Zwischen Freude und Zweifeln: 1,6 Millionen Moskauer sollen in modernere Wohnungen ziehen

Zwischen Freude und Zweifeln: 1,6 Millionen Moskauer sollen in modernere Wohnungen ziehen
Die ersten industriell gebauten Blocks in der Sowjetunion, die Chruschtschowkas, werden abgerissen.
Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin will für 1,6 Millionen Menschen bessere Häuser bauen lassen. Gegen das dafür erforderliche Gesetz gibt es jedoch Widerstände. Wladimir Putin mahnt, das Umsiedlungs-Programm zusammen mit den Betroffenen zu realisieren.

von Ulrich Heyden, Moskau

Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin - seit 2010 im Amt - hat Großes vor. Zunächst ließ er die Moskauer Parks und Gehwege verschönern und rief ein Mammut-Programm zum Straßen- und U-Bahn-Bau ins Leben. Nun steht das dritte Großprojekt auf seinem Aufgaben-Zettel: Insgesamt 1,6 Millionen Moskauer sollen aus den in den 1960er Jahren gebauten "Chrutschowka"-Plattenbauten in moderne Mehrfamilienhäuser umsiedeln.

Es waren die ersten industriell gefertigten Häuser in der Sowjetunion

Die Plattenbauten wurden Anfang der 1960er Jahre unter dem damaligen KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow gebaut. Es waren die ersten industriell gefertigten Häuser in der Sowjetunion. 

Die Mehrfamilienhäuser waren quaderförmig angeordnet und viergeschossig. Sie boten Raum für 80 Wohnungen und ein Flachdach. Die Wohnungen hatten zwei bis drei Zimmer. Bei den Drei-Zimmer-Wohnungen bildete ein Zimmer stets einen Durchgangsraum. 

Die Chruschtschowkas wurde in Eile gebaut, hatten lediglich eine Außenwandstärke von 35 Zentimetern und waren eigentlich nur für eine Lebenszeit von 30 Jahren geplant. Sie sollten Menschen, die bis dahin in Baracken und Holzhäusern gelebt hatten, schnell moderne Wohnmöglichkeiten bieten. Spätere Versionen der Plattenbauten hatten dickere Wände und waren zum Teil neun Etagen hoch. Überall in der Sowjetunion entstanden Siedlungen, die sich aus einer Vielzahl der neuartigen Plattenbauten zusammensetzten. 

In Moskau machen die Chruschtschowkas zehn Prozent der Wohnfläche aus. Um das Neubauprogramm von Bürgermeister Sobjanin zu verwirklichen, ist nach Meinung von Experten eine Zeitspanne von 30 Jahren zu veranschlagen.

Eine Bewohnerin der Chruschtschowka kurz vor der Umsiedlung.

Gesamtkosten: 58 Milliarden Euro 

Bei einem Treffen mit dem Moskauer Bürgermeister erklärte der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, er kenne "die Stimmung und Erwartung der Moskauer". Die Chruschtschowka-Plattenbauten abzureißen und an deren Stelle neue Wohnungen zu bauen, sei eine "sehr richtige Entscheidung".

Putin erklärte aber auch, dass die Umsiedler mit den neuen Wohnorten einverstanden sein müssten. "Deshalb muss man das alles mit den Bewohnern zusammen ausarbeiten." Man müsse den Menschen zeigen, was sie konkret von der Verwirklichung dieser Projekte erwarten können und was sich verbessert. 

Das gesamte Vorhaben wird nach Aussagen des Duma-Abgeordneten Nikolai Gontschar, einem der Initiatoren des Neubauprogramms, 58 Milliarden Euro kosten. Eine Anschubfinanzierung für das Programm soll es von der Stadt Moskau geben, die über jährliche Einnahmen von 28 Milliarden Euro verfügt. 

Die russische ESC-Kandidatin Julia Samoilova sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl.

Auch auf den Arbeitsmarkt wird das Programm positive Auswirkungen haben. Man brauche 10.000 Bauarbeiter, erklärte einer der Mitvorsitzenden der Unternehmerorganisation Tätiges Russland, Andrej Nasarow. Durch die Auswirkungen des Neubauprogramms auf andere Wirtschaftssektoren würden noch einmal 60.000 Arbeitsplätze entstehen. 

Schrottsammler streifen durch leere Häuser

"Ich verabschiede mich von dem Haus. Es stirbt langsam", sagt Olga, eine 30 Jahre alte Angestellte, die bis vor kurzem in einem Chruschtschowka-Haus an der Mala-Filowskaja-Straße im Westen Moskaus gewohnt hat. Olga wirkt ruhig, als sie auf ihr altes Haus blickt. Nicht alle Umgesiedelten ertragen hingegen den Anblick ihres Hauses, das in Trümmern liegt, mit Fassung. Olga erzählt von einer älteren Frau: "Sie stand vor ihrem Haus und hat geheult, als der Bagger die Wände einriss." 

Für die 460 Umsiedler-Wohnungen in diesem Haus ist die Parkfläche zu gering.

Während wir auf Olgas altes Haus schauen, huschen die Schatten von Schrotthändlern an Öffnungen vorbei, in denen einst die Fenster waren. Sie streifen durch Wohnungen auf der Suche nach noch Verwertbaren, montieren Stahltüren, Plastik-Fensterrahmen mit Thermopen-Scheiben und verglaste Balkons ab oder schleppen Teppiche heraus, welche die früheren Eigentümer oder Mieter der Wohnungen zurückgelassen haben. In einem Haus leben jetzt nur noch ein paar Katzen, die eine ältere Frau mit selbstgekochtem Brei und kleingeschnittener Kochwurst füttert. 

Schöner Blick aus neuem Wohnblock

Seit März wohnt Olga mit ihrem Freund und dessen Mutter in einem gigantischen neuen Wohnhaus. Es ist ein quaderförmiger Block mit einer Einbuchtung auf der Rückseite, einer Fassade mit weißen und grünen Flächen, 462 Wohnungen und fünf Eingängen. Die Stadt hat das Gebäude für die Umsiedler aus den Chruschtschowkas gebaut. Von den oberen Stockwerken genießt man einen wunderbaren Blick über den großen Filowski-Park. Am Horizont zeigt sich die Skyline von Moskaus Nordwesten. 

Die neue Wohnung sei schön, erzählt Olga. Die Gesamt-Wohnfläche und Zimmerzahl in dem neuen Wohn-Giganten seien die gleichen geblieben wie in dem alten Chruschtschowka-Haus. Ein Plus sei, dass es jetzt kein Durchgangszimmer mehr gebe. Alle Zimmer seien jetzt vom Korridor aus zu erreichen. 

Olga und ihr Freund waren bereits infolge eines Programms umgesiedelt, welches der frühere Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow 1999 gestartet hatte. Um aufwendige Reparatur-Arbeiten an den Chruschtschowka-Häuser zu vermeiden, begann die Stadt Moskau mithilfe von Investoren Wohnhäuser mit zehn und zwanzig Stockwerken zu bauen. In diese übersiedelten anschließend 350.000 Menschen aus 1.600 alten Blocks. 

Die Menschen wollen in ihrem Bezirk bleiben

Das Luschkow-Neubauprogramm läuft in diesem Jahr aus. Das nunmehr von dessen Nachfolger Sergej Sobjanin verkündete Folgeprogramm, welches im September starten soll, ist wesentlich ambitionierter. So will die Stadt 7.900 Chruschtschowkas mit einer Wohnfläche von insgesamt 25,1 Millionen Quadratmetern abreißen lassen. Für die Bewohner sollen moderne Neubauwohnungen entstehen.

Junge Muslime in Moskau vor den Großen Moschee  während des Islamischen Opferfestes.

Die Stadtverwaltung verspricht den Chruschtschowka-Bewohnern, sie innerhalb ihres Wohnbezirks oder maximal in einen Nachbarbezirk umzusiedeln. Diese Regel soll jedoch nicht für die Chruschtschowka-Bewohner im Stadtzentrum gelten. Sie müssen sich auf eine Umsiedlung außerhalb der Innenstadt gefasst machen. Die Bewohner sollen vor dem Abriss ihres Hauses jedoch um ihr Einverständnis gefragt werden. Wieviel Prozent der Bewohner zustimmen müssen, hat die Kommunalpolitik aber noch nicht festgelegt. Es werden Konsensquoren von 75 bis 90 Prozent genannt. 

Das gigantische Umsiedlungsprogramm weist auch Risiken auf. In den russischen Regionen gibt es Stimmen, die fragen, warum es in Moskau ein Neubauprogramm gibt, wo doch in vielen Regionen die Menschen noch in Holzhäusern leben. KP-Chef Gennadi Sjuganow forderte, die viergeschossigen Chruschtschowkas müssten im ganzen Land abgerissen werden.

Wenn das Land sieht, wie Moskau umgestaltet wird, und den Menschen dort [in den Regionen] die Decke auf den Kopf fällt oder der Balkon abbricht, wird das die Kluft zwischen Hauptstadt und Provinz vertiefen", so Sjuganow. 

Vor dem Abriss wurden die Fensterrahmen aus Plastik mit Thermopen-Scheiben für den Weiterverkauf abmontiert.

Neues Renovazija-Gesetz soll Neubauprogramm beschleunigen

Die Stadtverwaltung will jedoch jetzt Nägel mit Köpfen machen. Sie hat in der Duma Anfang März einen Vorschlag für ein Gesetz eingebracht, welches die Genehmigungsverfahren für Neubauten vereinfachen soll. Bürgermeister Sobjanin erklärte, die bisherigen Normen seien "gut auf einer sauberen Fläche", aber in den Städten verlangsamten und verkomplizierten sie die Bautätigkeit.

Der für Wohnungsbau zuständige Ausschuss des Russischen Föderationsrates hat jedoch beanstandet, dass in dem neuen Renovazija-Gesetzesentwurf die vom Bürgermeister versprochene Bürgerbeteiligung fehlt. 

Es könnte zudem auch zu einem Interessenkonflikt kommen. Der Vertreter der Immobilienfirma Chimki Group, Dmitri Kotrowski, erklärte, für die Immobilienfirmen sei das Neubauprogramm des Bürgermeisters nur interessant, wenn man diesen erlaube, die Bewohner der Chruschtschowkas auch in andere als ihre bisherigen Wohnbezirke umzusiedeln. 

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin.

Davor haben viele Moskauer Angst. Sie befürchten, aus guten Lagen in unattraktive Randbezirke umgesiedelt zu werden. 

Kritiker wollen mitreden

Schon jetzt bilden sich deshalb in Moskauer Stadtbezirken Initiativ-Gruppen, die gegen das geplante Renovazija-Gesetz opponieren. Sie kritisieren die weitreichenden Vollmachten, welche es der Stadtverwaltung und den Investoren einräumen würde. Das Gesetz erlaubt der Stadtverwaltung nämlich, nicht nur Chruschtschowkas, sondern auch Häuser mit ähnlicher Bauweise abzureißen, berichtet der Kommersant. Außerdem erlaube das Gesetz, die neuen Gebäude wesentlich höher zu bauen, die Nutzung der Flächen zu verändern sowie die Brandschutz- und Gesundheitsnormen einzuschränken. Wenn die Bewohner sich nach 60 Tagen für keine der angebotenen neuen Wohnungen entschieden haben, können sie mittels eines Gerichtsentscheides umgesiedelt werden. 

Ksenia, eine Aktivistin, die nicht weit vom Weißrussischen Bahnhof in einem Chruschtschowka-Haus wohnt, hat eine Anwohner-Initiativgruppe gegründet, die den Abriss von Plattenbauten, die noch in gutem Zustand sind, verhindern will.

Wir werden versuchen, auf die Abgeordneten in unserem Bezirk Einfluss zu nehmen", sagt die 40jährige.

Ihre Drei-Zimmer-Wohnung hat Ksenia "für viel Geld", wie sie sagt, in ein Studio umgebaut, das heißt die Küche mit dem Wohnzimmer zu einem Raum vereint. "Das investierte Geld bekomme ich nie zurück, wenn ich umziehen muss", sagt die Vierzigjährige. Der Boden in der Innenstadt sei jedoch "Goldes wert". In ihrem Bezirk würden ständig neue Hotels und Privatkliniken gebaut. Die einfachen Leute würden von den Investoren, die teure Eigentumswohnungen bauen wollen, hingegen in nicht so attraktive Stadtteile verdrängt.  

Umzug vom vierten in das 21. Stockwerk

Vor dem weiß-grünen Wohnblock an der Mala Filowskaja komme ich mit der 69-jährigen Biologin Tatjana ins Gespräch. Es ist einer der ersten Frühlingsabende. Nach sechs Monaten Frost riecht man wieder nasse Erde. Es entwickelt sich ein trautes Gespräch. 

Tatjana wohnt in dem gleichen Wohnblock, in dem jetzt auch Olga mit ihrem Freund wohnt. Die Rentnerin erzählt, sie sei mit ihren Eltern 1962 in einen der Chruschtschowka-Neubauten an der Straße gezogen. Ihr Vater arbeitete damals in der Flugzeug- und Raketenfabrik Chrunitschewa. Der Fabrik, die nicht weit von der Mala Filowskaja liegt, gehörten zahlreiche Chrutschowka-Häuser, in denen Raketenbauer mit ihren Familien lebten. 

Das Hauptgebäude des Klosters auf der Insel Walaam.

Tatjana lebt jetzt im obersten, 21. Stock des Wohn-Giganten. Sie habe versucht, eine Wohnung etwas weiter unten zu bekommen, aber das klappte nicht. Die Eingewöhnung in dem hohen Stockwerk fiel ihr nicht leicht. Im Chruschtschowka-Haus hatte sie noch im vierten Stockwerk gelebt. "Man hat uns dazu gedrängt, uns mit der neuen Wohnung abzufinden", sagt die Rentnerin. Beschwichtigend fügt sie hinzu: "Dass wir umgesiedelt werden, war ja seit 15 Jahren bekannt." 

"Ich warte immer noch auf meine Eigentümer-Papiere"

Ob sie das Gefühl gehabt habe, dass sie der Staat während des Umzugs irgendwann im Stich gelassen habe, frage ich. Nein, aber sie habe noch ein ungutes Gefühl. Die Wohnung in dem Chruschtschowka-Haus hatte sie in den 1990er Jahren für eine Bearbeitungsgebühr auf ihren Namen privatisieren lassen. Dieses Recht hatten alle Russen. Aufgrund einer Entscheidung des Obersten Sowjets vom 1991 bekamen alle Menschen, die in einer Wohnung gemeldet waren, das Eigentumsrecht. 

Die Wohnungsverwaltung habe ihr jedoch immer noch kein Dokument gegeben, welches sie als Eigentümerin der Wohnung im neuen Haus ausweist. Tatjana ist weiterhin nur Besitzerin ihrer alten Wohnung in dem Chruschtschowka-Haus. Doch dieses ist bereits abgerissen. 

Die neue Wohnung ist fertig eingerichtet. Von der Stadt gibt es obligatorisch einen Herd, eine Spüle und einen Fußbodenbelag. Es fehlen noch Küchenschränke. Die werde sie erst einbauen, sobald sie Geld habe. Die Nachbarn, die Geld haben, hätten ihre Wohnungen sofort renoviert, erzählt Tatjana, einen neuen Fußboden gelegt, eine neue Küchen-Einrichtung eingebaut, die einfache Badewanne gegen ein eleganteres Exemplar ausgetauscht. 

Dass sie weiter in ihrem Bezirk wohnen kann, wo sie alle Wege kennt und alle Ämter sind, die sie braucht, findet Tatjana wunderbar.