Leningrad: Russischer Pop mit eingebautem Skandal-Effekt

Leningrad: Russischer Pop mit eingebautem Skandal-Effekt
Die Gruppe Leningrad ist ein zentraler Bestandteil der zeitgenössischen russischen Pop-Kultur. Ihre Texte sind rüde und entlarvend, ihre Clips kennen keinerlei Scham. Leningrad genießen deshalb bei ihren Fans regelrechten Kultstatus.

von Gert-Ewen Ungar

Die bereits in den 1990er Jahren gegründete Band Leningrad ist mit der schillerndste Stern am russischen Pop-Himmel. Leningrad gruppiert sich seither in wechselnden Formationen um den mit Blick auf seine Biografie nicht weniger extravaganten Sänger und Gitarristen Sergej Schnurow.

Sergej Schnurow und seine Band

Leningrad kommen ursprünglich aus dem Petersburger Underground. Aus dieser urbanen Indie-Szene heraus schaffte es die Band, in mehrerlei Hinsicht Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dies gelang ihr nicht nur mittels Musik und gesellschaftskritischen Texten.

Leningrad wussten stets auch um die Wirkung zahlreicher, oftmals sehr medienwirksam inszenierter Skandale sowie von Liedtexten, die sich überwiegend um Abwandlungen des Wortes хуй/huj ranken, was wörtlich "Schwanz" bedeutet und in seiner Verwendung etwa dem Englischen "fuck" entspricht.

Ausführlich und hingebungsvoll deklinieren Leningrad die russische Vulgärsprache in ihrem Track "машина" (maschina - Auto) durch und lässt in dem dazugehörigen Clip kein Klischee über Russen und auch Russinnen aus.


Ihre Titel landen regelmäßig in der russischen Hitparade. Im Jahr 2015 beispielsweise stürmten sie die Wertung mit dem Song "Сумка" (sumka - die Tasche).

Sumka erzählt die Geschichte von einer zwar wenig talentierten, dafür aber umso reicheren Russin, die an ihrer Pop-Karriere strickt. Zu ihrem Lied, in dem sie recht sinnfrei ihre Ledertasche von Prada besingt, möchte sie einen Clip produzieren. Der Auftrag an den Produzenten besteht darin, ein mystisches, modisches, romantisches und vor allem exquisites Video zu produzieren. Genau das bekommt sie auch. Der Clip erzählt die Geschichte der Dreharbeiten.

Thematisch ähnlich ist der Titel "экспонат" (exponat – Ausstellungsstück). Auch hier steht wieder die Mode im Mittelpunkt. Das modische Element im Clip sind Schuhe von Louboutin. Leicht erkennen lassen sich diese an ihren roten Sohlen und in der Realität daran, dass sie nicht unter 500 Euro zu haben sind.

"Exponat" – in Russland der Hit des Jahres 2016 - erzählt gleichsam eine modernisierte Variante eines Romans von Jane Austen. Das Thema ist die reiche Heirat mit dem Ziel, den eigenen Lebensstandard ohne Anstrengung nicht nur zu sichern, sondern auch zu erhöhen.

Leningrad trafen mit dem Song ganz deutlich einen Nerv. Der Clip dazu hat - Stand März 2017 - auf YouTube bislang nicht nur deutlich über 100 Millionen Klicks erzielt, sondern ist auch vielfach übernommen und parodiert worden.

Hier eine Variante dazu, die die Geschlechterrollen umdreht und mit kaukasischen Klischees spielt:

Eine trashige LGBT-Version dazu gibt es natürlich auch:

Der als Follow-Up zu Exponat veröffentlichte Clip von Leningrad thematisiert ein anderes Accessoire. Der Titel lautet "Сиськи" (siski), es geht schlicht um Brüste. Die Protagonistin der Geschichte findet dabei ihre zu klein.
Leningrad tragen dabei ganz dick auf. Nicht nur, dass Wladimir Putin hier eine Funktion als Lebensberater zukommt. Auch Leonardo da Vincis Abendmahl kommt im Clip zu Ehren, wobei der auf diesem als Jesus zu identifizierende Mann den Beischläfer gibt und anbietet, für eine Brustvergrößerung bezahlen zu wollen.

Der jüngste Leningrad-Clip wird übrigens rückwärts erzählt und ist an Brutalität kaum zu übertreffen.

Regisseur und Drehbuchautor Ilja Naishuller inszenierte das Video. Das Plattenlabel hat es am 14. Februar online gestellt und bisher erzielte das Werk mehr als acht Millionen Klicks.

Wer möchte, kann sich das Schlachtfest natürlich auch im Vorwärtsgang antun.

Im vergangenen Jahr waren Leningrad auch in Deutschland zu Gast. Tausende Fans hoffen, dass sie bald wiederkommen. Die Konzerte sind ein unglaublicher Spaß, man muss sie einfach mal erlebt haben: eine einzige Orgie der Lebensfreude, gepaart mit einer kräftigen Portion Fatalismus und einer Menge Wodka.

ForumVostok
MAKS 2017