Teil des öffentlichen Lebens: Behinderte in Russland wollen kein Mitleid mehr

Teil des öffentlichen Lebens: Behinderte in Russland wollen kein Mitleid mehr
Die russische ESC-Kandidatin Julia Samoilova sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl.
Die Behinderten waren in Russland lange eine Randgruppe. Jetzt drängen sie immer mehr an die Öffentlichkeit. Dass Julia Samoilowa als ESC-Starterin ausgewählt wurde, ist eine logische Folge dieser Entwicklung.

von Ulrich Heyden, Moskau

Hat Russland "provoziert", indem es die Rollstuhlfahrerin Julia Samoilowa für den European Song Contest (ESC) nominierte, wie einige deutsche Zeitungen sich nicht entblödeten, zu schreiben? Hat Moskau eine behinderte Sängerin zum ESC geschickt, wohl wissend, dass die Ukraine die Kandidatin nicht einreisen lassen wird, weil Samoilowa 2015 ohne Genehmigung Kiews auf die Krim gefahren ist und dort ein Konzert gegeben hat?

Wurde die Sängerin im Rollstuhl schnöde für ein politisches Ziel ausgenutzt? Weil das im Zusammenhang mit dem ESC-Skandal der einzige antirussische Narrativ ist, von dem sie glauben, sie können ihn ihrem Publikum gefahrlos zumuten, lassen deutsche Medien derartige Verdächtigungen kursieren.

Aus russischer Perspektive sind derartige Anwürfe abseitig. Das Thema Behinderungen ist kein Mode-Thema, welches man einmal auspackt und dann wieder zur Seite legt. Dieses Thema hat in Russland in den letzten fünf Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Viel, wenn auch nicht genug, hat sich zugunsten der Behinderten verändert.

Der Staat hat erkannt, dass es aus humanitären und auch wirtschaftlichen Gründen notwendig ist, die Behinderten stärker in das öffentliche Leben zu integrieren.

Invalide bettelt in Sankt Petersburg

Immerhin sind neun Prozent der russischen Bevölkerung in irgendeiner Form behindert. Es gibt Seh-, Hör- und Gehbehinderte. Angesichts sehr bescheidener Schwerbehinderten-Renten waren lange Zeit die Verwandten die einzige Hilfe für diese Menschen. Selten sah man Behinderte früher auf der Straße. Die Straße war für sie eine Art feindlicher Raum oder wie man in Deutschland sagt: nicht behindertengerecht.

Seit 2011 gibt es nun staatliche Programme, welche den Behinderten aktiv die Teilhabe am öffentlichen Leben erleichtern sollen. Der Behinderten-Sport bekommt im Fernsehen immer mehr Platz. 

Ein sibirischer Husky begrüßt sein Herrchen

Hilfspersonal in der U-Bahn für Rollstuhlfahrer

Russland holt in Riesenschritten das nach, wofür man im Westen Jahrzehnte brauchte. Zu Sowjetzeiten versuchte man Behinderte noch vor der Öffentlichkeit zu verstecken, insbesondere, wenn es internationale Großveranstaltungen gab. Während der Weltjugendfestspiele 1957 wurden die Kriegsbehinderten aus St. Petersburg auf die Kloster-Insel Walaam umgesiedelt, weil die internationalen Gäste nur gesunde und keine behinderten Menschen sehen sollten.

Im Jahr 2011 startete die russische Regierung das Programm "Erreichbare Umwelt". Man begann Autobusse, Gehwege, Geschäfte und Büros so zu gestalten, dass sie von Rollstuhlfahrern genutzt werden können. In der Moskauer Metro gibt es jetzt 28 Stationen, in denen Rollstuhlfahrer einen Lift benutzen können. Mit den Liften hat man vor allem die in den letzten Jahren gebauten U-Bahn-Stationen ausgerüstet. Bei den langen U-Bahn-Rolltreppen im Zentrum der Stadt sind die Rollstuhl-Fahrer aber nach wie vor auf fremde Hilfe angewiesen.

Um auch jenen Behinderten zu helfen, welche U-Bahnstationen benutzen, in denen es keine Lifte gibt, wurde 2013 von der Moskauer U-Bahn das Zentrum für Mobilität eingerichtet. Dort können Rollstuhlfahrer, ältere Menschen oder Familien mit Kindern kostenlos Hilfspersonal anfordern, welches ihre Reise in der Moskauer Unterwelt begleitet und Rollstühle in U-Bahn-Waggons hebt.

Natürlich ist in Russland noch viel zu tun, wie dieser Rollstuhlfahrer mit seinem Video aus der Stadt Uljanowsk zeigt, doch erste Schritte sind getan und die Öffentlichkeit ist sensibilisiert.

Mit einer Rose über die langen Rolltreppen

Noch in den 1990er Jahren sah man in Moskau schockierende Bilder. Viele Menschen waren arm und es gab Behinderte, Männer ohne Beine, die sich, nur auf ihre Arme gestützt, aus eigener Kraft in die U-Bahn-Wagons hievten, um die Passagiere dort um Geld zu bitten. Moskauer Zeitungen warnten, dass die bettelnden Behinderten ihr Geld bei Mafia-Gruppen abgeben müssen. Damals gab es in den U-Bahn-Stationen weder Aufzüge noch andere Hilfen für Rollstuhlfahrer.

Ich erinnere mich selbst an einen jungen Rollstuhlfahrer, der sich mithilfe einer Rose aus seiner misslichen Situation rettete. Der junge Mann saß vor einer der langen Rolltreppen an der U-Bahn-Station Puschkinskaja in seinem Rollstuhl, in der Hand eine Rose.

Sein Blick machte klar: Ich brauche jemanden, der meinen Rollstuhl auf der langen Aufzugtreppe auf dem Weg nach Unten hält. Ich verstand seine Bitte und habe ihm geholfen. Unten auf dem Bahnsteig angekommen, wollte er mir doch glatt seine Rose schenken, aber ich lehnte dankend ab. Mir war klar, dass er seine Rose auf seinem Weg nach Hause noch brauchen würde.

"Sowas gehört nicht auf die Bühne"

Dass sich der russische Perwy-Fernsehkanal entschieden hatte, Julia Samoilowa zum Song Contest nach Kiew zu schicken, war durchaus keine Selbstverständlichkeit. Denn immer noch gibt es Russen, die meinen, Behinderte hätten auf einer Bühne nichts zu suchen, denn sie störten den ästhetischen Genuss.

Wenn Julia Samoilowa auftritt, verdeckt sie ihren Rollstuhl durch ein großes Kleid. Mit ihrer wunderbaren Stimme, ihrem Lächeln und dem Schalk, der manchmal über ihr Gesicht huscht, tut die Sängerin alles, um den Zuschauer in den Bann ihrer Musik zu ziehen. Die Behinderung wird so zur Nebensache.

Wie schwer es immer noch für Behinderte auf der Bühne ist, wurde Anfang März bei der im russischen Perwy-Fernsehkanal gesendeten Show Minuten des Ruhms deutlich. In der Show trat der Tänzer Ewgeni Smirnow mit seiner Tanz-Partnerin Alena Schenewa auf. Smirnow trat auf, obwohl ihm ein Bein nach einem Auto-Unfall amputiert worden war.

Die tänzerische Leistung des Paares wurde durch Smirnows Behinderung aber nicht geschmälert. Im Gegenteil: Man sah, wie zwei Tänzer so kooperieren, dass die Behinderung des Einen die Gesamtbewegung des Tanzes nicht unterbricht und etwas überraschend Neues, Schönes entsteht.

Zwei Jury-Mitglieder drückten den roten Knopf

Der Auftritt von Smirnow und Schenewa war wie ein Sinnbild dafür, wie Nicht-Behinderte und Behinderte in der Gesellschaft kooperieren könnten. Das Publikum war beeindruckt und klatschte. Widerspruch gab es jedoch ausgerechnet von zwei Jury-Mitgliedern, die ansonsten für ihre liberale Einstellung bekannt sind. Sie drückten den "roten Knopf" und zeigten damit, dass sie den Auftritt nicht für eine Auszeichnung empfehlen.

Ausschluss entgültig: Russische Athleten dürfen nicht bei den Paralympischen Spielen in Rio teilnehmen.

In gewundenen Worten erklärte die bekannte Schauspielerin Renata Litwinowa, sie wisse, dass es in diesem Land schwierig sei, als Mensch mit einer Amputation zu leben. Aber, so fragte sie, sei es nicht besser, wenn Jewgeni Smirnow sich ein zweites Bein anschnallt, damit dieses Thema [gemeint war die Amputation] nicht ausgenutzt wird?

Der behinderte Tänzer rechtfertigt sich

"Ich nutze das nicht aus", erklärte Tänzer Smirnow, immer noch auf der Bühne stehend. "Ich tanze jetzt so, wie ich lebe. Und ich lebe mit dem Tanz." Auch ein weiteres Jury-Mitglied, der Schauspieler Sergej Swetljakow, erklärte, Smirnow habe gezeigt, "wie ein Tänzer sein volles Leben lebt und nicht auf Mitleid abzielt".

Hingegen stimmte auch Wladimir Posner, Jury-Mitglied und Fernseh-Moderator, gegen das Tänzer-Paar. Er erklärte, er sei von dem Auftritt "begeistert", aber in der Kunst gäbe es nun mal verbotene Methoden, zu denen auch das Zeigen von Behinderungen gehöre. Das Publikum quittierte diese Aussage mit Buh-Rufen.

Allmählich ändert sich die Einstellung gegenüber Behinderten in Russland. Der Staat hat erkannt, dass die Behinderten aus ihren Wohnungen herausgeholt und in die Gesellschaft integriert werden müssen. Und man sucht nach Wegen, eine behindertengerechte Umwelt zu gestalten.

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