Ukrainische Hexenjagd schafft eisernen Vorhang für die Pop-Kultur

Ukrainische Hexenjagd schafft eisernen Vorhang für die Pop-Kultur
Sängerin Lolita Miljawskaja singt zum Abschluss des Festivals "Chanson of the Year" im Kreml-Palast, Moskau, 9. April 2017.
Die Ukraine unterstreicht mit dem Einreiseverbot für die russische Sängerin Lolita ihr Bestreben, einen eisernen Vorhang im Hinblick auf den Austausch mit der russischen Kultur zu errichten. Dieser schadet neben russischen Künstlern auch ukrainischen selbst.

Das ukrainische Gesetz, wonach eine Einreise auf die 2014 von Kiew abgespaltene Halbinsel Krim über Russland als illegal gilt, wird immer häufiger angewandt. Jetzt ist auch die bekannte Sängerin Lolita Miljawskaja von einem damit verbundenen Einreiseverbot betroffen. Die Ukraine verwehrt ihr mit sofortiger Wirkung die Einreise und damit auch den Besuch ihrer Mutter und Tochter.

Laut der russischen Nachrichtenagentur TASS gibt es eine Liste mit 140 Namen russischer Künstler, die nicht mehr in die Ukraine einreisen dürfen, weil sie gegen dieses Gesetz verstoßen haben sollen.

Damit ist nicht nur die russische Hitparade gut abgebildet, die Maßnahme trifft auch namhafte Künstler aus anderen Bereichen. Konzerte und Auftritte russischer Künstler wird es in der Ukraine generell immer weniger geben.

Doch auch für ukrainische Künstler selbst ist die Situation keineswegs unproblematisch. Es gibt eine ganze Reihe von ukrainischen Pop-Stars, die auf Russisch singen.

Im Jahr 2009 beispielsweise vertrat Swetlana Loboda die Ukraine beim Eurovision Song Contest und belegte im Finale den zwölften Platz. Honoriert wurde dieser Erfolg allerdings nur in Russland, denn dort ist Loboda ein Star, der einen Hit nach dem anderen landet.

Entsprechend orientiert sie sich auch in Richtung Osten. Ihre Webseite ist auf Russisch gehalten, sie ist regelmäßig zu Gast im russischen Fernsehen, ihre derzeitige Tour durch Russland ist ausverkauft.

Swetlana Loboda und Ani Lorak vor der Heiligen Inquisition

In der Ukraine sieht man das kritisch. Immer wieder setzen Politik und Medien die Künstler unter Rechtfertigungszwang. Loboda begegnet diesem mit großem diplomatischen Geschick und im Wissen, dass jedes ihrer Worte auf die Goldwaage gelegt werden würde. Entsprechend umsichtig formuliert sie, wenn sie sich beispielsweise in ihren Konzerten an das Publikum wendet und wünscht, dass die Kinder in allen Familien in einer Welt des Friedens aufwachsen mögen.

Noch etwas schwieriger hat es da Ani Lorak, die ebenfalls für die Ukraine am Eurovision Song Contest teilgenommen hat und im Jahr 2007 den zweiten Platz belegte. Sie hat sich zwar auch vorsichtig, aber noch eindeutiger als Loboda prorussisch positioniert und wird seitdem regelmäßig durch die ukrainische Yellow Press gejagt.

Der dabei immer wieder erhobene Vorwurf: illegale Einreise auf die Krim über Russland. Es hat etwas von Hexenjagd, was da passiert. Immer wieder kursieren verschwommene Bilder, die angeblich Ani Lorak auf der Krim zeigen. Der Shitstorm, den sie in den Kommentarspalten dafür erntet, ist enorm.

Begriffszensur für Russian Style

Einen schweren Karriereknick hat die Ukrainekrise zudem Olja Poljakova verpasst. Diese war ein aufsteigender Stern am Pop-Himmel. Ihre frechen, trashigen Clips und die frivolen Texte fanden ihr Publikum vor allem in Russland. Mit dem Titel "Russian Style" landete Poljakova einen Hit, der jetzt allerdings nur noch in editierter Form gespielt wird. Aus dem Russian Style sah Poljakova sich gezwungen, "Poljakova Style" zu machen. Der russische Stil ist halt nicht mehr adäquat.

Auch die Karriere des ukrainischen Travestiekünstlers Verka Serducha, der beim Eurovision Song Contest 2007 ebenfalls den zweiten Platz belegt hat, brach mit Beginn des Ukrainekonflikts ein. Früher ein gern gesehener Gast im russischen Fernsehen, der in kaum einer musikalischen Show gefehlt hat, macht er sich heute dort rar.

Geist der "Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah" unter russophoben Vorzeichen

Der Ukrainekonflikt beschwört ein postfaktisches Weltbild. In diesem Weltbild gibt es die Ukraine und Russland als hermetisch voneinander abgetrennte Einheiten. Fakt jedoch ist, dass die Ukraine und Russland eine lange gemeinsame Geschichte verbindet, die sich auch in den Künstlerbiografien niederschlägt.

Es gab einen lebendigen Austausch, der jetzt unterbrochen ist. Zahlreiche russische Künstler wie Lolita Miljawskaja sind in der Ukraine geboren und leben jetzt in Russland, singen auf Russisch und sind fester Bestandteil der russischen Popkultur. Damit spielten sie bislang ganz automatisch auch in der ukrainischen eine tragende Rolle.

Die Vorstellung, seitens der Ukraine könnte ein eiserner Vorhang hochgezogen werden, der jeden kulturellen Austausch verhindert, schien vor wenigen Jahren noch undenkbar. Umso bitterer schmeckt jetzt die Realität.

Auf diese Weise schneidet sich die Ukraine auch kulturell ins eigene Fleisch. Denn auch wenn sie russischen Künstlern die Einreise untersagt, wird das dadurch entstehende kulturelle Vakuum nicht durch westliche Künstler gefüllt. Diese haben die Ukraine schlicht nicht auf dem Schirm. Das kulturelle Leben in der Ukraine flacht dadurch einfach immer weiter ab.

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