Was wäre, wenn Israel in Ostdeutschland läge? Ein literarisches Gedankenexperiment

Was wäre, wenn Israel in Ostdeutschland läge? Ein literarisches Gedankenexperiment
Ein Überlebender von Auschwitz zelebriert den Jahrestag der Befreiung des nationalsozialistischen Vernichtungslagers und gedenkt der Opfer; Polen, 27. Januar 2014.
Was wäre, wenn der jüdische Staat in Sachsen läge? Eine israelische Autorin wagt in ihrem Buch "Judenstaat" ein solches Gedankenexperiment. In einem gleichnamigen Werk beschrieb Theodor Herzl einst einen harmonischen Staat zwischen Israelis und Arabern.

Was wäre passiert, wenn der jüdische Staat in Ostdeutschland gegründet worden wäre? Die israelische Autorin Simone Zeitlich erschafft sich eine imaginäre Welt, die sich irgendwo zwischen Fantasie und geschichtlicher Realität bewegt.

In der fiktiven Welt fehlen die Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern. Aber auch hier trennt eine Mauer den jüdischen Staat von dem faschistischen deutschen Rest. Die Flagge der imaginären Welt, die die israelische Autorin in ihrem Buch "Judenstaat" erschuf, ist blau-weiß gestreift. Die israelische Zeitung Haaretz assoziierte diese Wahl mit Lageruniformen in Auschwitz.

Der israelische Ministerpräsident Benjamni Netanjahu

Das Szenario des Buches: Am 4. April 1948 wurde der unabhängige "Judenstaat" auf dem Gebiet des ostdeutschen Sachsen gegründet. Etwa 40 Jahre später will die jüdische Historikerin und Dokumentarfilmerin Judit Klemmer die Geschichte des Staates porträtieren und auch ihre eigene Geschichte, denn ihr Ehemann Hans, ein Sachse, wurde erschossen. Das historische Porträt wird zu einer Aufklärung des Mordes an ihrem Mann und ein mahnender Geist zu ihrem Begleiter. Zeitlich konzentriert sich das Buch auf die späten 1980er Jahre.

Kritik an holzschnittartiger Darstellung der Orthodoxen

Stein, der Gründungsvater des fiktiven Judenstaats, ist selbst ein völkischer Nationalist, glaubt er doch, dass alle europäischen Juden deutsche Juden seien, denn schließlich sprächen die meisten Jiddisch, einen Dialekt des Deutschen, wenn man so will, der es ermöglicht, auf Hebräisch zu schreiben. Diese Idee entstammt übrigens nicht den Gedanken der Autorin. Im 19. Jahrhundert diskutierten jüdische Intellektuelle tatsächlich darüber, das Jiddische ebenso wie die Religion im Einklang mit den Vorstellungen der europäischen Moderne neu auszurichten. Die orthodoxen Juden kommen in dem Buch nicht gut weg, was der Autorin Kritik einbrachte. Die Protagonistin selbst hatte sich als Jüdin mit einem Nicht-Juden vermählt und die Prinzipien des Judenstaats sind eher säkular.

Der Staat in der Erzählung hebt sich durch seine Intellektuellen und seine Kultur von den dumpfen Nazis hinter der Mauer ab. Doch seine Einwohner sprechen kein Jiddisch, sie sprechen Deutsch. Nur die Orthodoxen sprechen jiddisch. Stalin soll es im Buch gewesen sein, der Deutsch als Amtssprache angeordnet habe. Während des Kalten Krieges sucht der Judenstaat zwischen Demokratie, Kommunismus und Liberalismus nach seiner eigenen Identität.

Die Autorin bediente sich für ihr Buch eines berühmten Titels. Er ist angelehnt an das Werk "Der Judenstaat" von Thedor Herzl aus dem Jahr 1896, welches auch als das Fundament des Zionismus bekannt ist. Ein Affront? Die Schrift entstand aus der für Herzl dringlichen Notwendigkeit nach einem unabhängigen jüdischen Staat, der allein das jüdische Volk gegen Antisemitismus und den Verlust der jüdischen Identität schützen könne. 

Über seine tatsächliche politische Bedeutung lässt sich streiten. Die Beschreibung der damaligen Situation in Europa und dessen Umfeld macht jedoch deutlich, unter welchen Rahmenbedingungen es entstand:

In Russland werden Judendörfer gebrandschatzt, in Rumänien erschlägt man ein paar Menschen, in Deutschland prügelt man sie gelegentlich durch, in Österreich terrorisieren die Antisemiten das ganze öffentliche Leben, in Algerien treten Wanderhetzprediger auf, in Paris knöpft sich die so genannte bessere Gesellschaft zu, die Cercles schließen sich gegen die Juden ab.

Palästinenser halten sich am Zaun fest und warten auf die Rückkehr ihrer Angehörigen, nachdem Ägypten für kurze Zeit den Grenzübergang in Rafah geöffnet hatte; Israel, Gaza, 4. September 2016.

Als mögliche Optionen für den Standort eines jüdischen Staates sah Herzl Argentinien und Palästina. In einer Gemeinschaft mit Arabern und Andersgläubigen sah Herzl damals kein Konfliktpotenzial. Man solle diesen Menschen einen "ehrenvollen Schutz" und Rechtsgleichheit gewähren.

Deutsche Sprache als Bindeglied?

Wie auch Marx, Hegel und Hess ließ Herzl sich von Spinoza inspirieren. Spinoza, ein portugiesischer Jude, lehnte die wörtliche Interpretation der Tora ab und stellte sich gegen ein formales, altertümliches Religionsverständnis. Die deutsche Sprache als mögliches Bindeglied für die jüdische Gemeinschaft sah auch Herzl als denkbar an:

Wir können doch nicht Hebräisch miteinander reden. Wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillett zu verlangen?

Herzl, im ungarischen Budapest geboren, wuchs mit dem Glauben an die deutsch-jüdische Aufklärung auf. Im Jahr 1902 veröffentlichte er ein weniger bekanntes Buch mit dem Titel Altneuland. Hier beschreibt er ein multikulturelles und pluralistisches Land, in welchem Juden und Araber gleichberechtigt miteinander leben. Zusammenfassend schloss dieses Buch mit den Worten ab:

Im tirtzu, ain zo agada. - Wenn Ihr es wollt, dann ist es keine Legende.

Die ersten beiden Worte des Satzes bezeichnen heute den Namen einer nationalkonservativen Bewegung, die vor allem an Israels Universitäten wirkt. Weltanschaulich dürfte es allerdings wenig geben, was die Autorin Simone Zeitlich mit dieser verbindet.

Mit Ausnahme der beiderseitigen Inspiration durch Herzl - den Vater des Zionismus und einen Vordenker, dessen Vorstellungen auch heute noch seine Epigonen nachdenklich stimmen sollte. Und zum Nachdenken regt auch Zeitlichs Buch an. Es bietet viel an Gesellschaftskritik und spricht drängende Themen rund um die Frage an, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. 

ForumVostok