Eine persönliche Reise in den Donbass  

Eine persönliche Reise in den Donbass   
Das Denkmal "Für die Befreier des Donbass" aus Sowjetzeiten in einem Donetsker Park.
Seit 2014 wird in der Ostukraine gekämpft. Doch die täglichen Nachrichten über diesen Konflikt geben nur einen Teil des Geschehens wieder. RT Deutsch-Korrespondent Zlatko Percinic reiste durch den Donbass und erzählt von seinen persönlichen Eindrücken.

Von Zlatko Percinic

Vor zwei Jahren war ich das letzte Mal im Donbass. Damals flammten die ersten schweren Kämpfe auf. Namen wie Saur-Mogila, Illowaisk oder der Flughafen Donezk wurden zum Inbegriff eines Krieges, den niemand im Donbass haben wollte. Die Menschen dort können nicht verstehen, warum dieser Krieg ausgebrochen ist. Es tut weh zu sehen, wie sich nun Brüder im Kampf gegenüberstehen. Doch nur Wenige hegen einen Groll gegenüber den Soldaten der ukrainischen Armee. „Sie führen ja lediglich Befehle aus“, heißt es. Dieses Mitleid gilt aber nicht für die „Nazis“, die „Radikalen“ und ausländischen Söldner. Sie seien die Schuldigen für den Krieg auf der ukrainischen Seite.

Den Donbass erreicht man entweder über die Ukraine oder Russland. Der Weg über die Ukraine erschien mir zu riskant. Wie viele meiner Kollegen stehe auch ich auf der Schwarzen Liste der berüchtigten ukrainischen „Myrotvorets“-Website. So blieb nur der Weg über Russland übrig. Am einfachsten ist es natürlich, per Flugzeug zu reisen - von Moskau über Rostov am Don ist der Weg bis zur Grenze nicht mehr weit.

Veteranen der profaschistischen ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) im Gespräch unter einem Portrait des UPA-Führers und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera,

Laut unseren Medien ist Moskau isoliert und dem Sanktionsregime der EU und den USA ausgeliefert. Hatte nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits am 20. März 2014 geäußert, dass sie „Russland weitgehend isoliert“ sieht? Und haben wir nicht bis an die Grenze der Zumutbarkeit immer wieder davon gehört, dass die Menschen in Russland nur der russischen Propaganda ausgesetzt seien? Davon habe ich nichts mitbekommen. Ganz im Gegenteil. In den Supermärkten gibt es alles zu kaufen: von deutschen Nudeln, über Appenzeller-Käse aus der Schweiz bis hin zu spanischen Tomaten.

Auch das viel diskutierte Propaganda-Thema und der Vorwurf, die Russen könnten sich nur über russisches Fernsehen informieren, ist eine glatte Lüge. Ob RTL II, ZDF, CNN oder Sky News – Fernsehkanäle aus aller Welt können empfangen werden. Dass sich jedoch nur die wenigsten Russen für den Tatort im Ersten oder Die Wollnys – eine schrecklich große Familie auf RTL II interessieren, sollte keine Überraschung sein. Der Vorwurf, dass es in Russland nur Propaganda gäbe, hat mit objektivem Journalismus nichts zu tun.

Oft folgt dann das Argument: "Na ja, es ist Moskau ... Einverstanden!" Dass in einer Metropole wie Moskau Dinge und Produkte vorhanden sind, die es auf dem Lande oder im entfernten Sibirien nicht gibt, ist klar. Genauso ist es in Berlin oder Hamburg. Auch dort gibt es Angebote, von denen die Menschen in Theisenbläsihof im Schwarzwald oder in Helsdorf in Sachsen noch nie gehört haben. Das macht den Unterschied zwischen Großstadt und Landleben aus.

Eine ukrainische Rentnerin zählt das ihr zur Verfügung stehende Geld.

Ein wichtiger Indikator für jedes Land, das unter einem Sanktionsregime steht, ist die Infrastruktur. Ohne Geld, Baumaterialien und Maschinen kann es normalerweise keine Modernisierung geben. Aber in Rostov am Don, knappe 1100 Kilometer von Moskau entfernt, verändert sich das Stadtbild enorm. Natürlich gibt es immer noch alte Quartiere aus Sowjetzeiten, Gebäude aus der Zarenzeit und unansehnliche Plattenbauten. Aber es werden Millionen von Rubel in neue Quartiere investiert, die nach westlichem Standard gebaut werden. Ob diese dann tatsächlich einladender sind, liegt im Auge des Betrachters. Zumindest ist der Ausbaustandard deutlich höher.

Der Weg in den Donbass führt aus Rostov am Don zunächst entlang des Asowschen Meers. Man kann entweder in Richtung Mariupol oder östlich in Richtung Donezk fahren. Da um Mariupol heftige Kämpfe toben und die Straße von dort nach Donezk nicht sicher ist, haben wir uns für die östliche Route entschieden. An der Grenze wartete bereits die nächste Überraschung auf uns. Ein Fahrzeug aus Polen fuhr vor uns.

Als ich ungläubig zu dem Opel Omega schaue und „Polska“ sage, lacht mein Fahrer Oleg. „Da, da“, meint er. Es gäbe jede Menge Polen auf beiden Seiten der Kontaktlinie im Donbass. Später sehe ich noch viele weitere Fahrzeuge mit EU-Kennzeichen. Sie kommen aus Litauen, Lettland, Belgien und sogar aus Deutschland.

Nach der Grenze sind es eigentlich nur noch 80 Kilometer bis nach Donezk. Doch für diese Strecke benötigen wir dreimal so viel Zeit wie von Rostov am Don bis an die Grenze. Der Grund ist der schlechte Zustand der Straße. Krieg und Kälte haben dem Straßenbelag enorm zugesetzt. Es gibt Löcher, die so groß wie kleine Teiche sind. Fahrzeuge müssen teilweise auf Felder ausweichen, um an ihnen vorbeizukommen. Gerade bei Regen können diese Löcher zu Fallen für Autos werden.

Jeffrey Sommer (links) und Russland Grinberg auf dem Moskauer Wirtschaftsforum.

Es ist schon spät am Abend, als wir endlich in Donezk ankommen. Eigentlich wollte ich an diesem Tag meine Akkreditierung abholen, um die restlichen Tage voll nutzen zu können. Daraus wurde leider nichts. Auch an Schlaf war in der ersten Nacht nicht zu denken. Obwohl mir der Klang des Krieges nicht fremd ist, brauche ich immer etwas Zeit, um nachts nicht auf das Donnern der Artillerie zu hören.

Schon am ersten Tag in Donezk fielen mir Unterschiede zu meinem letzten Besuch im April 2015 auf. Damals wurden alle Eingänge zu Regierungsgebäuden von schwerbewaffneten Soldaten bewacht. Nervös beäugten sie jeden Fremden. Ein falscher Blick, so schien mir damals, und die Hölle bricht aus. Von dieser nervösen Anspannung war dieses Mal nichts mehr zu spüren. Vor den Eingängen stehen zwar nach wie vor Soldaten, jedoch tragen sie keine volle Kampfmontur mehr. Ihre Patronengürtel haben sie gegen Bleistifte und Kugelschreiber ausgetauscht. Für alle Fälle stehen aber die Kalaschnikow und der deutsche Schäferhund immer bereit.

Die Bürokratie hat Einzug gehalten. Vor zwei Jahren genügte noch ein Anruf beim Minister, um an den Soldaten vorbeizukommen. Heute muss man sich in diverse Listen eintragen. Es ist nicht viel vom damaligen Revolutionsfieber übriggeblieben.

Anschließend fahren wir zum Kievsky Distrikt. Begleitet werde ich von Svetlana, einer Übersetzerin. Der Kievsky Distrikt liegt direkt hinter der modernen Donbass-Arena, die für die Fußball-Europameisterschaft 2008 erbaut worden ist. Es ist ein rein ziviles Stadtgebiet. Militärische Installationen oder Stellungen sind nicht vorhanden. Dennoch ist der Kievsky Distrikt immer wieder Ziel von schwerem Artilleriefeuer der ukrainischen Streitkräfte. In einem Quartier, in dem die Wohnblöcke erhebliche Beschädigungen erlitten haben und die kleine Einfamilienhaussiedlung völlig zerstört worden ist, treffen wir auf zwei ältere Damen. Ungläubig mustern sie meinen Fahrer Alexej, als er sie in meinem Namen um ein Interview bittet und dabei erfahren, dass ich aus Deutschland komme.

Mit 86 Jahren ist die Babuschkarechts im Bild die Älteste im Quartier. Von ehemals 120 Bewohnern leben nun nur noch 20 im Kievsky Distrikt. Die meisten von ihnen sind ältere Menschen, die entweder zu alt für die Flucht waren oder ihren Verwandten nicht zur Last fallen wollten. Die 59-jährige Tochter der Frau im braunen Mantel starb Ende 2014 bei einem Angriff. Bei der Erwähnung dieses tragischen Vorfalls bricht die Älteste der Frauen in Tränen aus. Sie habe zwar einen Sohn, der täglich nach ihr schauen und sie unterstützen würde, aber in ihrer Wohnung sei sie nun mal allein.

Wenn die Angriffe oft bis weit in die Nacht hinein andauern, sitze sie in ihrem Bad und bete, nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Nachbarn und sogar für die Seelen, die ihnen das hier alles antun. „Der zweite Weltkrieg war besser. Da wussten wir wenigstens, wofür wir kämpfen und sterben“, schluchzt sie. Der einzige Lichtblick im Quartier sei Elena, ein sechs Monate altes Baby der einzigen jungen Familie hier.

Solche Geschichten gibt es leider zu Tausenden in den selbsternannten Volksrepubliken von Donezk und Lugansk. Jede einzelne hat es verdient, erzählt zu werden, genauso wie die Geschichten auf der anderen Seite der Kontaktlinie in der Ukraine. Solche Gespräche mit der Bevölkerung werden von einigen Politikern in Kiew jedoch als Bedrohung empfunden.

Glücklicherweise konnte ich bei einem Treffen von zwei ehemaligen Schulkameraden dabei sein. Für einen Außenstehenden wie mich war dies völlig surreal. Die beiden 29-Jährigen begrüßten, umarmten und küssten sich, während im Hintergrund auf beiden Seiten Scharfschützen postiert waren. Beide Männer befehligen eine Einheit, der eine auf der Seite der ukrainischen Armee, der andere auf der Seite der Armee der Volksrepublik Donezk. Weder Fotos, Namen oder Standort dieses Treffens durften dokumentiert werden.

Zu gefährlich sei so ein informelles Treffen. Beide Männer sprachen über ihre Kindheit, Schulzeit, gemeinsame Freunde und Familie, die auf beiden Seiten der Frontlinie leben. Sie unterhielten sich über diesen Krieg, wie nutzlos er doch eigentlich sei. Daraufhin merkte der DPR-Mann aber an, dass er diesen Krieg führen muss, weil er seine Heimat verteidigt. Zu meinem Erstaunen widersprach ihm der Freund in der ukrainischen Armee nicht. Im Gegenteil. Er erwiderte, dass „wir doch am besten alle unsere Waffen ruhen lassen und gemeinsam nach Kiew gehen, um das Problem dort an einem Tisch zu lösen.“ Nach einem Augenblick der Stille, die für mich wie eine halbe Ewigkeiten vorkam, fügte er hinzu: „Nur glaube ich nicht, dass wir [die Ukrainer] unser Schicksal selbst bestimmen können.“

Dieses Treffen der beiden Kommandeure wirkte wie aus einem Kriegsfilm, als die Gegner sich auf offenem Feld gegenüberstanden und die Heerführer sich in der Mitte trafen, um die letzten Bedingungen für eine etwaige Kapitulation auszuloten. Jedoch war dies keine Szene aus einem Film, sondern die brutale Realität im Donbass. Antworten auf die Fragen, warum Krieg herrscht, warum Brüder, Väter oder Söhne die Waffen aufeinander richten, wird es nicht geben.

Ich habe nach jedem Gespräch immer wieder die gleiche Frage gestellt: Wie sehen Sie die Zukunft hier? Es gab keine einstimmige Antwort. Manche sehen optimistisch in die Zukunft, andere eher mit Sorge. Aber ausnahmslos alle sind sich darüber einig, dass es kein Zurück mehr geben kann, weder zur Ukraine noch zum mittlerweile verhassten Kiew, das zum Synonym für das ganze Blutvergießen und Leid, das sie ertragen müssen, geworden ist.

Die Atmosphäre in Donezk macht den größten Unterschied zwischen meinen Besuchen in den Jahren 2015 und 2017 aus. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung war damals vor dem Ansturm der ukrainischen Truppen geflohen. Doch jetzt, während der ersten schönen Frühlingstage im Jahr 2017, blüht die Stadt wieder auf. Auf dem Marktplatz gibt es Gemüse, Früchte und Spielzeug zu kaufen. Supermärkte und Einkaufszentren haben geöffnet. Kinder spielen wieder auf den Spielplätzen oder in den Innenhöfen der Quartiere. Jogger genießen die Frühlingssonne.

Junge Familien schlendern mit ihren Kinderwagen durch die Parks. Hundebesitzer gehen mit ihren Vierbeinern spazieren. Donezk ist eine sehr schöne Stadt mit einer bewegten Geschichte, die wieder zurück ins Leben gefunden hat. Diese positive Energie spiegelt sich auch in den Gesichtern der Menschen wieder, vor allem bei der jüngeren Generation, in deren Händen die Zukunft der Stadt liegt.

Dass das öffentliche Leben in Donezk nicht vollständig zusammengebrochen ist, liegt auch an der humanitären Hilfe, die monatlich eintrifft. Noch sind Schulbücher, Hefte, Schreibmaterialien sowie Windeln für Babys und Senioren, die an Inkontinenz leiden, Mangelware. Auch die Preise für diese Dinge sind unerschwinglich geworden. Rentner müssen mit rund 2600 Rubeln monatlich  auskommen. Das entspricht etwa 43 € . Davon muss beispielsweise die 86-jährige Dame, die ich interviewt habe, 1700 Rubel allein für die Miete bezahlen. Somit bleiben ihr 900 Rubel, knappe 15 €, zum Leben übrig.

Der 63. Humanitäre Hilfskonvoi aus Russland brachte am 23. März 2017 wieder dringend benötigte Waren für die jüngsten Bewohner von Donezk, darunter Windeln, Babypuder, Milchpulver und  Babybrei. Aus Dank hat die Stadt Makeewka den ersten Lkw dieser russischen Hilfslieferungen auf einen Sockel gehoben und ihm so ein Denkmal gesetzt.