Kampf mit Bajonett und Feder: Dichter Sachar Prilepin wird Politkommissar im Donbass

Kampf mit Bajonett und Feder: Dichter Sachar Prilepin wird Politkommissar im Donbass
Der russische Schriftsteller Sachar Prilepin tritt in die Fußstapfen Lord Byrons, Jüngers und Hemingways.
Schriftsteller Sachar Prilepin ist seit November 2016 Major der Streitkräfte der Donezker Volksrepublik. Wie viele russische und europäische Vorgänger wird er zum Literaten im Krieg. Und das zu einem Zeitpunkt, da die Volkswehr mit "Giwi" einen Helden verlor.

Von Wladislaw Sankin

Künftig muss der vierfache Vater Urlaub nehmen, um zu seinen zahlreichen Lesungen fahren zu können. Die freiwillige Verpflichtung zum Militärdienst auf dem Territorium eines nicht anerkannten Staates ist dem Literaten Sachar Prilepin mindestens genauso wichtig wie sein literarisches Engagement. Wie aber ist es dazu gekommen?

Seit Beginn der Militäroperation vonseiten der Kiewer Regierung im April 2014 gegen die dort ausgerufenen Volksrepubliken Donezk und Lugansk besuchte Sachar Prilepin regelmäßig das Krisengebiet. Er organisierte zahlreiche humanitäre Lieferungen in den Donbass. Im Jahr 2015 wurde er zum Berater des Donezker Ministerpräsidenten Alexander Sachartschenko auserkoren.

In November 2016 verlieh die international nicht anerkannte Volksrepublik Donezk dem ehemaligen Angehörigen der Polizei-Spezialeinheit OMON und Veteranen beider Tschetschenienkriege, Sachar Prilepin, den Grad eines Majors ihrer Streitkräfte. Nun will der mittlerweile für die ideologische Arbeit zuständige Politkommissar sein eigenes Bataillon aufbauen.

Medienvertreter der Bewegung

Der 41-Jährige ist jetzt der Offizier der Volkswehr, die auf dem Territorium der Ostukraine gegen die nationalistische, prowestliche Putschregierung aus Kiew kämpft. Als russischer Staatsbürger, der in einem Dorf bei Rjasan geboren ist. Gleichzeitig ist er der gegenwärtig bekannteste Schriftsteller Russlands, er ist Kult-Autor, Journalist, Publizist, Medienmacher, Musiker, Schauspieler, politischer und gesellschaftlicher Aktivist, Freiwilliger und Philanthrop. Mit einem Wort: eine Person des öffentlichen Lebens.  

Derzeit sind ihm aber nur zwei dieser Identitäten wichtig, nur zwei Rollen können sein jetziges Bestreben beschreiben: Schriftsteller und Krieger. Diese Entscheidung hat sich Sachar Prilepjn genau überlegt. Sein letztes Buch, das in diesem Jahr erschienen ist, handelt genau von der Sorte Mensch, mit denen er sich identifiziert: russischen Schriftstellern im Krieg.

Der Schriftsteller und Offizier Sachar Prilepin in Donezk.

Dabei ist es ihm egal, ob es sich um die Angehörigen einer regulären Armee handelt oder um freiwillige Kämpfer jenseits der Staatsgrenzen. Das Buch heißt "Trupp. Die Offiziere und Volkswehrangehörigen in der russischen Literatur“ und ist im Rahmen der bereits seit der Sowjetzeit verlegten Serie "Das Leben der herausragenden Menschen" erschienen.

Darin zeichnete Prilepin das Leben von 21 Literaten nach, darunter solcher Größen wie Lermontow, Tolstoj oder Gumiljow. Sein Kollege und Mitverleger des Nachrichtenportals Swobodnaja Pressa (Freie Presse), Sergej Schargunow, brachte dieses Phänomen wie folgt zum Ausdruck:

Außer Tränchen des Kindes, Trauer, Wehmut und Zerbrechlichkeit geht es in der russischen Literatur auch um Schlachten, Leidenschaft und Heldenmut.

Prilepin weist mit seiner Tat noch einmal darauf hin, dass es sich bei den Schriftstellern vor allem um Persönlichkeiten handelt, die mit ihrem Werk untrennbar verbunden sind.

Heute würde Puschkin sicher zur Donezker Volkswehr gehen", meint der Autor von heute.

Als der große russische Dichter Alexander Puschkin in Moldawien in der Verbannung weilte, wollte er von dort aus nach Griechenland ziehen, um den Aufstand der Griechen gegen die Osmanen zu unterstützen. Das ist ihm nicht geglückt. Trotzdem ist Prilepin in guter Gesellschaft. Lord Byron in Griechenland, Ernst Jünger oder Walter Flex im Ersten Weltkrieg sowie George Orwell und Ernest Hemingway in Spanien sind die ersten Namen, die einem einfallen, wenn es um Schriftsteller geht, die freiwillig an die Front gingen.  

Dei Entscheidung von Sachar Prilepin hat man im russischen Fernsehen ausgiebig diskutiert. Screenshot des Programms "60 Minuten" vom 14. Februar 2017 auf dem Kanal Rossija 1.

Schargunow, der die aufständische Region oft besucht und sich dort im humanitären Bereich engagiert, sucht die Erklärung für die Tat seines Freundes im dramatischen Verlauf des Krieges:

Die Helden des Donbass werden schnell zu Märtyrern. Wir sehen: Es werden ausgerechnet diejenigen getötet, die den Aufstand im Donbass symbolisieren. Natürlich nicht nur sie, auch jede Menge unbekannter Menschen. In dieser Situation nimmt Sachar die Verantwortung auf sich, zum Symbol des kämpfenden Donbass zu werden. Er lenkt das Feuer auf sich.

Von Anfang an machte Sachar Prilepin alles publik, was im Donbass passierte. Immer wieder berichtete er von dort. Bekannt ist z. B. sein Bericht über einen Gefangenenaustausch, dem er selbst beiwohnte, um, wie er sagt, "in die Augen der ukrainischen Soldaten" zu schauen. Trotzdem erregte die Nachricht über sein militärisches Engagement großes Aufsehen. Er gab es nach dem Tod des Feldkommandanten Michail "Giwi" Tolstych bekannt.  

Sein Schritt verwundert nicht. Gerade in den letzten Jahren erlangte Prilepin eine beispiellose Popularität. Er belegt die ersten Plätze in vielen Verkauftslisten oder Bilbliotheksstatistiken. Als Meinungsmacher ist er mit seinen Essays, Beiträgen, Interviews und Sendungen in den Medien omnipräsent. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt, im postsowjetischen Raum ist er nicht weniger populär als in Russland. Im Deutschen ist 2012 sein Buch "Sankya" erschienen. Es handelt von einem jungen Revoluzzer und Straßenkämpfer im Russland der 2000er und dessen missglücktem Aufstand. Die Figur des Hauptprotagonisten Sankya trägt stark autobiografische Züge.     

Es ist also nicht nur sein Schreibtalent, was Prilepin interessant macht. Es sind auch seine zum Teil radikalen politischen Ansichten und sein gesellschaftliches Engagement. Prilepin gilt als Anhänger der national-bolschewistischen Bewegung und ist mit dem Schriftsteller Eduard Limonow, dem Gründer der in Russland verbotenen Partei der National-Bolschewisten befreundet. Viele Jahre forderte er den Rücktritt Putins. Das war wahrscheinlich einer der Gründe, warum Moritz Gathmann im Jahr 2012 einen großen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über Prilepin schrieb.

Als Schriftsteller, Polemiker und Humanist bewegt sich Prilepin aber völlig natürlich in partei- und ideologieübergreifender Weise durch den öffentlichen Raum. Dies ermöglichte es ihm, gleichzeitig eine Sendung beim liberalen kremlkritischen Sender "Dozhd" (Regen) zu moderieren und für rechtsgerichtete Portale wie "Zargrad" von Alexander Dugin oder den konservativen, sowjet-patriotischen Izborski Club um den Schriftsteller Alexander Prochanow zu schreiben.

Aktion

Der Freigeist unterstützte die Angliederung der Krim an die Russische Föderation und die russische Unterstützung des Aufstandes in Donezk und Lugansk. Jetzt ist er auch selbst bewaffnet. Aber er setzt sich dort nicht nur für Russen ein. Nach einer treffenden Bezeichnung Gathmanns ist Prilepins Einsatz für das Russentum kosmopolitischer Natur. Es wäre daher falsch, ihn als Feind der Ukraine zu bezeichnen, wie das die ukrainischen Behörden tun. Er ist der Feind der Nazis.

Ich würde gerne wieder mal durch Kiew spazieren gehen. Ich kenne ukrainische Lieder, ich kenne ukrainische Dichter und Literatur, ich mag ihre Strickhemden und ich mag sie nicht als ukrainische, sondern als meine. Ich kämpfe nicht mit der Ukraine und Ukrainern, ich kämpfe mit Nazis und betrogenen Menschen", sagt er dem russischen Fernsehteam, als er am Steuer eines Autos in Donezk sitzt.

Prilepins Bücher sind in der Ukraine verboten. Dennoch belegen sie auch dort Top-Positionen, im Internet. Kultur, Sprache, Kunst und gemeinsame Geschichte sind Dinge, die man nicht per Erlass aus der Welt schaffen kann, wie dies die Kiewer Ideologen in ihrem nationalistischen Wahn glauben. Sachar Prilepin bekämpft sie. Wenn ihre Zeit vorbei ist, werden seine Bücher die Menschen in beiden Ländern wieder miteinander versöhnen.  

"Bengel" (RIC / Prilepin), 2016, aufgenommen in Donbass