Iran: Theaterstück prangert menschenunwürdige Zustände auf Australiens Abschiebeinseln an

Iran: Theaterstück prangert menschenunwürdige Zustände auf Australiens Abschiebeinseln an
Abschiebeflüchtlinge auf der Insel Manus, Papua-Neuguinea; 21. März 2014.
Ungewohnt gesellschaftskritische Töne auf Teherans Bühnen: Sie zeigen ein Stück über die unmenschlichen Zustände an Australiens Orten der Schande. Auf den berüchtigten Abschiebeinseln Manus und Nauru werden auch Iraner Opfer einer rigorosen Flüchtlingspolitik.

Der Iran ist kein Ort, an dem Künstler üblicherweise Menschenrechte thematisieren. Oppositionelle Geister müssen kreative Wege finden, um der allgegenwärtigen strengen Zensur zu entgehen, oder man zieht sich in die privaten Räume zurück und übt dort Kritik.

Nun hat eine Iranerin ein Theaterstück über einen Ort der Schande in Australien verfasst, und die zuständigen Stellen erteilten ihr tatsächlich die Genehmigung, dieses auf den Bühnen Teherans aufführen zu lassen. Das Theaterstück schaffte es sogar in Teherans Stadttheater, die Qashqai Hall. 

Nazanin Sahamizadehs Name klingt wie aus 1001 Nacht. Die Geschichten ihrer Darsteller aber sind keine gut endenden Märchen und im Jetzt verankert. Sieben iranische Männer sind die Leidtragenden ihres Stücks. Es ist die Geschichte von Millionen Menschen, die sich auf der Suche nach einer neuen Zukunft in die Fremde wagen und alles riskieren. Doch der Traum von der Demokratie endet auf Papua-Neuguineas berüchtigter Insel Manus. Hier zeigt sich das real existierende demokratische System des Landes Australien mit all der Härte seiner Flüchtlingspolitik. 

Unter den unfreiwilligen Besuchern der Inseln Manus und Nauru sind viele Iraner. Australien ist eines der Traumziele iranischer Flüchtlinge. Aber im Iran ist dieser Ort kaum bekannt. Allein im Zusammenhang mit dem getöteten Reza Barati ist einigen Iranern der Ort ein Begriff.

Der junge Flüchtling wurde auf der Insel während eines Aufstands ermordet. Das zuständige Gericht verurteilte die beiden Täter aber nur zu geringen Strafen. Die ursprünglich verhängten zehnjährigen Haftstrafen wurden auf fünf Jahre reduziert. Letztendlich können die Täter nach nur drei Jahren Haft darauf hoffen, entlassen zu werden. Der Richter führte das milde Urteil auf die Tatsache zurück, dass auch andere in die Tat involviert waren.

Hier findet sich ein Animationsfilm mit Zeugenberichten zum Fall Reza Baratis.

Die Insel könnte ein Urlaubsparadies sein. Aber Hölle und Paradies liegen hier dicht gedrängt nebeneinander. Unter Palmen und Sandstränden regiert die Hoffnungslosigkeit der Menschen hinter Stacheldrahtzäunen. Ende 2016 waren dort zusammen mit einem weiteren Abschiebeheim auf der kleinen Insel Nauru 1.200 Menschen interniert.

Die Iraner auf der Insel stellen für die australischen Behörden ein besonderes Problem dar. Der Iran weigert sich, die Menschen zurückzunehmen, und wenn er es doch tut, droht den Abgeschobenen nach ihrer Rückführung Gefängnis. Der Karikaturist mit dem Künstlernamen Eaten Fish ist eines der bekannteren Opfer beider Welten. Er trat in den Hungerstreik und das Oberste Gericht Papua-Neuguineas beschloss, dass das Abschiebezentrum nicht verfassungskonform ist. Im November 2016 einigten sich USA und Australien darüber, dass die USA 1.250 gestrandete Flüchtlinge aufnehmen werde.

Dr. Graham Thom, Flüchtlingskoordinator bei Amnesty International, erklärt dazu:

Amnesty International wurde Zeuge des unglaublichen Missbrauchs, welcher den Menschen auf Nauru und der Insel Manus zugefügt wird. Wir sind glücklich darüber, dass die Flüchtlinge in die USA verlegt werden und der Albtraum ein Ende hat. 

An die Öffentlichkeit gelangte Dokumente, die der britische Guardian aus dem Lager in Nauru erhielt, zeigten Einblicke in die systematische psychische und physische Misshandlung Minderjähriger.

Die neue Anti-Immigrationspolitik Trumps vernichtet jedoch die Hoffnung, dass diese Übereinkunft tatsächlich umgesetzt wird. Ende des Monats sollten erste Interviews stattfinden, um Flüchtlinge für die Ausreise in die USA auszuwählen und den langen Umsiedlungsprozess in Gang zu bringen. Ein Gespräch mit dem australischen Premierminister Malcolm Turnbull Anfang Februar endete abrupt. Hierin beschuldigte Trump Turnbull, dass er Terroristen in die USA exportieren wolle. In einem Tweet sprach Trump von den vermeintlichen nächsten Boston-Bombern aus Australien. 

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Australien hat bisher noch keine menschlichere Lösung gefunden und so lange wird das Thema im Iran Gegenstand von Theateraufführungen bleiben. Auch Sebastian Kurz, Außenminister Österreichs, will Flüchtlingszentren weit weg von den EU-Grenzen. In Frage kämen dabei Georgien, Ägypten, der westliche Balkan.

Dort sollen Menschen, die keine Chance auf ein Bleiberecht haben, schnell abgefangen und abgeschoben werden können, bevor sie die EU erreichen. Dies entspricht auch den Ideen der AfD, die Flüchtlinge nach australischem Modell auf Inseln verfrachten will. Im fernen Bangladesch will man sich ebenfalls auf diese Weise des Zustroms der heimatlosen Rohyngia entledigen. Ganz nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn. 

Sahamizadeh hofft, die Geschichte auch nach Australien und in die Welt hinaustragen zu können, um den Stimmen der Geflüchteten Gehör zu verschaffen. Sie prangert mit ihrer Dramatik die Situation und Ausweglosigkeit der Menschen an.

In die USA wird sie in der nächsten Zeit jedoch nicht reisen können. Donald Trump hat gerade erst ein neues Einreiseverbot erlassen. Auch Iraner stehen auf der Liste derjenigen Länder, deren Staatsbürger in den nächsten 90 Tagen nicht in die USA einreisen dürfen.

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