistischen Kreisen. So unterstützten sie z. B. die Schläger des Rechten Sektors beim Massaker am 2. Mai 2014 in der Hafenstadt Odessa. Dabei ist es egal, aus welcher Region der Ukraine die jeweilige Mannschaft stammt. Sie haben nur einen Feind - Russlands Präsidenten Wladimir Putin.

Das englische Boulevard-Medium The Sun veröffentlichte am Donnerstag ein Video mit einer energischen Pyrotechnik-Choreografie, in dem mehrere Tausend weiß maskierten Fans ein Schmählied gegen Putin singen. Kleidung und Masken erinnerten sehr stark an das berüchtigte Outfit des Ku-Klux-Klan, auf einigen der Masken waren deutlich Hakenkreuze zu sehen.

Die Aktion #weißerwahnsinn (#бiлашиза) veranstaltete der so genannte White Boys Club - eine Gruppe der Ultras von Dynamo Kiew - vor dem Match in Kiew gegen Schachtar.

Dennoch betitelte the Sun das Material mit "Rassismus in Russland". Es bleibt bislang unklar, ob den Sun-Redakteuren das Russland-Bashing so sehr am Herzen lag, dass sie sich über alle Konventionen des journalistischen Schreibens hinwegsetzten, um eine russlandkritische Nachricht zu bringen, ob wahr oder nicht, oder ob dabei nur eine blamable Unkenntnis zutagetrat. Das Blatt hat die Meldung erst heute nach einer Meldung von rt.com korrigiert.

Das Spiel am 21. April, von dem das Video stammt, endete übrigens mit einem 1:0-Sieg der Gäste. Schachtar Donezk hat seine Basis jetzt im westukrainischen Lwiw (Lemberg) und mit seiner ursprünglichen ostukrainischen Heimat nicht mehr viel zu tun. Der Klub gilt nun als neuer Erzrivale von Dynamo Kiew. Was allerdings vielen ukrainischen Klubs gemeinsam ist, und den ultranationalistischen Fangruppen ebenfalls nicht behagen dürfte, ist, dass die Vereine viele Spieler aus Afrika beschäftigen.

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Ob die Aktion selbst tatsächlich rassistisch gemeint war, ist bislang unklar. Weiß ist immerhin auch die Vereinsfarbe des Klubs. Auf den Plakaten vor der Tribüne stand am besagten Tag "100 % weiß". Der Klub verurteilte jedoch die Ausschreitungen auf seiner Homepage und forderte administrative Konsequenzen für die Initiatoren des Events. Auch die Schachtar-Fans fielen an besagtem Tag durch Hitler-Symbolik auf. Ebenso wie die Kiewer Ultras bewarfen auch sie zudem unbeteiligte Zuschauer mit Rauchbomben.

Ob aus Unkenntnis oder Absicht - Fehler wie jener der Sun dürften in den englischen Medien auch weiterhin passieren, meint der Soziologe von der der Universität Aston, Ellis Cashmore.

Es gibt einen alten Ausspruch: 'Wozu sollen wir eine ausgezeichnete Story mit Fakten verderben?'. Es machen im Moment viele 'ausgezeichnete' Storys über Rassismus und Gewalt in Russland die Runde. Man muss auf alle möglichen Geschichten über Russland gefasst sein", sagte der Experte.

Cashmore ist sich sicher, dass auch künftig jede Menge Fehler in der Berichterstattung über Russland zu erwarten sind.

Wenn jemand sagt, Russland kolonisiert den Mars und will diesen benutzen, um dort Nuklearwaffen zu bauen, findet sich immer jemand, der das ernsthaft für möglich hält. Alles kommt auf die Atmosphäre an. Man redet zurzeit nicht nur im Bereich des Sports über Russland", fügte Carmore hinzu.

Die FIFA-Weltmeisterschaft 2018 findet in Russland statt. England bewarb sich 2007 ebenfalls als Austragungsort und entging nur knapp der Zusage. Seitdem gibt es in England immer mehr negative Meldungen zu Russland aus den Bereichen Sport und Fußball. Die Ausschreitungen und Prügeleien zwischen russischen und englischen Fans während der EM 2016 in Frankreich verschärften nur diese Tendenz.

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