Die Band Vintage mit Anna Pletnova - ein Portrait

Die Band Vintage mit Anna Pletnova - ein Portrait
Die Solistin der Band "Vintage" Anna Pletnova.
Anna Pletnova und ihre Band Vintage sind fester Bestandteil der russischen Pop-Kultur. Die Gründe: Ihre Songs sind eingängig melodiös und setzen sich mit dem Thema Geschlechterrollen auseinander. Eine spannende Kombination.

Wer russisches Radio hört, stößt zwangsläufig auf die eingängige Stimme von Anna Pletnova und den harmonischen Pop der Gruppe Vintage (Винтаж). Zusammen mit Aleksej Romanov bildete Anna Pletnova die Band Vintage. Seit diesem Jahr verfolgt Anna ein Solo-Projekt. Sie bleibt aber als Produzentin und Komponistin Romanov erhalten. Den Weggang von Anna hat Vintage mit den vier Sängerinnen Evgenia Polikarpova, Anna Kornileva, Anastasia Kasaku und Anastasia Kreskina  kompensiert. Im aktuellen Clip unterstützt Anna das Ensemble. 

Das musikalische Konzept bleibt unverändert. Vintage machen sehr melodiösen, fast seichten Pop. Die Texte und Clips behandeln immer wieder um die Themen Frausein, sexuelle Identität und Geschlechterrollen. So auch im aktuellen Clip „Wer möchte Königin werden?“ (Кто хочет стать королевой?) 

https://www.youtube.com/watch?v=rctCUqOrWWs

Einer der ersten großen Hits war 2006 „Böses Mädchen“ (Плохая девочка). Es geht um das Thema des Spielens mit Rollenzuschreibungen. Dabei sollen Rollen übernommen und mit ihnen gespielt werden. Identität stellt sich dann außerhalb dieser Rollen her. 

https://www.youtube.com/watch?v=kCbxQpn4Yzo

„Böses Mädchen“ ist auf dem Albums Sex (Cекс) erschienen. Es wurde 2008 mit dem MTV-Music-Award ausgezeichnet.  Auf dem Album ist auch der Hit „Einsame Liebe“ (Одиночество любви). In der zweiten Version des Clips spielt die bekannte russische Travestiekünstlerin Zsa Zsa Napoli eine wichtige Rolle. Sie empfiehlt größere Brüste zur Erreichung von Zielen. 

https://www.youtube.com/watch?v=J73UXhQvlL4

Spätestens seit dem Album Sex sind Vintage ein fester Bestandteil der queeren Szene Russlands. Sie treten regelmäßig in Clubs wie dem Moskauer Gay-Club Central-Station auf. Bei der Präsentation des Albums ließen Vintage zum Song „Junge“ (Мальчик) die Regenbogenfahne wehen. Klar, dass dieser Song zur Hymne der russischen Schwulenbewegung wurde und Anna Pletnova zu deren Ikone. 

https://www.youtube.com/watch?v=W9Y9eX54DHo

Im vergangenen Jahr habe ich eine Prognose gewagt. Nachdem ich das Video zu „Ich glaube an die Liebe“ (Я верю в любовь) gesehen hatte, war ich mir absolut sicher, dass diese Produktion auf eine Teilnahme am ESC abzielt. Sie enthält alles, was einen Titel tauglich für den Mainstream macht: Eine gewisse Seichtheit, internationale Ausrichtung in der Ästhetik und Darstellung, selbst die Drogenerfahrungen der Party-Drogen-Generation sind visuell verarbeitet, eine Weltraum-Katze ist ebenso im Clip wie viele süße Häschen. Aber wie das so ist mit Prognosen: Ich lag leider völlig daneben. Russland schickte im vergangenen Jahr Sergey Lazarev. Er war der Gewinner der Publikumswahl und landete in der Gesamtwertung auf Platz drei. Trotzdem ist die Band Vintage ein möglicher Kandidat für den ESC, sollte Russland in Zukunft nach den öffentlichen Diskriminierungen in diesem Jahr überhaupt noch einmal daran teilnehmen. 

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Die Band verbindet in einer wunderbaren Weise Gesellschaft reflektierende und kritisierende Texte mit weicher, fast schon einschmeichelnder Pop-Musik, wodurch die Produkte massentauglich werden, weshalb Vintage trotz Gesellschaftskritik  und provokanten Clips einen Hit nach dem anderen platzieren. Oder vielleicht ist es gerade diese Kombination, die das Potential der Songs ausmachen. Man kann darüber nur spekulieren. Fakt ist jedoch, die Band ist unter den ganz großen im russischen Pop-Geschäft. 

Der letzte gemeinsame Hit in der Besetzung mit Anna Pletnova machte erneut die Frau und ihre zugeschriebene Rolle in der Gesellschaft zum Thema. Allerdings ist hier das Spiel mit den Rollen und den gesellschaftlichen Konventionen weniger leicht als in ihren ersten Produktionen. In „Starkes Mädchen“ (Сильная девушка) zeigt Anna darüber hinaus, wie sie sich der Rollenzuschreibung entzieht: mit Masturbation. 

https://www.youtube.com/watch?v=Pzm-eEGpiCw

Anfang des Jahres hat Anna Pletnova die Band Vintage verlassen und macht seitdem zusammen mit Marina Fedunkiv, einer bekannten Komikerin, ein eigenes erfolgreiches Projekt. Das Thema ihres Clips „Freundin“ (Подруга) ist ganz schlicht: einen Typen klar machen, und zwar mit allen Mitteln. Den Grund erzählt der Text: Anna hat ihren Liebhaber verlassen und wohnt bei ihrer Freundin. Wie man sich einen Mann angelt und dabei scheitern kann, zeigt der Clip. Selbst ein Liebesgebräu hilft nichts. Die schwarze Magie verfehlt ihre Wirkung. Annas Freundin hat da mehr Glück.

https://www.youtube.com/watch?v=F4dyDrxKo2E

Auf die zukünftigen Produktionen von Anna Pletnova und Vintage kann man gespannt bleiben, denn sie sind nicht ohne Grund in der russischen Pop-Kultur fest verankert.