"Zynisch und unmenschlich": Vorprogrammierte Wut über das Einreiseverbot für Julia Samoilowa

Russische Sängerin Julia Samoilowa in Moskau, März 2017.
Julia Samoilowa, die als russische Teilnehmerin am ESC vorgesehen war, am Moskauer Flughafen; 16. März 2017
Das Einreiseverbot für Julia Samoilowa stößt erwartungsgemäß auf Empörung. Die Befürworter eines russischen ESC-Boykotts sehen sich bestätigt. Der politische Skandal um den populärsten Musikwettbewerb Europas beschert Kiew durchaus erwünschte Aufmerksamkeit.

Bereits am Montag ist bekannt geworden, dass Kiew ein Dokument vorbereitet hat, das der designierten russischen ESC-Teilnehmerin die Einreise in die Ukraine verbieten soll. Nun ist es amtlich: Die Ukraine hat Julia Samoilowa mit einer Einreisesperre für drei Jahre belegt. Damit kann sie nicht wie geplant Russland im Mai bei dem europaweiten Musikwettbewerb Eurovision Song Contest (Grand Prix d'Eurovision) in Kiew vertreten.

Julia Samoilowa und ihr Mann im Flughafengebäude von Moskau-Scheremetjewo

Die Reaktion auf diesen Vorstoß ließ nicht lange auf sich warten. Russische Medien berichteten zeitnah nach der Bekanntgabe der Entscheidung über die erste Stellungnahme aus dem Russischen Außenministerium. Russische Diplomaten verurteilen darin die Entscheidung Kiews als "zynisch und unmenschlich".

Auch der erste Vorsitzende des Komitees des Föderationsrates für Verteidigung und Sicherheit, Franz Klintzewitsch, erklärte, dass Russland alle künftigen Wettbewerbe boykottieren wird, sollten sich die Führungsspitzen des ESC nicht für Julia Samojlowa einsetzen. 

Aber die Leitung des ESC schweigt, sie ist völlig parteiisch und politisiert", fügte der Senator hinzu.

Julia Samoilowa zur Eröffnung der Paralympischen Spiele in Sotschi. Nun soll sie Russland beim ESC in Kiew vertreten.

Klintzewisch ist bekannt für seine markigen Worte. Zum Zeitpunkt seiner Stellungnahme dürfte er jedoch von der Reaktion auf die ukrainische Einreisesperre vonseiten des ESC-Managements noch nicht gewusst haben. Darin hieß es:

Wir müssen die Gesetze des Gastgeber-Landes respektieren. Wir sind jedoch tief enttäuscht von dieser Entscheidung, denn sie wiederspricht sowohl dem Geist des Wettbewerbs als auch dem Begriff der Inkusion. Dieser liegt den Werten des Wettbewerbs zugrunde. Wir werden den Dialog mit ukrainischen Stellen weiterführen, damit alle Teilnehmer in Mai bei dem ESC-Wettbewerb in Kiew auftreten können", steht auf der offiziellen Homepage des Wettbewerbs.

Verfechter eines russischen Boykotts wie der aus dem Donbass stammende Sänger Iosif Kobson fühlen sich durch das Einreiseverbot bestätigt. Kobson freute sich über die Entscheidung, denn:

[...] Wie ich auch früher gesagt habe: Es gibt keinen Grund, in dieses Banditenland zu reisen und unsere Sänger damit zu blamieren. Deshalb ist es sehr gut, dass Kiew selbst wie im Fußball eine Offside-Situation schaffte.

Der Veranstalter EBU übt sich angesichts der ukrainischen Drohungen gegen Russlands designierte ESC-Starterin Julia Samoilowa in der Kunst, nicht aufzutauchen. Unterdessen sehen sich selbst erfahrene Ukraineversteher in den Mainstreammedien in Erklärungsnöten bezüglich Kiews Vorgehens.

Besser wäre es aber, so Kobson, gewesen, wenn Russland schon früher Haltung gezeigt hätte und der Einreisesperre durch einen eigenen Boykott zuvorgekommen wäre.

Mit seiner scharfen Kritik an Kiew steht Kobson nicht allein. Derzeit tobt ein Stimmengewitter aus der Musikbranche durch russische Medien. Mit der Entscheidung zu Gunsten eines Einreiseverbotes steht auch das Thema der abendlichen Talkshows im russischen Fernsehen für heute Abend fest. Eine Vorahnung dahingehend, wie dabei auf die Kiewer Behörden reagiert werden dürfte, lässt sich beispielsweise aus dem Statement des Produzenten Iosif Prigozhnin gewinnen. Die Entscheidung, Julia Samoilowa unter einem vorgeschobenen Vorwand nicht einreisen zu lassen, sei Provokation, Zügellosigkeit und Wahnsinn.

Auch Andrej Makarewitsch, der für seine Unterstützung der Maidan und Kritik an der Krim-Angliederung durch Russland selbst in seinem Heimatland mehrheitlich in der Kritik steht, unterstütze die Ukraine in dieser Angelegenheit nicht.

Es ist eine Dummheit von Kiew", sagte er.

Julia Samoilowa tritt während der Eröffnungsfeier der Winter-Paralympics in Sotschi 2014 auf.

Der russische Außenpolitiker Leonid Slutzki erklärte gegenüber dem Fernsehkanal Rossija 24, dass Russland die im Westen Respekt genießenden Politiker dazu aufrufen wird, Kiew zur Rücknahme dieser diskriminierenden Entscheidung zu veranlassen.

Die Pressesprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa, zog den letzten Federstrich auf ihrer Facebook-Seite:

Ich denke, jetzt ist die Stunde der Wahrheit für die europäische Öffentlichkeit gekommen: Wird sie sich vom SBU leiten lassen und damit die ukrainischen Radikalen zu weiteren "Heldentaten" motivieren […] oder doch beweisen, dass Europa mit seinen Grundwerten, zu denen sich die ukrainischen Politiker nach eigenen Worten selbst bekennen, noch am Leben ist?

Die nächsten Wochen werden zeigen, wie weit Kiew in diesem politischen Spiel gehen will. Egal, wie die Entscheidung am Ende ausfällt: Eine negative Aufmerksamkeit – ein Begriff aus Erziehungsratgebern für den Umgang mit so genannten verhaltensoriginellen Kindern - hat Kiew allemal.

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