"Diesen ESC braucht wahrlich keiner mehr…": Deutsche Kommentare zum Skandal um das Einreiseverbot

Russischer Sänger Sergej Lasarew in Stockholm
Der russische Teilnehmer Sergej Lasarew während der Proben zum Finale des 61. internationalen Wettbewerbs European Song Contest am 13. Mai 2016 in Stockholm.
Das Einreiseverbot gegen die behinderte russische Sängerin Julia Samoilowa im Vorfeld des ESC 2016 in Kiew bewegt auch in Deutschland die Gemüter. Es fällt auf: Journalisten und Leser beurteilen den ukrainischen Schritt oft diametral unterschiedlich.

Es bleibt mittlerweile auch den Russen nicht verborgen: In den Spalten für Leserkommentare kritisieren die Deutschen lautstark die ukrainische Einreisesperre für die russische ESC-Teilnehmerin, vermeldet die Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Die Kritik gilt dabei gleichermaßen der Ukraine, dem Wettbewerb selbst und den Journalisten, die darüber berichten.

Deutsche Medien: Imageschaden für Ukraine, "pures Gold" für Russland

Dabei beginnt, wie es auch sonst so oft der Fall ist, alles mit einer Rechtfertigung der Ukraine in den deutschen Medien. Gesetz ist Gesetz, legen die deutschen Medien ihren Lesern nahe. Nicht selten sind es die gleichen Medien, die genau diesen Grundsatz immer dann wortgewaltig hinterfragen, wenn sich Gesetze in anderen Ländern gegen Personen richten, die ihrer politischen Agenda als nützlich erscheinen - etwa Chodorkowski, Nawalny, die "Pussy-Riot-Frauen" oder jüngst Deniz Yücel in der Türkei.

Hier ist das aber offenbar etwas Anderes: Auch eine unangenehme Regelung sollte man akzeptieren, die Ukraine habe das Recht, die Krim-Frage so zu behandeln wie sie will. Schließlich habe Russland die Krim annektiert und nicht umgekehrt, so ist die gängige Argumentation. Schade ist allenfalls, dass die Ukraine dann doch am Ende als "hartherzig" dasteht, so der Grundton.

Der Veranstalter EBU übt sich angesichts der ukrainischen Drohungen gegen Russlands designierte ESC-Starterin Julia Samoilowa in der Kunst, nicht aufzutauchen. Unterdessen sehen sich selbst erfahrene Ukraineversteher in den Mainstreammedien in Erklärungsnöten bezüglich Kiews Vorgehens.

Russland dagegen, das eine körperlich behinderte und sympathisch daherkommende Sängerin zum Wettbewerb schickt, setzt Kiew damit kaltblütig unter Zugzwang und benutzt Julia Samoilowa im politischen Schachspiel. Der Streit sei für Russland propagandistisch "pures Gold", wie Jan Feddersen auf der offiziellen Homepage des Wettbewerbs schrieb. Deshalb sollte man gerade Russland und nicht die Ukraine in diesem Streit skeptisch beäugen, vermitteln die Journalisten die gewünschte Deutungsperspektive. Schließlich ist ja auch nicht immer der der Kriegsbeginner, der den ersten Schuss abgibt, oder so ähnlich.

Sollte die Kommentarfunktion der entsprechenden ein tauglicher Indikator sein, um ein einigermaßen taugliches Stimmungsbild der Bevölkerungsmeinung zu erlangen, teilen indessen nicht alle Leser diese nicht mehr wegzudenkende Russland-Skepsis der Medien. Die stetig wiederkehrende, klar und eindeutig in Schwarz und Weiß scheidende Analyse - die Ukraine habe richtig gehandelt, den russischen Teufeleien könne man nur so begegnen - stößt dort auf Widerspruch.

Entspricht die russische Sicht dem gesunden Menschenverstand?

Nicht nur aus russischer Sicht könnte man ja die zahlreichen Ukraineversteher fragen, die sich jetzt hinter dem Appell an die Gesetzestreue verschanzen, wo denn sie und die europäische Organe waren, als die Schlägerbanden während der gewaltsamen Ausschreitungen auf dem Maidan von den ukrainischen Sicherheitsgesetzen nichts wissen wollten. Oder ob die Europäer selbst genug Respekt vor fremden Gesetzen zeigten, als sie Russland wegen der Gesetzesergänzung zum Verbot der homosexuellen Propaganda unter den Unmündigen einer regelrechten Obstruktion unterzogen.

Julia Samoilowa, die als russische Teilnehmerin am ESC vorgesehen war, am Moskauer Flughafen; 16. März 2017

Auffallend viele Deutsche brachten zum Ausdruck, dass auch sie Doppelmoral hinter der Verharmlosung des ukrainischen Vorstoßes sehen. Bereitwillig machten sie ihren Unmut gegenüber ukrainischen Behörden, ESC-Veranstaltern und deutschen Journalisten in ihren Kommentaren Luft.

Leser: Extreme Politisierung

Einige brachten ihre Emotionen zum Ausdruck, wie die Userin Estelle, die bekannte: "Diesen Kindergarten werde ich mir nicht anschauen!" Andere verwiesen auf die Nazi-Zeit und darauf, dass sogar damals sowohl Amerikaner als auch Deutsche ihren damaligen rassistischen Gesetzen zuwider afroamerikanische Athleten zu den Olympiaspielen 1936 in München zugelassen haben.

Was wäre, wenn ein zukünftiger ESC in einem muslimischen Staat den Auftritt eines Juden verbieten würde, weil es die Gesetze des Landes nicht erlauben?", fragte daraufhin der User Paul.

Viele wiesen auch auf die extreme Politisierung des Wettbewerbs vonseiten der Ukraine hin. Diese zeigt sich spätestens seit dem Auftritt der Sängerin Jamala mit dem Lied "1944", das nicht nur das Leid der deportierten Krimtataren besingt, sondern auch scharfe politische Botschaften gegen vermeintliche Gegner aussendet.   

Die anderen bemängelten auch die mangelnde Sensibilisierung der deutschen Medien gegenüber der behinderten Sängerin, die die Süddeutsche Zeitung in ihrer gedruckten Version heute als "naiv" bezeichnete.

Gerade im behindertenfreundlichen Deutschland sollte Druck ausgeübt werden auf die Ukraine", schrieb Leser El Greco.

Ukraine will einfach PR

Der Meinungskampf um die Einreisesperre dürfte noch stärker eskalieren, je näher der Austragungstermin rücken wird. Der PR-Effekt des ukrainischen Verbots ist damit jedenfalls vorprogrammiert. Auch Quellen aus dem ukrainischen Innenministerium belegen, dass das Gastgeberland mit diesem Coup einfach die weltweite mediale Aufmerksamkeit wieder auf die "Krim-Frage" lenken wollte. Ob das Vorgehen positiv oder negativ kommentiert wird: Die Hunderten von Journalisten aus aller Welt, die sich im Mai für mehrere Tage durch Kiew bewegen werden, dürften den Vorfall nicht unerwähnt lassen.  

Unterdessen scheiterten die ersten Vermittlungsversuche im Streit um die Einreise vonseiten der Europäischen Rundfunkanstalt, der vorgeschlagen hatte, den Auftritt von Julia Samoilowa per Video zu übertragen.

Wir sind der Ansicht, dass die Europäische Rundfunkanstalt (EBU) keine neuen Regeln für die russische Teilnehmerin im Jahr 2017 erdenken soll und in der Lage ist, den Wettbewerb im Einklang mit dem eigenen Reglement zu veranstalten", hieß es in der Stellungnahme des Ersten Kanals, der die Auswahl von Julia Samoilowa vorgenommen hatte.  

Die ukrainische Seite lehnte den Vorschlag der EBU ebenso kategorisch ab.