Berühmt und berüchtigt: Der Investigativ-Journalist Seymour Hersh

Berühmt und berüchtigt: Der Investigativ-Journalist Seymour Hersh
Der Investigativ-Journalist Seymour Hersh
Er deckte die Kriegsverbrechen der US-Armee während des Vietnam Krieges auf und machte den Folterskandal im irakischen Abu-Ghuraib-Gefängnis publik: Seymour Hersh ist einer der großen Enthüllungsjournalisten unserer Zeit und ist nun 80 Jahre alt geworden.

Als Sohn jüdischer Einwanderer aus Litauen und Polen wuchs er in Chicago auf, wo er auch später Geschichte studierte. Nach den ersten Schritten im Journalismus gründete er eine Vorstadt-Zeitung und arbeitete bei den Agenturen United Press International und der Associates Press, die er aber relativ bald verließ. Von 1972 bis 1978 arbeitete er für die „New York Times“, die am Ende auch seine Stammredaktion wurde.

Früh am 16. März 1968 wurde eine Kompanie der Americal-Division der United States Army per Helikopter für einen Angriff auf einen als My Lai 4 bekannten Weiler in der schwer umkämpften Provinz Quang Ngai an der nordöstlichen Küste Südvietnams abgesetzt.“

Mit diesem Satz beginnt sein klarer, sachlicher und zugleich grauenvoller Bericht über das Massaker von My Lai, bei dem während des Vietnamkrieges hunderte Dorfbewohner im März 1968 getötet wurden.

Opfer des US-Massaker von My Lai, 16. März 1968

Seymour Hersh war es, der das Interview mit Armee-Leutnant William Calley führte. Er war es auch, der das Kommando zu dem selbigen Massaker gab. Der Bericht von Hersh erschien im „New Yorker“ und ließ die Stimmung in der US-Bevölkerung gegen den Vietnamkrieg von 1954 bis 1976 schlagartig kippen. Seymour Hersh gewann an Bekanntheit und für sein Enthüllungsbuch „My Lai 4: A Report on the Massacre and Ist Aftermath“ den Pulitzer-Preis.

Opfer des US-Massaker von My Lai, März 1968

Seymour_Hersh - Quelle: Institute for Policy Studies - CC BY 2.0

Hersh ist bekannt für seinen ausgeklügelten Recherche-Stil: Sein Hauptmittel, um an Informationen zu gelangen ist das Telefon: Er sei dabei unerbittlich, dynamisch, täuschend und einschüchternd, schreibt sein Autobiograf Robert Miraldi.

Er findet Missstände heraus, weil er mit den Leuten spricht und sich Zeit nimmt für seine Recherchen. Hersh redet nicht mit den Agenten oder Pressevertretern, sondern mit Menschen, die in den zuständigen Apparaten in mittleren Positionen arbeiten. Sie kriegen mit was passiert, aber sind nicht unbedingt daran beteiligt. Auch zu Beamten oder Personen, die bereits in den Ruhestand versetzt wurden, unterhält er Kontakt. Im Laufe der Zeit baut er sich so ein Netzwerk an anonymen Informanten auf, was zu seinem Markenzeichen wird.

Und genau diese Informanten ermöglichen es ihm Geschichten zu schreiben, in denen er „Schmutz aufwirbelt“ und Sachverhalte in Frage stellt wie zum Beispiel die Reaktion der USA auf die Anschläge vom 11. September 2001, die Jagd auf den al-Qaida-Chef Osama bin Laden unter Präsident George W. Bush und schließlich auch die Tötung bin Ladens im pakistanischen Abbottabad unter Präsident Barack Obama. 

Letztere Enthüllung haben ihm allerdings nicht alle geglaubt: Hersh erklärte, dass die offizielle Version von Barack Obama erfunden sei. Denn die Tötung Bin Ladens war ein wichtiger Faktor für die Wiederwahl Obamas.

Hersh bestreitet die Darstellung, dass es eine rein amerikanische Aktion war: Im Widerspruch zur offiziellen Darstellung der US-Regierung war laut Seymour Hersh Bin Laden Gefangener des pakistanischen Militärgeheimdienstes nachdem ihn Stammesführer im Hindukusch verraten hatten. Osama Bin Laden lebte demnach seit 2006 unter Hausarrest in dem Anwesen mit seinen Frauen in Abbottabad. Das pakistanische Militär nutzte Bin Laden als Druckmittel bei Verhandlungen mit den Taliban und al-Qaida. Hersh schreibt, dass im August 2010 ein ehemaliger Pakistanischer Offizier der CIA Informationen zum Verbleib Bin Ladens lieferte und dieser erst dadurch bei der Stürmung des Hauses vom US-Geheimdienst erschossen wurde.

Aber auch den aktuellen Präsidenten Trump beäugt Hersh kritisch, denn er stellt an Politiker „den höchstmöglichen Standard an Anstand und Ehrlichkeit“. Für ihn sind Trumps Attacken auf die Presse ein Rückgriff auf den Nationalsozialismus. „Man muss zurück in die 1930er Jahre gehen. Als Erstes zerstört man die Medien. Und was wird Trump tun? Er wird sie einschüchtern“, sagte Hersh in einem kürzlichen Gespräch mit dem Magazin „The Intercept“. Am 8. März wurde Seymour Hersh 80 Jahre alt.