RT Deutsch Spezial: Moldawien-Reportage - Im Sammeltaxi von Chisinau nach Tiraspol

RT Deutsch Spezial: Moldawien-Reportage - Im Sammeltaxi von Chisinau nach Tiraspol
Symbolbild
Beengter Raum, Zweckgemeinschaft, kurze Dauer: Wer kennt das nicht? In einem Sammeltaxi üben alle Insassen die Kunst der Gesprächigkeit. Was wäre diese Reise ohne einen neugierigen Reporter? Eindrücke von einer Fahrt zwischen zwei Hauptstädten in einem Land.

von Wladislaw Sankin

Das Sammeltaxi ist immer da  

Im ersten Anlauf war es mir nicht geglückt, nach Transnistrien zu gelangen. Der Anlass war kein Geringerer als die Präsidentenwahl in der Hauptstadt eines nicht anerkannten Staates. Ein freundlicher Grenzpolizist ließ mich nach einer Beratung mit seinem Vorgesetzten doch nicht passieren: Ich hatte keine Presse-Akkreditierung dabei. Diese konnte ich erst am nächsten Tag, dem Montag, beim Ministerium für Kommunikation abholen.

Das Drehteam fuhr ohne mich weiter. Als Chisinauer konnten die Kollegen ihre Papiere noch vor der Wahl abholen. Ein Sammeltaxi brachte mich unterdessen zurück nach Chisinau: eine Stunde Fahrt. Diese Kleinbusse mit 9-18 Plätzen sind im gesamten postsowjetischen Raum die beliebteste und unkomplizierteste Art, um von A nach B zu kommen. Seit Anfang der 1990er Jahre und auch heute noch.

Als sich am nächsten Tag auch mein Fahrer, der gleichzeitig auch Leiter der Dreharbeiten war, sich wegen eines Autoschadens verspätete, entschloss ich mich kurzerhand, auf eigene Faust die Reise mit dem Sammeltaxi nach Transnistrien anzutreten. Russische Staatsbürger reisen visumsfrei.

Der moldawische Präsident Igor Dodon überreicht sein Geschenk dem RT Deutsch-Redakteur Wladislaw Sankin: Die dreibändige Geschichte Moldawiens in russischer Sprache.

Ein Taxi brachte mich zum Markt in der moldawischen Hauptstadt. Vor dem Pavillon, auf den zugemüllten Bürgersteigen mit hier und da geplatzem Asphalt standen Taxifahrer und musterten die Passanten. Ein pfiffiger Mann Anfang vierzig rief: "Tiraspol". In der nächsten Sekunde stand ich vor ihm.

Teure Gesundheit

Er geleitete mich zu seinem Wagen: Ein überschaubarer Dacia-Kleinbus, zwei Fahrgäste saßen schon drin, bis das Auto voll würde, brauchte man noch fünf. Nach einer halben Stunde gab sich der Fahrer auch mit vier zufrieden und fuhr los - am Ende bekam er von jedem Fahrgast umgerechnet zweieinhalb Euro. In dieser Zwischenzeit musste ich meiner Nachbarin von links bei der Umrechnung von Dollar in moldawische Leu helfen.

Sie erzählte auch, warum sie von Dollar umrechnet. Sie hatte ihr Geld in Dollar angespart und jetzt braucht sie es für eine Operation am Auge. Eine russische Ärztin behandelt in Chisinau nach der berühmten Fjodorow-Methode mit Laserstrahlverfahren, bei ihr hatte sie gerade einen Termin und fährt zurück nach Tiraspol. Mindestens 1.200 Dollar braucht sie, um die Behandlung bezahlen zu können.

Zwei Tage nach der Präsidentschaftswahl in Transnistrien: Tiraspol. Ein Werbebanner für den Kandidaten von der Kommunistischen Partei Oleg Horzhan wird abgehängt. Mit nur 5 Prozent Stimmen unterlag er Wadim Krasnoselski deutlich. Auf dem Plakat: "Zusammen schaffen wir die Privilegien der Macht ab"

Die Frau war Rentnerin. Ich wusste, dass im Jahr 2015 Renten in Transnistrien um 30 Prozent gekürzt wurden, wegen des Rubelverfalls. Im Endeffekt ist Russland für Sozialleistungen in der nicht anerkannten Republik verantwortlich. Auch Gas bekommt die Republik auf Kredit. Ich frage, ob die Zahlungen wieder laufen. Ja, nicken alle bereitwillig, auch die fehlende Differenz ist schon ausbezahlt.

Der moldawische Präsident Igor Dodon während der Beratungen mit dem russischen Vize-Premier und Sonderbeauftragten für Transnistrien, Dmitri Rogosin, am 24. Dezember 2016 in Chisinau.

Nach der Höhe der Rente zu fragen, traue ich mich nicht. Ich weiß, dass die Renten für deutsche Verhältnisse unmöglich gering erscheinen. Bei Lebensmittelpreisen, die mit den deutschen durchaus vergleichbar sind. Allein für diese Operation müsste sie mehrere Monate sparen - ohne einen einzigen Rubel zweckfremd auszugeben.

Was ist dann mit den Krankenkassen, mit der Versicherung, frage ich. Die Frau winkt mit einer Handbewegung ab: Man zahlt im Grunde für alles selbst. Die kostenlose medizinische Versorgung der Sowjetzeit ist nur noch eine ferne Erinnerung. Für die Operation sparte sie zusammen mit der Tochter, einen Pelzmantel haben sie verkauft.

Taxi-Experten: Geduldig im Leben, skeptisch gegenüber der Politik

Unbemerkt, als wir schon auf der Fahrt sind, kommt das Gespräch auf die Politik. Die Menschen hier reden offen und gerne darüber. In einer kleinen Republik, die kaum mehr Einwohner zwei Berliner Stadtbezirke, weiß jeder über jeden Bescheid. Politiker können hier kaum etwas verbergen.

Dass die heutige Staatsmacht in Transnistrien mit der Holding Scheriff eng verbandelt ist, gehört zum Allgemeinwissen eines Schülers. Und dass die Holding in den 1990er Jahren infolge brutaler Gangsterkriege zur heutigen Größe angewachsen ist, weiß auch jeder. Darüber gibt es im Internet mehrere Filme, macht mich der Fahrer aufmerksam. Als ich später die Filme anschaue, bin ich entsetzt von so viel Blut. Sie sind mit Polizeifotos von Tatorten bebildert, die Täter werden namentlich genannt.

Doch die Strippenzieher, die Gründer der Holding sind immer noch in ihren Positionen. Später musste ich mich in die streng bewachte Zentrale der Holding begeben, um die Drehgenehmigung in den Kaufpassagen und in den Fabrikräumen des berühmten Kognak-Herstellers Kvint zu bekommen.

Alle diese Drehorte sowie mehrere Werke und Fabriken, Tankstellen, Sportklub mit Stadion, Handelsketten usw. gehören zur Scheriff. Die Holding trägt insgesamt zu 52 Prozent der Steuereinnahmen im Haushalt der Transnistrischen Republik Moldawien bei.

Alle Insassen des Taxis sind Bürger Transnistriens. Sie sehen Moldawien nicht als Feindesland. Im Gegenteil, anscheinend sind sie auch dort zu Hause, sie haben auch moldawische Pässe. Auch in den Tagen darauf treffe ich zufällig mehrere Leute in Chisinau, die entweder in Tiraspol wohnen oder von dort stammen. Da drängt sich die Frage geradezu auf: Wiedervereinigung? Mit diesem Programm ist kürzlich Präsident Dodon gewählt worden.

Die Präsidenten Igor Dodon und Wadim Krasnoselski nach ihrem Treffen in Bendery am 4. Januar 2017.

Das wird das Parlament ihm nicht erlauben, sagt der Fahrer. Allein schafft er das nicht. Schließlich waren es wir, die Einwohner von Transnistrien mit moldawischen Pässen, die ihm zur Wahl verholfen haben. Wie viele waren es? 30.000 bis 40.000, ist die Antwort.

Sie warten ab. Jetzt, da Igor Dodon die ersten Schritte umzusetzen begann, die er angekündigt hatte, sehen die Menschen, was sie mit ihrer politischen Aktivität ermöglichten. Die moldawische Außenpolitik wird umgekrempelt. Ein Treffen mit dem Präsidenten Transnistriens Krasnoselski, danach ein Treffen mit Wladimir Putin, Besuch bei der NATO und EU und sein skeptisches Statement dort: Er hat alles 1:1 umgesetzt, was er bis jetzt versprochen hat.

Krieg hat jeder erlebt

Als wir uns der Grenzstadt Bendery nähern, dem Hauptschauplatz der Kämpfe im Sommer 1992, kommt das Gespräch auf dieses Thema. Fast alle, einschließlich des Fahrers, stammen aus Bendery. Er war damals ein Jugendlicher und kann sich sehr gut erinnern. Er hat die ganze moldawische Panzertechnik in der Stadt aufgezählt - mehrere Dutzend. Er erzählt auch von den Baggern, die die Toten während der Waffenpause in glühender Hitze aufsammelten. Sie sind alle gezählt - 489 bei den Kämpfen in Bendery und rund tausend im gesamten Konflikt.

Die Frau neben dem Fahrer, Mitte vierzig, erzählt, sie war unter Sniperbeschuss geraten. Einmal ergriffen die Kämpfer der Volkswehr die Schützin aus Litauen und warfen sie aus dem Fenster. Ob die Wunden noch da sind, frage ich. Natürlich - die Antwort ist einstimmig. Aber die Schuld geben diese Menschen nicht Moldawien als Staat, sondern den Nationalisten und deren rumänischen Unterstützern. Es ist bekannt, dass sich rumänisches Militär in getarnter Form an den Kämpfen beteiligte.

Transnistrien und seine Menschen: Erste Eindrücke

Bendery, die Stadt, die aus dem Fenster zu sehen ist, macht nicht den Eindruck eines blühenden Ortes. Die Menschen hier haben es schwer. Das Auto auch, die Straßen sind alles andere als gut gepflegt. Schon halbleer nähern wir uns Tiraspol, der Hauptstadt mit 133.000 Einwohnern. Dort suchen wir lange die Engelsgasse 5, in welcher sich die gesuchte Abteilung des Ministeriums für Presse und Kommunikation befindet.

Es ist eine Möglichkeit, mit mehreren Passanten ins Gespräch zu kommen. Ihr Alter und ihre soziale Stellung sind unterschiedlich. Es gibt hier das Leben. Die arbeitsamen Menschen hier hätten sich aber ein besseres verdient. Mit diesem Fazit verabschiede ich mich vom Fahrer und wünsche dem Rest der Fahrgemeinschaft allesamt eine Verbesserung ihrer Situation. Die Adresse suche ich weiter zu Fuß. Nach zehn Minuten komme ich im Ministerium an. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

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