"Reizende Mädchen und aggressive Personen": Kiew für Anfänger - Anweisungen zum ESC 2017

"Reizende Mädchen und aggressive Personen": Kiew für Anfänger - Anweisungen zum ESC 2017
Teilnehmerin des Volksfestes "Die Parade der Strickhemden" am 24. August 2014 in Kiew.
Kiew ist in Vorbereitungsfieber zum Eurovision Song Contest. Die ukrainische Hauptstadt will sich vor Besuchern als solide europäische Stadt präsentieren, die Gästen viel Kultur und Service bietet. Spezielle Handreichungen für Touristen sollen Unbill verhüten.

Es ist immer eine sinnvolle Sache, wenn die Polizei des Gastgeberlandes eines Großereignisses Touristenmengen, die behufs des Besuchs desselben ins Land strömen, schon im Vorfeld vor allfällig lauernden Gefahren warnen. So bereitet ein Gastgeber seine Gäste auf die Verhältnisse in seinem Land vor. Fallstricke der interkulturellen Kommunikation und sonstige Missverständnisse sollten einem fröhlichen Fest nicht im Wege stehen.

Radikale Nationalisten vor der Sberbank in Kiew am 13. März 2017.

Nachdem die Ukraine die russische Delegation mit der behinderten Sängerin Julia Samoilowa nicht zur Teilnahme an der Austragung des jährlichen Songwettbewerbs in Kiew vom 8. bis 13. Mai zugelassen hatte, konnten die Veranstalter in Kiew erstmal aufatmen. Trotz einer vorsichtigen Rüge aus dem Hauptquartier der ESC-Veranstalter sah es die politische Öffentlichkeit des Landes als Sieg an, einen Rivalen aus dem "Aggressor-Staat" aus dem Weg geräumt zu haben. 

Man wollte doch auf diese Weise auch kleine Missverständnisse vermeiden, die sich in der Stadt des siegreichen Euromaidan ereignen hätten können. Denn der Straßen-Maidan ist in der Ukraine zu einer gesellschaftlichen Institution geworden – und das bedeutet im Zweifel freie Hand für Aktivisten, sprich: schlicht und einfach Schläger aus dem nationalistischen Lager.   

Seid nett zu Nazis!

Die nationale Polizei der Ukraine war allerdings vorausschauend und schien so eine Ahnung gehabt zu haben, wonach einige westliche Besucher der Veranstaltung die Präsenz und das übliche Gebaren dieser Leute als ungewohnt oder gar unangenehm empfinden könnten.

Vorsorglich veröffentlichte sie deshalb Mitte April Sicherheitshinweise für die Besucher des Eurovision Song Contest 2017 in Ukrainisch, Russisch, Englisch, Spanisch, Deutsch und Französisch. Den zu diesem Ereignis eintreffenden Touristen werden darin Ratschläge für das Verhalten in typischen Situationen erteilt. In einem Punkt davon heißt es:

Meiden Sie Kontakte mit aggressivem Mob. Lässt sich ein solcher Kontakt nicht vermeiden, so zeigen Sie bitte keine Angst, beschränken Sie den Kontakt auf ein Minimum und seien Sie höflich.

Der Veranstalter EBU übt sich angesichts der ukrainischen Drohungen gegen Russlands designierte ESC-Starterin Julia Samoilowa in der Kunst, nicht aufzutauchen. Unterdessen sehen sich selbst erfahrene Ukraineversteher in den Mainstreammedien in Erklärungsnöten bezüglich Kiews Vorgehens.

Ferner ist dort zu lesen:

Lassen Sie sich nicht provozieren und bemühen Sie sich, sich zu entfernen. Im Falle von Gefahr bitte nicht schüchtern sein, laut rufen und weglaufen.

Die Sorge der ukrainischen Polizei ist nachvollziehbar. Nach Angaben des Welt-Wirtschaftsforums in Davos belegt die Ukraine den zehnten Platz in der Liste der unsichersten Länder der Welt. In das Rating flossen die Parameter ein wie die allgemeine Kriminalität im Land, kriegerische Konflikte, die Fähigkeit der Sicherheitsorgane, die Bürger zu schützen und vieles mehr. 

Angedacht sind auch andere Maßnahmen, um das schöne und sichere Straßenbild zu bekommen, das man der Welt wenigstens für die Dauer des Song Contests liefern will. 

Obdachlose sollen Gäste nicht "nerven" können  

Die Kiewer Behörden bereiten sich zum Beispiel darauf vor, die Stadt von allen Obdachlosen zu befreien, um die Gäste des Eurovision Song Contest nicht zu "nerven", meldete das ukrainische Blatt Westi unter Berufung auf den Pressedienst der Stadtpolizei. Es könnten bis zu 20.000 Obdachlose von der Zwangsverbringung betroffen sein. Wo sie untergebracht werden können, sei aber unklar.  

Aktion

Aber nicht nur die Polizei ist am Vorabend des Festes in Kiew mit Ratschlägen unterwegs. Die Rada-Abgeordnete Anna Romanowa verbreitete auf ihrer Facebookseite ein kleines Handbuch mit folgenden Texten auf English:    

Ukrainische Mädchen sind reizend. Ukrainische Mädchen sind nicht nur für ihre Schönheit berühmt, sondern auch für ihre Bescheidenheit und Würde. Sprechen Sie sie nicht mit unverhohlenen Absichten an, seien sie höflich.

Doch die wichtigste Empfindlichkeit der Ukrainer betrifft dem Flyer zufolge ihr Ukrainertum. Diesbezüglich gibt es entsprechend auch folgende Anweisung:

Ukrainer sind friedliebende Menschen. Aber bitte versuchen Sie in Gesprächen, Themen zu meiden, die die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland betreffen. Benennen Sie die Ukrainer außerdem nicht als Russen! 

Was einen Touristen erwarten könnte, sollte er sich diesbezüglich im Gespräch doch vertun, erwähnt die Anweisung nicht.