Wenn die Oscarverleihung zum Politikum wird: Oscar für fremdsprachigen Film geht in den Iran

Wenn die Oscarverleihung zum Politikum wird: Oscar für fremdsprachigen Film geht in den Iran
Das Team von The Salesman bei den Filmfestspielen von Cannes: FARID SAJJADIHOSSEINI, BABAK KARIMI, TARANEH ALIDOOSTI, DIRECTOR ASHGAR FARHADI AND SHAHAB HOSSEINI; Frankreich, 23. Mai 2016.
Was die Politik nicht schafft, ermöglicht die Kunst. Asghar Farhadi wurde in Abwesenheit mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet. Brachte der so genannte MuslimBan ihm den Oscar ein? In seiner Heimat wird er gefeiert und verpönt.

Einen Film im Iran zu machen ist wie ein Seiltanz ohne Sicherung zwischen den Abgründen der Mullah-Führung und den Höhen der Filmkunst. Ashgar Farhadi hat es dennoch wieder einmal geschafft, im Rahmen der Regularien seines Landes einen Film von Weltklasse zu kreieren. Dieser gibt einen Einblick in die Gegenwart des Iran.

Wie erwartet war die diesjährige Oscar-Verleihung noch politischer als je zuvor. Sie wurde zur Bühne von Trump-Protestlern und auch berühmt für den größten Fauxpas in der Geschichte der Oscars, als versehentlich der falsche Gewinner für den besten Film ausgezeichnet wurde. "Moonlight" hätte es heißen sollen, anstelle des Feel-Good-Films "La-La-Land". 

Eine junge Iranerin während der Feierlichkeiten in Erinnerung an die islamische Revolution, 11. Februar 2016, Teheran.

Aus Protest gegen das kurzfristig in Kraft gesetzte Einreiseverbot Trumps gegen iranische Staatsangehörige blieb Farhadi der Bühne Hollywoods fern und konnte seinen Oscar für den besten fremdsprachigen Film nicht persönlich in Empfang nehmen. Ein Statement ganz im Sinne der Hardliner, die gegen eine Annäherung an die USA sind und das Nuklearabkommen gerne aufkündigen würden. Irans Außenminister Jarvad Zarif twitterte nach der Bekanntgabe des Gewinners: 

Stolz über Darsteller und Crew von The Salesman für den Oscar und den Protest gegen den MuslimBan. Iraner stehen für Jahrtausende von Kultur und Zivilisation.

Bekannt ist Farhadi auch durch Filme wie Nader und Simin – eine Trennung (A Seperation) und Le Passé. The Salesman hingegen rankt sich um das iranische Theaterschauspieler-Paar Rana und Emad, die Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" einstudieren.

Nach einem Erdbeben mietet sich das kinderlose Paar aus der iranischen Mittelschicht in einem neuen Apartment ein. Das Glück ist nur von kurzer Dauer und das Drama nimmt bald seinen Lauf. Die Wohnung wurde zuvor nämlich von einer unmoralischen Person, einer Prostituierten, bewohnt, die ihre Besitztümer zurückließ. Als Rana eines Tages im Glauben die Tür öffnet, dass es sich um ihren Mann handelt, wird sie zum Opfer eines brutalen Überfalls. Die Unmoral der Vorgängerin trifft auch sie.

In einem Mikrokosmus schafft es Farhadi, mit einfachsten Mitteln Spannung aufzubauen und bedient sich mannigfaltiger Elemente des Thrillers und des Horror-Genres. Emad, der Ehemann, verwandelt sich in einen Rachesuchenden, um die Bestie zu finden, die seine Frau überfiel. Ob es sich um eine Vergewaltigung handelte, bleibt unausgesprochen - auch dies ist ein Statement in einer Gesellschaft voller Tabus.

Rana und Emad gehen nicht zur Polizei. Sie haben kein Vertrauen in die Autoritäten. Die Themen Moral und Rache stehen einander in Farhadis Film kämpferisch gegenüber. Zum Ende hin verschwimmen die Grenzen zwischen Täter und Opfer. Eine Nachricht an die Politik: Nicht alles ist schwarz und weiß, auch nicht im Iran.

In Cannes erhielt der Film eine Auszeichnung für den besten Darsteller und das beste Drehbuch.  

Hat nun Trumps Iran-Einreiseverbot Farhadi den Oskar beschert? Mohammad Attebai von Iranian Independents, ein im Iran lebender Produzent, meint dazu: 

Ich bin mir sicher, dass die Cohen-Media-Gruppe [der amerikanische Vertrieb von The Salesman; d. Red.] ohne dieses nicht die gleiche millionenschwere PR betrieben hätte, obwohl der Film diese Anerkennung verdient.

Farhadi hätte wohl ohne Weiteres für die Oscars anreisen können, hat sich diesem aber verweigert und sich auf diese Weise selbst zensiert. Der Vermarktung des Filmes und dem Regime war dies hilfreich. Der deutsche Kandidat "Toni Erdmann" von Marin Ade ging leer aus. Ein amerikanisches Remake der deutschen Komödie ist aber bereits in Planung. 

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