Russische Gemeinden in Südamerika: San Javier - Eine russisch-orthodoxe Kleinstadt in Uruguay

Russische Gemeinden in Südamerika: San Javier - Eine russisch-orthodoxe Kleinstadt in Uruguay
Neben Spaniern und Italienern haben besonders die russischen Einwanderer in Argentinien und Uruguay über Jahrhunderte die Gesellschaft und die Kultur der Länder mitgeformt. Häufig trifft man auf beiden Seiten des Rio de la Plata auf russische Familiennamen.

von Maria Müller, Montevideo

Aus Anlass der 200-Jahr-Feier zur Staatsgründung Argentiniens stellten Vertreter der Herkunftsnationen von Einwanderern aus aller Welt ihre typischen Trachten und Traditionen dar. Die Russen wurden dabei gleich an dritter Stelle gewürdigt hinter Spaniern und Italienern.

Auch im Nachbarland Uruguay haben sich Russen niedergelassen. Sie treffen sich in einigen typischen Restaurants oder zu besonderen Feiertagen im Kulturzentrum Maxim Gorki in Montevideo. Im Alltag sind sie jedoch nicht von anderen Bürgern des Landes zu unterscheiden.

Tief im Landesinneren gibt es eine kleine russische Stadt mit dem Namen San Javier und ein nahegelegenes Dorf mit dem Namen Ofir. Sie stellen jeweils eine Art kultureller Insel inmitten des weiten Umlandes, das nach wie vor in der Gaucho-Kultur verwurzelt ist. Wie aber kommt eine russische Kleinstadt in die südamerikanische Pampa?

Die russische Folkloregruppe Balalaika in San Javier

Während seines kürzlichen Besuchs in Moskau hat der uruguayische Präsident Tabaré Vázquez den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, eingeladen, diese besondere Gemeinde in Uruguay zu besuchen.

Ich würde mich sehr freuen, mit Ihnen San Javier zu besuchen", so Vázquez in Moskau.

Russlands Präsident Wladimir Putin empfängt seinen uruguayischen Amtskollegen Tabaré Vázquez am 16. Februar 2017 im Kreml

Die Geschichte der kleinen Stadt reicht zurück bis ins Jahr 1913. Damals landeten 300 russische Familien am Ufer des Flusses Uruguay an einer ihnen zugewiesenen Stelle. Die damalige uruguayische Regierung hatte Brachland an europäische Bauern verteilt. Die Einwanderer stammen aus Woronesch im europäischen Teil Russlands.

Als Mitglieder einer Sekte mit dem Namen Neues Israel waren sie unter Zar Nicolaus II. verfolgt worden. Sie hatten nur ihre Werkzeuge aus Übersee mitgebracht und fingen aus dem Nichts an, ihre Siedlung, die sie San Javier nannten, aufzubauen und die Ländereien überwiegend mit Sonnenblumen zu kultivieren. Das Sonnenblumenöl wurde zur Grundlage ihres Lebensunterhalts.

San Javier funktionierte in den Gründerjahren wie ein selbstverwalteter Stadtstaat mit eigenen Gesetzen, ohne äußeren Einfluss. Der Patriarch Wasili Lubkow konzentrierte die weltliche und geistliche Autorität in seiner Person. Er wurde als Prophet respektiert, der mit einer Mission nach Uruguay kam: das Reich Gottes auf Erden zu errichten.

Doch schon bald gab es zwei unterschiedlichen Ausrichtungen innerhalb der Gemeinschaft: Die einen wollten sich der uruguayischen Umgebung öffnen und eine laizistische Selbstverwaltung installieren - nach dem Vorbild Uruguays. Die anderen wollten weiterhin in Abgeschlossenheit verbleiben und den bisherigen religiösen Lebensstil beibehalten. Schließlich kehrte Wasili Lubkow 1926 mit 30 Familien in die noch junge Sowjetunion zurück.

Während des Zweiten Weltkrieges organisierte die Gemeinde San Javier ein Hilfskomitee und versandte Lebensmittel an die notleidende russische Bevölkerung. In den 1950er Jahren wurde das Kulturzentrum Maxim Gorki gegründet.

Die Menschen in San Javier fühlen sich heute gleichzeitig als Uruguayer und als Russen, mit einem kulturellen Erbe, auf das sie stolz sind, ohne Bindung an eine Regierung oder eine Ideologie. Die Kultur, die Gastronomie und die Sprache ihrer Älteren waren und sind Zeichen ihrer Identität. Sie sind das Erbe aller Einwohner der Stadt", schreibt Virginia Martinez in ihrem Buch Die Russen von San Javier.

Das wurde von der uruguayischen Militärdiktatur zwischen 1973 und 1985 allerdings nicht so verstanden. Diese glaubte an einen kommunistischen Einfluss im Ort und belagerten diesen regelrecht. Repression war an der Tagesordnung. Gefängnis, Folter, Verschwundene - das alles war Alltag in ganz Uruguay und holte auch San Javier ein.

Ab 1980 verschärfte sich die Unterdrückung. Die Militärs besetzten die Kleinstadt, zerstörten das Kulturzentrum und verhafteten Dutzende von Personen. Der Arzt Wladimir Roslik wurde im April 1984 zu Tode gefoltert. 

Heute tragen ein kleiner Platz, die Hauptstraße und eine kulturelle Stiftung den Namen von Dr. Wladimir Roslik. Im Gemeinschaftszentrum Maxim Gorki werden Russischkurse abgehalten. Das Haus des Propheten Lubkow ist heute ein staatliches historisches Denkmal. San Javier hat inzwischen etwa dreitausend Einwohner, davon 80 Prozent russischer Herkunft.

Im Jahr 2013 feierte der Ort sein einhundertjähriges Bestehen. Zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland drängten sich in dem großen Gorki-Gebäude. Russische Spezialitäten wie Schaschlik oder Honigwein wurden neben dem typisch uruguayischen Asado, dem üppigen Grillfleisch, angeboten.

Mehr als einmal hörten die auswärtigen Gäste bei Nachfragen nach Rezepten oder nach der Herkunft feiner Stickereien Sätze wie "Das hat mir meine Großmutter beigebracht" oder "Ich mache das so wie meine Großmutter". Auch die russische Sprache soll weitgehend von den Großmüttern weitergegeben worden sein. Heute wird sie von der jungen Generation allerdings nur in der Familie gesprochen.

Los niños en la escuela y las bicicletas 🚲 afuera. Las matrioshkas vigilan la escuela #esdepueblo #sanjavier

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Allerdings ist der Schulunterricht zweisprachig – er wird auf Russisch und Spanisch erteilt. Ansonsten wird Spanisch gesprochen: bei der Arbeit, beim Einkaufen, unter Freunden.

Die gefeierte Folkloregruppe Kalinka aus San Javier ist in ganz Uruguay bekannt. Auch nach Brasilien und Argentinien hat man sie schon mehrmals eingeladen. Bei der Feier im Gorkihaus gab es immer wieder begeisterten Applaus für das hohe Niveau ihrer Choreografie und die Leistungen ihrer Tänzerinnen und Tänzer.

Bei der Feier ließen das Orchester mit einer Balalaikagruppe, der Chor und beeindruckende Solisten einen Nachmittag lang eine ferne Welt nachempfinden – von weit her, von der anderen Seite der Erde.
Die Russen sind sehr angesehen in Uruguay, sie gelten als bescheiden, fleißig, zielstrebig und höflich - Eigenschaften, die die Uruguayer bei anderen sehr schätzen.
In unmittelbarer Nähe von San Javier, nur 14 Kilometer entfernt, liegt der Ort Ofir, ein Dorf mit 30 Familien. San Javier und Ofir haben eine ganz unterschiedliche Geschichte, sie sind auch getrennt entstanden.

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Die Einwanderer von Ofir stammen aus der Region Harbin an der Grenze zu China. Sie gehören einer orthodoxen Religionsgemeinschaft mit Namen Staroweri an, die die alte Liturgie bewahrt. Während der Russischen Revolution wurden sie aus Russland ausgewiesen und siedelten sich für einige Jahrzehnte in China an. Von dort aus emigrierten sie in die USA, nach Brasilien, dann nach Argentinien und kamen schließlich 1969 nach Uruguay.

Die Bewohner leben wie vor zweihundert Jahren. Sie tragen ihre traditionellen Trachten im Alltag, die Frauen treten mit Zöpfen und langen Kleidern an die Öffentlichkeit, die Männer tragen russische Hemden mit Schärpe. Sie tragen Bärte, denn ihre Religion verbietet, sich zu rasieren. Man heiratet untereinander. Es gibt weder Radios noch Fernseher, auch Zeitungen kommen nicht in den Ort.

Wozu auch? Da erfährt man doch nur von Gewalt und Krieg, wir leben besser in Ruhe. Außerdem haben wir keine Zeit dafür", erklärt Uljana Keremnowa, eine Einwohnerin.

Manche halten sich nicht mehr so strikt an die Isolation, doch sie sind die Ausnahme. In Ofir steht man morgens früh um fünf Uhr auf, betet und füttert dann die Tiere. Es gibt immer viel zu tun, um das Land zu bestellen. Man sagt, die Bewohner machen gutes Geld mit ihrer Arbeit. Heute sieht man dort schwere Landmaschinen. 

Es ist unsere erste Pflicht, die Kühe, Schweine und Hühner zu versorgen. Dann kommen der Haushalt und anschließend die Handarbeiten, die Stickereien. Wir trinken keinen Mate, weil wir keine Zeit zu verlieren haben", sagt Uljana und meint damit das uruguayische Nationalgetränk, eine Art bitteren Tees.

Casi 13 de la tarde y él quiere seguir..

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Trotzdem gibt es Freizeit, in der die Männer gerne Fußball spielen. Wenn ein Fremder durch den Ort kommt, ziehen sich die Leute meist zurück und beobachten von hinter den Vorhängen die Straße. Aussagen aus San Javier zufolge sollen die jungen Leute aus Ofir inzwischen Autos kaufen und am Wochenende Autorennen veranstalten. Wenn das Treiben zu bunt wird, kommt der Patriarch und ruft zur Ordnung.

Wir kleiden uns wie unsre Großeltern und Urgroßeltern. Vor zwei Jahren habe ich meinen Geburtsort in Russland besucht. Viele haben uns dort beglückwünscht, weil wir die Tradition bewahren, obwohl wir so weit weg leben", erklärt Uljana voller Stolz. 

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