Nachtrag Berlinale: Rezo Gigineishvilis „Hostages“

Nachtrag Berlinale: Rezo Gigineishvilis „Hostages“
Rechtfertigt die persönliche Freiheit den Tod anderer? Eine der Fragen, die der Film "Hostages" von Rezo Gigineishvili stellt.
Eine Clique junger Leute aus Georgien, damals noch Teil der Sowjetunion, beschließt im Jahr 1983 ein Flugzeug zu entführen, um in den Westen zu fliehen. Doch die Aktion geht gründlich schief. Acht Menschen sterben und ein ganzes Land fragt sich, wie es soweit kommen konnte.

von Timo Kirez

Auch dieses Jahr fanden sich die eigentlichen Entdeckungen der Berlinale nicht im Wettbewerb. Das soll natürlich nicht die Leistung von Filmen wie zum Beispiel wie „Teströl és lélekröl“ („Körper und Seele“) der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, der dieses Jahr den Goldenen Bären gewann, schmälern. Die feingewebte Liebesgeschichte zwischen zwei Mitarbeitern eines Budapester Schlachthauses ist den Kinobesuch auf jeden Fall wert.

Aki Kaurismäkis Tragikomödie „Toivon tuolla puolen“ („Die andere Seite der Hoffnung“), bei dem ein junger syrischer Flüchtling und ein älterer finnischer Handelsvertreter, der sich als Pokerspieler versuchen möchte, aufeinandertreffen, war ebenfalls einer der Höhepunkte im Wettbewerb. Kaurismäki erhielt für die Tragikomödie den Silbernen Bären für die beste Regie.

Doch wer wieder neugierig genug war, und sich nicht nur an die bekannten Namen hielt, konnte auch dieses Jahr fündig werden. Zum Beispiel bei Nicolaus Wackerbarths Film „Casting“. Der Fernsehfilm dramatisiert mit zum Teil bitterbösem Humor den Entstehungsprozess eines TV-Remakes von Rainer Werner Fassbinders-Klassiker „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“.

Schuhe hängen über Stromkabeln zwischen der amerikanisch-mexikanischen Grenze, in Ciudad Juarez, Mexiko.

Der experimentelle Film, der ohne Drehbuch arbeitet, parodiert die Selbstentblößungen, Allüren, Ängste und Machtspielchen während einer Filmproduktion mit äußerster Präzision. Alle Schauspieler hatten sich auf das Risiko eingelassen, Szenen und Figuren nach nur wenigen Hinweisen beim Drehen zu improvisieren. Der Film lief in der Sektion „Forum“ der Berlinale.

In der Sektion „Panorama“ lief der Film „Hostages“ des georgischen Regisseurs Rezo Gigineishvili. Der Spielfilm schildert die Geschehnisse rund um eine Flugzeugentführung im Jahre 1983 in Tiflis. Mehrere junge Leute, zum Teil Kunststudenten, die aus eher privilegierten Familien stammten, beschlossen damals, mit Hilfe einer Flugzeugentführung in den Westen zu fliehen.

Der Film beruht auf wahren Tatsachen. Die Flugzeugentführung endete in einem Desaster und traumatisierte ein ganzes Land. Acht Menschen starben. Alle überlebenden Geiselnehmer, bis auf eine Ausnahme, wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Bis heute wissen die Eltern der Hingerichteten nicht, wo sich die Gräber ihrer Kinder befinden.

Die dramatische Geschichte ist handwerklich gut verfilmt. Die Kameraarbeit von Vladislav Opelyants im klugen Spiel zwischen Schärfe und Unschärfe, die sparsame aber eindringliche Filmmusik von Gia Kancheli bilden den Rahmen, für die sehr guten schauspielerischen Leistungen der zumeist jungen Darsteller. Allen voran, Tina Dalakishvili, als Anna, die einzige Täterin, die nicht zum Tode verurteilt wurde.

Kubanische Mädchen laufen während Filmarbeiten über die Szenerie zum Horrorfilm

Dem Regisseur Rezo Gigineishvili gelingen einige eindringliche Szenen. Beeindruckend sind die Momente, als allen Beteiligten der Flugzeugentführung klar wird, dass sie einen schwerwiegenden Fehler begangen haben. Die sich breitmachende Verzweiflung überträgt sich mit voller Wucht auf den Zuschauer.  

Die immer wiederkehrende Frage im Film „Warum ausgerechnet ihr?“, die sich die Familienangehörigen und Freunde der Attentäter stellen, wird nicht beantwortet. Eine der wenigen Schwächen des Films. Denn so erlebt der Zuschauer den Freiheitsdrang der jungen Menschen fast ausschließlich als einen Drang nach westlichem Konsum.

Westliche Zigaretten, westliche Musik – es ist schade, dass sich Gigineishvili nicht ein wenig mehr Zeit nimmt, um die Charaktere und damit auch ihre Motivationen und Widersprüche näher zu beleuchten. Alles ist relativ schnell erzählt, oft nur durch Andeutungen. Und manchmal steht die Schönheit der Bilder und der Darsteller dem Drama ein wenig im Weg. Es ist die immerwährende und auch leidige Diskussion, wie viel Ästhetik eine Tragödie verträgt.

Es gibt keine eindeutige Antwort darauf. Doch man hätte sich bei diesem Film etwas mehr Tiefe und etwas mehr Brüche leisten können. Zumal in einer Zeit, in der Menschen aus ganz anderen Motiven und mit anderen Mitteln aus ihrer Heimat fliehen, als in der damaligen Sowjetunion. Nichtsdestotrotz geht man nicht enttäuscht aus dem Kino. Die Flugzeugentführung hat in Georgien tiefe Spuren hinterlassen. Der Schmerz, der bis heute nachwirkt, ist im Film noch deutlich spürbar.

RT Deutsch hatte die Möglichkeit, mit Reza Gigineishvili zu sprechen. In dem kurzen Interview spricht Gigineishvili unter anderem über die Motivation zu seinem Film, aber auch zu den Beziehungen zwischen Georgien und Russland heute. 

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