Schweiz: TV-Serie soll nigerianische Flüchtlinge abschrecken

Schweiz: TV-Serie soll nigerianische Flüchtlinge abschrecken
Keine Zukunft für nigerianische Flüchtlinge in der Schweiz?
Um nigerianische Flüchtlinge abzuschrecken, dreht die Schweiz eine TV-Serie in Nigeria. Finanziert wird sie durch das Staatssekretariat für Migration. Die Serie soll zeigen, wie gefährlich der Weg in den Norden und wie schwer das Leben in der Schweiz ohne Papiere ist.

Die Fernsehserie wird zurzeit in Nigeria gedreht. Eine nigerianische Filmcrew übernimmt die Dreharbeiten vor Ort. Es sollen auch Szenen in der Schweiz gedreht werden. Bei der Serie handelt es sich um eine Auftragsarbeit des Staatssekretariats für Migration (SEM). Das Filmprojekt kostet rund 450.000 Schweizer Franken (ungefähr 422.000 Euro) und soll in Nigeria ausgestrahlt werden.

In der Serie mit dem Titel „The Missing Steps“ geht es um einen nigerianischen Studenten, der in die Schweiz flüchtet, dort aber kein Asyl erhält und schließlich wieder nach Nigeria ausgewiesen wird. In der Beschreibung der Serie heißt es:

Das Leben in der Schweiz ist hart. Das spürt der junge Nigerianer Joshua. Er erhält kein Asyl und lebt illegal hier. Als er in einem Park in Bern zwei Polizisten begegnet, nimmt er Reißaus. Diesmal gelingt die Flucht – doch im Tram (Straßenbahn) ohne Billett fliegt Joshua auf. Die Kontrolleure übergeben ihn der Polizei, Joshua muss zurück nach Nigeria.

Ein syrischer Flüchtling wartet samt Kleinkind darauf, die syrisch-türkische Grenze passieren zu können.

Regie führt der Nigerianer Charles Okafor. Die 13-teilige Serie ist eine Koproduktion der Schweiz und Nigerias im Rahmen einer Migrationspartnerschaft. Nigerianische Flüchtlinge machen zwar nicht die größte Anzahl der Flüchtlinge in der Schweiz aus, aber sie haben eine sehr hohe Ablehnungsrate bei den Asylverfahren. Auch in Deutschland dürfen gerade mal acht Prozent der Nigerianer, die einen Asylantrag stellen, bleiben.

Die nigerianische Filmindustrie, auch „Nollywood“ genannt, ist die drittgrösste der Welt. Schätzungen zufolge werden in Nigeria pro Jahr zwischen 400 und 2.000 Filme produziert. Im Jahr 2004 war Nigeria zusammen mit Südafrika ein Schwerpunkt während der Berlinale. Die Produktionskosten sind meist sehr gering – das Budget von 450.000 Schweizer Franken für die Serie würde in Nigeria für mehr als 40 Filme reichen.

Die Schweiz verfolge mit diesem Projekt ein klares Ziel, erklärte Lukas Rieder vom Staatssekretariat für Migration (SEM):

Wir möchten objektive Informationen über die Migration liefern. Wir wollen zeigen, dass die Überfahrt mit Gefahren verbunden ist, dass die Chance auf Asyl sehr klein ist. Und dass das Leben als Sans-papier (ohne Papiere) in der Schweiz kein gutes Leben ist.

Doch die vermeintlich abschreckende Wirkung wird von Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty Schweiz oder der Flüchtlingshilfe bestritten. Sie kritisieren das Projekt vielmehr. Die Migrationsforscherin Jill Alpes bezweifelt den Informationsgehalt der Serie für Flüchtlinge:

Die meisten wissen durch ihre Freunde und Verwandten schon sehr genau, was die Risiken der Migration sind.

Alpes, die an der Freien Universität Amsterdam forscht, und auch beratend für Amnesty International tätig war, hat in Kamerun Menschen befragt, wie sie sich informieren, bevor sie Richtung Europa aufbrechen. Sie bezweifelt grundsätzlich die Wirkung westlicher Informationskampagnen:

Die haben größtenteils keinen Neuwert an Informationen. Und den Informationen wird auch gar nicht so stark vertraut.

Die Flüchtlingsunterbringung in den Hangars des ehemaligen Flughafens in Berlin-Tempelhof

Die Menschen in Westafrika würden durchaus unterscheiden, welchen Quellen sie vertrauten und welchen nicht, so Alpes. Das SEM ist jedoch von der Wirkung der Serie überzeugt, da es sich um eine lokale Fernsehserie handle. Zudem sollen mit Testvorführungen untersucht werden, wie die Episoden auf das Publikum wirken. Auf welchen Kanal in Nigeria die Serie ausgestrahlt wird, ist noch offen. Lukas Rieder sagte dazu:

Wir überlassen die Auswahl der Station der Produktionscrew. Es versteht sich, dass diese besser weiß, wie die nigerianische Medienlandschaft funktioniert.

Für die Hauptfigur der Serie, Joshua, hält die Serie übrigens kein Happy End bereit. Bei seiner unfreiwilligen Rückkehr nach Nigeria muss er feststellen, dass seine Freunde während seiner Abwesenheit ihr Studium abgeschlossen haben. Und auch der Familie geht es mittlerweile besser. Inwieweit dieser Narrativ mit den Realitäten in Nigeria zu tun hat, darf bezweifelt werden.

Die Schweiz ist nicht das erste Land, das auf die abschreckende Wirkung von bewegten Bildern setzt. Australien sorgte im Jahr 2016 mit einer rabiaten Werbekampagne zum Thema Flüchtlingspolitik für Aufsehen. In einer Videokampagne vor düsterer Kulisse erklärt ein Australischer Kommandant der Küstenwache, Angus Campbell, martialisch:

Wenn ihr ohne Visum in unser Land kommt, wird Australien niemals eure Heimat werden – es gibt keine Ausnahmen. Familien mit Kindern, Kinder ohne Begleitung, auch wenn sie gebildet oder begabt sein sollten – es wird keine Ausnahme geben.

Die Kampagne, für die Australien 16 Millionen US-Dollar ausgegeben hat, wurde in 17 Sprachen übersetzt und sorgte international und auch in Australien für heftige Kritik.

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