"Sind wir allein im Universum?" - Churchills verlorener Essay zu Außerirdischen entdeckt

"Sind wir allein im Universum?" - Churchills verlorener Essay zu Außerirdischen entdeckt
Auf durchaus beachtlichem wissenschaftlichem Niveau befasste sich Großbritanniens Kriegspremier Winston Churchill mit der Frage, ob auch andere Planeten und Sonnensysteme denkbar wären, die Voraussetzungen für organisches Leben aufweisen können.
Ein jüngst entdecktes Werk von Winston Churchill zeigt eine bislang unbekannte Facette des britischen Premierministers. Während die Welt am Rande des Zweiten Weltkriegs stand, widmete dieser seine Gedanken der Möglichkeit extraterrestrischen Lebens.

Churchill begann mit seinem elfseitigen Aufsatz mit dem Titel "Sind wir alleine im Universum?" am Vorabend des Kriegsausbruches im Jahre 1939 und führte ihn in den 1950er Jahren weiter. Er lag jedoch bis vor kurzem unentdeckt im Archiv des US National Churchill Museum.

Großbritanniens Kriegs-Premierminister, der den Nobelpreis für Literatur im Jahre 1953 gewann und auch ein Unterstützer der Wissenschaften war, reflektiert in dem Artikel über die Wahrscheinlichkeit der Existenz außerirdischen Lebens. In seinem Text offenbart er sogar eine ungewöhnliche Fähigkeit zur Einschätzung künftiger Entwicklungen auf diesem Gebiet.

Er sprach die mögliche Existenz von Exoplaneten an - Jahrzehnte, bevor diese entdeckt wurden. Und er sagte voraus, dass Menschen zum Mond und zum Mars reisen würden.

Der Direktor des US National Churchill Museum, Timothey Riley, hat den historischen Artikel aufgefunden, von welchem Experten glauben, dass er für eine Publikation in der Londoner Zeitschrift News of the World vorgesehen war. Anschließend hat er ihn dem Astrophysiker Mario Livio zum Zwecke einer Expertenanalyse vorgelegt.

"Zu einer Zeit, in der einige Politiker Wissenschaft meiden, finde ich es bewegend, einen Staatsführer zu sehen, der sich so tiefgehend dafür engagierte", schrieb Livio in dem Magazin Nature. Er beschrieb Churchills Herleitung darin als nuanciert und vergleichbar zu modernen Theorien der Astrobiologie.

Churchills Theorien zu extraterrestrischem Leben nahmen spätere astronomische Entdeckungen wie bewohnbare Zonen und Exoplaneten vorweg.

Ich bin nicht so immens beeindruckt von dem Erfolg, den wir als Zivilisation hier haben, um zu denken, dass wir der einzige Fleck in diesem immensen Universum sind, auf welchem es Leben gibt, oder denkende Wesen, oder dass wir die höchste Stufe mentaler und körperlicher Entwicklung sind, die je in den gigantischen Weiten von Zeit und Raum existierte", schrieb Churchill in seinem Aufsatz.

Churchill dachte tiefgehend über mögliche bewohnbare Zonen außerhalb der Erdatmosphäre nach, bevor diese zum Fachbegriff wurden, wobei er bemerkte, dass Leben nur zwischen ein paar Grad Frost und dem Siedepunkt des Wassers existieren könne.

Er zog auch die Fähigkeit von Planeten in Erwägung, ihre Atmosphäre zu erhalten, wobei er erklärte, dass, je heißer ein Gas sei, sich dessen Moleküle desto schneller bewegten und sich entsprechend umso leichter lösen könnten.

Diese Faktoren in Betracht ziehend schloss der britische Staatsmann, dass Mars und Venus die einzigen Orte im Sonnensystem abseits der Erde seien, auf denen Leben gedeihen könne.

Eines Tages, möglicherweise sogar in nicht allzu ferner Zukunft, könnte es möglich sein, zum Mond zu reisen, oder sogar zur Venus oder zum Mars", schreib er.

Interessant erscheint in diesem Zusammenhang, dass Churchill den Essay kurz nach der Aufführung von HG Wells' Hörspiel "Krieg der Welten" begann, dessen Ausstrahlung im US-Radio ein "Mars-Fieber" in den Medien auslöste.

Churchill brachte auch die Idee auf, dass andere Sterne Planeten versorgen könnten, indem er schlussfolgerte:

Die Sonne ist nur ein Stern in unserer Galaxie, welche mehrere tausend Millionen anderer enthält.

Er spielte dabei auf eine mittlerweile entkräftete Theorie des Astrophysikers James Jeans aus dem Jahre 1917 an, wonach Planeten aus jenem Gas geformt sind, welches von einem Stern abgerissen wird, wenn ein anderer Stern vorbeifliegt.

Aber diese Spekulation hängt von der Hypothese ab, dass Planeten auf diese Weise entstehen. Vielleicht tun sie dies nicht. Wir wissen, dass es Millionen Doppelsterne gibt, und wenn diese gebildet werden konnten, warum nicht Planetensysteme? [...] Ich bin nicht so eitel, zu denken, dass meine Sonne die einzige mit einer Planetenfamilie ist.

Der Premier schloss, dass eine große Anzahl von extrasolaren Planeten die richtige Größe haben werde, um ihre Wasseroberfläche zu behalten und möglicherweise auch eine Art von Atmosphäre aufweisen würde. Einige werden zudem, so Churchill, in der richtigen Entfernung von der sie versorgenden Sonne sein, um eine angemessene Temperatur für organische Lebensformen zu bieten. Die schrieb er Jahrzehnte, bevor in den 1990er Jahren Tausende von Exoplaneten entdeckt wurden.

Mit hunderttausenden Nebulae, welche jeweils Milliarden von Sonnen enthalten, sind die Chancen enorm, dass es eine immense Zahl geben muss, welche Planeten besitzen, deren Umstände Leben ermöglichen", schloss Churchill seinen Essay.

Livio merkte an, dass Churchill wissenschaftliche Fragen im Kontext von menschlichen Werten überdachte, und dass sein Essay ein Beleg dafür sei, dass Churchill Wissenschaft und Technologie für die Triebfeder gesellschaftlicher Entwicklung hielt.

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