Angst: Ein mächtiges Instrument der Medien

Angst: Ein mächtiges Instrument der Medien
Dramatische Übertreibungen in Schlagzeilen machen die Thematik einfach interessanter.
Angst wirkt sich stark auf das Verhalten und Denken von Menschen aus. Auch in den Medien tritt das Wort vermehrt auf. Warum hat dieses Gefühl einen solchen Einfluss?

Furcht zu erforschen, ist ein zentrales Thema der Neurologie. Bestimmte Hirnareale sind primär dafür zuständig, negative Gefühle wie Angst und Wut zu verarbeiten. Die Art und Weise, wie sie prozessiert werden, beeinflusst das Verhalten von Menschen stärker als den meisten bewusst ist. Sie äußern sich auch körperlich. Empfindet man Angst, steigt automatisch der Blutdruck. Man wird nervös, unruhig und überreizt.

Nachrichten aus den Medien beeinflussen die emotionale Lage von Zuschauern fundamental. Der ungarisch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler George Gerbner untersuchte dieses Phänomen schon in den 1970er Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Sie konnten erstmals nachweisen, dass ein höherer Medienkonsum zu befremdlichen Weltanschauungen führt.

Gerbner und sein Team gelten als Begründer der so genannten Kultivierungsanalyse. Die Ergebnisse ihrer Studien lieferten erschreckende Ergebnisse: Je mehr man am Tag fernsieht, desto realitätsferner und irrealer wird das Weltbild. Die überlieferten Informationen ändern die Denkstrukturen von Medien-Konsumenten soweit, dass sie verlernen, Situationen rational einzuschätzen.

Erwachsene sollten kognitiv wenigstens weit genug entwickelt sein, um zwischen Nachrichten und Alltag zu unterscheiden. Kinder und Jugendliche sind dagegen oft noch nicht in der Lage, eine Linie zwischen medial vermitteltem Wissen und Erlebtem zu ziehen.

Darstellungen von Gewalt rücken vor allem in den Informationssendungen in den Vordergrund. In Nachrichtensendungen und Talkshows bringen Extreme die meisten Zuschauerzahlen, eben, weil sie emotional so stark auf den Rezipienten wirken. Zu überspitzen oder Empörung zu verursachen, kitzelt die Nerven. Emotionale Bilder bleiben im Gedächtnis. Kriege, Krisen und Katastrophen erhalten so einen höheren Nachrichtenwert. Sie dominieren das News-Geschäft und auch die Köpfe des Publikums.

Aber auch Printmedien überspitzen. Hyperbeln sind häufig genutzte dramaturgische Mittel, die reizen und kurzweilig fesseln sollen. Miriam Meckel, Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Uni Münster, brachte es in der folgenden Weise auf den Punkt:

 „Medien können gewisse Prädispositionen der Menschen verstärken. Vielleicht muss man einfach auch im Rahmen der ganz normalen Berichterstattung viel öfter darauf hinweisen, wie die Fakten tatsächlich aussehen und welche Schlüsse man daraus ziehen kann.“

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Professor Meckel mag zwar Recht haben. Aber für Sender und ihre Einschaltquoten muss es nicht unbedingt vorteilhaft sein, ihr Publikum über die Details der Nachrichtenproduktion aufzuklären.

Zuschauer sind nicht schockiert, wenn auf die Darstellung eines Problems auch direkt ein Lösungsvorschlag folgt. Sie reagieren nicht ängstlich oder verwirrt. Zunehmende Objektivität schwächt die emotionale Anteilnahme an Ereignissen. Man fühlt sich weniger betroffen und empfindet weniger Sympathie oder auch Antipathie.

Hans Rosling, ein einflussreicher Mediziner aus Stockholm, konnte nachweisen, wie negative Berichterstattung in einem negativen Weltbild resultiert. Er machte ein Publikumsquiz während eines Vortrags bei TedTalks (deutsche Untertitel einstellbar):

Die etablierte Medienlandschaft entwickelt sich immer weiter weg von ihrer ursprünglichen Aufgabe, Informationen zu vermitteln. Stattdessen verschmelzen Unterhaltungsformate und Hard News zu sogenanntem Infotainment. Dabei können zwar komplexe Sachverhalte schnell und bequem an eine breite Masse überbracht werden. Aber die Tendenz zum Infotainment schränkt gleichzeitig die Fähigkeit ein, ein nüchternes Urteil zu bilden.

Schließlich vergessen die Medien-Konsumenten zu hinterfragen, und beginnen sich von der Realität zu entfernen. Wesentliche Inhalte verkoppeln sich automatisch mit Gefühlen von Angst und Negativität. Aber das Gefühl selbst ist natürlich. Es trägt keinerlei Schuld an dieser Entwicklung. Das Problem besteht darin, Angst gezielt für Klicks und Views zu instrumentalisieren.

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