Beliebte Fake-News des Mainstreams: Die Legende vom in Russland verbotenen Putinclown

Beliebte Fake-News des Mainstreams: Die Legende vom in Russland verbotenen Putinclown
Symbolbild: Menschen mit geschminkten Putinmasken protestieren am 14.2.2014 vor der russischen Botschaft in London gegen das "Schwulenpropaganda"-Gesetz.
Seit Wochen verbreitet sich ein Kuriosum im sozialen Netz: Russland soll sämtliche Darstellungen verboten haben, die den russischen Präsidenten als schwulen Clown darstellen. Die Nachricht wurde von zahlreichen westlichen Nachrichtenportalen ungeprüft übernommen. Doch was ist wirklich dran an diesem Gerücht?

Ansteckende Gedanken verbreiten sich in sozialen Netzwerken beinahe so schnell wie das Licht im Vakuum. Mit einzelnen Bewusstseinsinhalten, also Ideen oder Gedanken, beschäftigen sich Psychologen, Sozialwissenschaftler und Kulturwissenschaftler im Rahmen der Memtheorie. Ein virales Mem - verbreitet ist auch die englische Schreibweise Meme - ist ein annehmbarer, kulturell relevanter Gedanke, der in eine ansprechende Symbolik gehüllt ist, zum richtigen Zeitpunkt aufpoppt und mit einer Portion Glück rasch von zahlreichen Nutzern weitergetragen und mit deren Internetkontakten geteilt wird.

Eine ansprechend verpackte, emotionale Botschaft kann schnell eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Der Ursprung des viralen Gerüchts wird zur Nebensache, die Idee selbst Allgemeinwissen. So weit, so unspektakulär. Spannend wird es erst, wenn Journalisten auf politische Memes hereinfallen und Aussagen weitertragen, ohne zuvor ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Verblüffende CIA-Datei: US-Geheimdienste sammeln Internet-Meme

Ein anschauliches Beispiel aus der neueren Memgeschichte wäre ein laut Medienberichten in Russland verbotenes Protestbildnis, welches Putin als stark geschminkten Clown darstellt. Eine warholeske Popart-Collage, die den russischen Präsidenten durch den Kakao zieht, indem sie sein Machismo-Image sabotiert. Das Verbot des Protestbildnisses ist natürlich das Sahnehäubchen, da es belegt, dass Putin nicht nur böse ist, sondern, genau wie Erdogan, auch keinen Spaß versteht. Eine in sich kohärente und scheinbar stimmige Story. Ein besonderer Leckerbissen für die Kollegen.

Das Bild als digitale Nackenklatsche

Der Gay Putin als harmlose Mohammed-Karikatur 2.0? Vor der Selbstjustiz radikaler Putinisten kann man sich jedenfalls in Sicherheit wägen, wenn man die Anekdote weitererzählt und sich damit im digitalen Freundeskreis zum mutigen Widerstandskämpfer mausert. Auch Frau Kosubek muss jetzt nicht um ihren Job bangen, denn der vermeintliche Strafbestand ist nicht real.

Am 5. April berichtete die The Moscow Times, dass Russland ein Bild verboten habe, welches darauf anspielt, dass Putin schwul sei.

Einen Tag später plapperte auch die hiesige Medienwelt diese Fama munter nach. Inzwischen ist der Witz sogar beim Onlineportal Chip.de angekommen und das Interesse flacht langsam, aber sicher wieder ab, siehe Google Trends.

Evgeny Morozov auf einem Panel der Rosa-Luxemburg-Stiftung im April 2015 in Berlin.

Die Moskau Times hat den von ihr angesprochenen Gerichtsbeschluss vom 11.05.2016 zwar selbst nicht vollständig zitiert, dafür aber das Ausgangsdokument verlinkt: Im aktualisierten föderalen Index extremistischer Materialien befindet sich der zitierte Eintrag auf Platz 4.071 von insgesamt 4.074 Einträgen. Relativ leicht zu identifizieren und mithilfe von Google Translate auch in einer für Nicht-Muttersprachler verständlichen Weise erfahrbar.

Der Eintrag bezieht sich konkret auf einen Social-Media-Eintrag des inzwischen gesperrten Users Alexander Tsvetkov, welcher in seinem Wortlaut vom Bezirksgericht Twer als extremistisch eingestuft wurde. Nebenbei bemerkt gehen alle letzten neun Einträge dieses Index auf die Kappe von Tsvetkov, welcher ein Faible für politisch gewagte Demotivationsmemes zu haben scheint. Details zu Alexander Tsvetkovs Verfahren veröffentlichte das zuständige Bezirksgericht auf seiner Seite.

Im Wortlaut lautet der als extremistische definierte Inhalt 4071 folgendermaßen:

Плакат с изображением человека, похожего на президента РФ В.В. Путина, на лице которого макияж – накрашены ресницы и губы, что, по замыслу автора/авторов плаката, должно служить намеком на якобы нестандартную сексуальную ориентацию президента РФ. Текст под изображением (воспроизводится с сохранением особенностей орфографии и пунктуации, с сокрытием нецензурной лексики): «Избиратели Путина, как ... вроде бы их много, но среди моих знакомых их нет», размещенный 07 мая 2014 года в социальной сети «Вконтакте» на аккаунте http://vk.com/id161877484 с ник-неймом «Александр Цветков» (решение Центрального районного суда г. Твери от 11.05.2016)

Auf Deutsch übersetzt:

Das Plakat zeigt einen Mann, der dem Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, ähnelt. Auf seinem Gesicht ist Make-up, seine Wimpern und Lippen sind geschminkt. Es ist anzunehmen, dass der Autor des Plakates auf eine angebliche von der Norm abweichende sexuelle Orientierung des russischen Präsidenten anspielen möchte. Der Text unter dem Bild (wiedergegeben, mit Beibehaltung der gewählten Rechtschreibung und Zeichensetzung, mit Verschleierung einer Profanität): "Putins Wähler sind wie [Schwuchteln]... Es scheint eine Menge von ihnen zu geben, aber keine meiner Bekannten gehört dazu". Zuerst veröffentlicht auf dem sozialen Netzwerk VKontakte am 7. Mai 2014 http://vk.com/id161877484 unter dem Pseudonym Alexander Tsvetkov (Entscheidung des zentralen Bezirksgericht von Twer auf 2016.11.05)

Demonstration am 8. April 2017 in Berlin gegen die angebliche Deportation und Folter

Die Pop-Art-Collage des russischen Präsidenten ist in Russland ohne Subline also kein extremistischer Inhalt. Bei dem zensierten Wort handelt es sich um "Pidaras", einen extrem verächtlichen Mat-Begriff für Homosexuelle, der im Deutschen am ehesten mit "Schwuchtel" zu übersetzen ist. 

Es ist nicht ganz frei von Ironie, dass ein Putin-Mem mit einer explizit homophoben Betitelung es im Westen geschafft hat, zu einer Ikone der LGBT-Community zu werden.

Im Umkehrschluss gilt übrigens: Auch das allein stehende Zitat ohne Collage ist noch kein extremistischer Inhalt, sondern freie Meinungsäußerung. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten und juristische Haarspalterei kann man getrost den Profis überlassen. 

Für diese Aussage kann dieser Autofahrer nicht aus dem Verkehr gezogen werden. Als extremistisch gilt das Mem erst in Verbindung mit einem verfremdeten Putinportrait.

Putins Sprecher Peskow kommentierte das mediale Ereignis wie folgt: 

Wie Sie wissen, könnten solche Dinge die Gefühle von Menschen verletzten, aber der Präsident ist sehr resistent gegenüber solchen Obszönitäten und hat gelernt, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken.