Nikolai Miklucho-Maklai: Russischer Anthropologe und früher Gegner europäischer Rassenlehren

Nikolai Miklucho-Maklai: Russischer Anthropologe und früher Gegner europäischer Rassenlehren
Denkmal für Nikolai Miklucho-Maklai in Malyn/Ukraine. (c) Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
Vorstellungen von Eugenik oder rassischer Überlegenheit sind in Europa seit 1945 weitgehend verpönt. Bis dahin waren sie jedoch wissenschaftlicher Konsens. Ein russischer Anthropologe stand mit den modernen Rassenlehren von Beginn an auf Kriegsfuß.

Vor 130 Jahren beendete der russische Biologe und Anthropologe Nikolai Nikolajewitsch Miklucho-Maklai seine jahrelangen Expeditionen und Forschungsaufenthalte und kehrte mit seiner jungen Familie nach St. Petersburg zurück. Dort sollte er der Geografischen Gesellschaft des Russischen Reiches die Ergebnisse seiner Arbeit präsentieren, die sich vor allem auf Südostasien, Australien und Ozeanien konzentriert hatten.

Lange sollte der im Juli 1846 nahe Nowgorod geborene Miklucho-Maklai das Leben in der russischen Heimat nicht mehr genießen können. Bereits ein Jahr nach seiner Rückkehr starb er den offiziellen Aufzeichnungen zufolge.

Heilmittel gegen Alterung in Australien erfunden

Miklucho-Maklai forschte vor Ort in Regionen des Pazifiks, in denen zahlreiche Völker und Stämme leben, die mit der modernen Zivilisation noch nicht in Berührung gekommen waren. 

Die Zeit des 19. Jahrhunderts war gekennzeichnet von tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen, die sich nicht selten parallel zu bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen oder gänzlich neuen Hypothesen vollzogen. Politische Ideologen und gesellschaftliche Interessensgruppen bemühten sich, diese zu vereinnahmen.

Wissenschaftler gaben Rechtfertigungen für Kolonialismus und Sklaverei

Dies traf vor allem auch auf Denkansätze wie die Evolutionstheorie oder Erkenntnisse im Bereich der Humangenetik zu. Nicht nur Vordenker totalitärer Gesellschaftsentwürfe waren emsig damit beschäftigt, diese neuen Paradigmen politisch auszuschlachten, auch der Imperialismus europäischer Großmächte befand sich auf seinem Höhepunkt und suchte nach einem Narrativ, um seine permanente koloniale Expansion zu rechtfertigen.

Rassentheorien und eugenische Vorstellungen waren dabei besonders hilfreich. Westliche Anthropologen und andere Exponenten der Wissenschaft lieferten den politischen Führungen nicht selten Rechtfertigungen für Sklaverei und Kolonialismus, insbesondere vor dem Hintergrund der Vorstellung einer vermeintlichen naturgegebenen Ungleichheit und Ungleichwertigkeit zwischen Menschen, Kollektiven und Zivilisationen.

Die aus Sri Lanka stammende Anthropologin Dhara Wettasinghe, die sich intensiv mit dem Werk Miklucho-Maklais befasste, erklärt hierzu:

Europäer glaubten nur an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für andere Europäer, während sie gleichzeitig Theorien über eine 'Herrenrasse' oder 'natürliche Selektion' propagierten, die aussagten, dass farbige Menschen den Weißen zu dienen hätten.

Miklucho-Maklai bediente sich der Technik der vergleichenden anatomischen Forschung, um die Theorie zu widerlegen, dass unterschiedliche Menschen einer unterschiedlichen Spezies zugehörten. Unter anderem Leo Tolstoi brachte ihm gegenüber für diese Bemühungen hohe Wertschätzung zum Ausdruck. 

Gottfried Wilhelm Leibniz - ein Universalgelehrter, der bis heute nachwirkt.

Miklucho-Maklai beschäftigte sich ebenfalls mit den Werken Darwins und arbeitete als Assistent für den deutschen Wissenschaftler Ernst Haeckel, der zu den namhaftesten Vertretern eugenischer Theorien und solcher einer vermeintlichen weißen Überlegenheit gehörte.

Noch heute in Papua-Neuguinea als Held verehrt

Bereits im Alter von 20 Jahren reiste er mit Haeckel zum Zwecke einer Expedition auf die Kanarischen Inseln. Später reiste er selbst nach Thailand, Indonesien und Malaysia, mit dem Ziel, die Theorie seines Mentors zu zerstreuen, manche Rassen seien kulturell rückständig.
Im Jahr 1871 siedelte Miklucho-Maklai sich im heutigen Papua-Neuguinea an und lebte als erster Wissenschaftler unter Menschen, die noch nie zuvor einen Europäer gesehen hatten.

Sein Hauptziel war es eigentlich, eine vergleichende Studie über Rassentypen in Ozeanien zu erarbeiten, aber seine Erfahrungen bestärkten ihn in seiner antikolonialistischen Überzeugung", betont Wettasinghe.

Die Papuas waren anfangs über den Europäer in ihrer Mitte erstaunt und glaubten, dieser wäre vom Mond gekommen. Binnen eines Jahres entstand jedoch eine wechselseitige Bindung und Miklucho-Maklai fand heraus, dass diese Menschen, obwohl sie noch nicht einmal Feuer kannten, doch bereits über komplexe soziale Strukturen verfügten.

Der Wissenschaftler machte sich mit der Sprache und den Sitten der Papuas vertraut, half ihnen bei der Ernte, unterstützte sie bei der medizinischen Versorgung und sogar bei der Beilegung von Streitigkeiten zwischen den Stämmen. Bis heute gilt der russische Forscher in Papua-Neuguinea als Held und die Nordostküste des Landes trägt den Namen Maklai-Küste.

Am Ende seines Aufenthalts schrieb der Wissenschaftler:

Es gibt keine 'überlegene' Rasse. Alle Rassen sind gleich, weil alle Menschen biologisch gleich sind. Nationen unterscheiden sich durch unterschiedliche Stufen der historischen Entwicklung. Und es ist die Verpflichtung jeder zivilisierten Nation, die Menschen aus schwächeren Nationen bei ihrem Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung zu unterstützen.

Zu den weiteren Höhepunkten des wissenschaftlichen Schaffens Miklucho-Maklais gehörten die Gründung des ersten meeresbiologischen Forschungsinstituts Australiens in Sydney. Er publizierte auch 34 Forschungsarbeiten für die Linné-Gesellschaft und wurde zu deren Ehrenmitglied ernannt.

In Australien heiratete er auch Margaret-Emma Robertson, die Tochter des Premierministers von Neu-Südwales. Seine Nachkommen leben immer noch in Australien.

Bis zu seinem Tod kämpfte er gegen die Sklaverei. Seine Empfehlungen führten dazu, dass die niederländische Regierung den Sklavenhandel im Ostteil des indonesischen Archipels beendete. Außerdem setzte er sich für die Landbesitzrechte der Bewohner von Papua-Neuguinea ein.

Im Jahr 1888 starb Nikolai Miklucho-Maklai im Alter von 41 Jahren an den Folgen eines nicht erkannten Gehirntumors. Einige Quellen schreiben auch von einer Tropenkrankheit als Todesursache, einzelne behaupten auch, er habe noch bis ins Alter von 90 Jahren in Australien gelebt.

Leo Tolstoi schrieb über ihn:

Du warst der Erste, der aus eigener Erfahrung unmissverständlich demonstrierte, dass ein Mensch überall Mensch ist, dass er ein freundliches, soziales Wesen ist, mit dem man durch Güte und Wahrheit kommunizieren kann und soll – nicht durch Waffen und Ungeist.

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