Muslime in Russland: „Kratzt du an einem Russen, kommt ein Tatare zum Vorschein“

Muslime in Russland: „Kratzt du an einem Russen, kommt ein Tatare zum Vorschein“
Junge Muslime in Moskau vor den Großen Moschee während des Islamischen Opferfestes.
Der Islam gehört offiziell zu den vier traditionellen Religionen in Russland. Aber es gibt anti-islamische Stimmungen. Wladimir Putin tritt für Ausgleich und Verständigung ein, was vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise nicht immer einfach ist.

von Ulrich Heyden, Moskau

Die Bewohner Russlands nennt man in der deutschen Presse "Russen". Korrekterweise müsste man eigentlich von den Rossijanyje, also den Russländern sprechen. Denn das größte Land der Erde ist ein Vielvölkerstaat und entsprechend auch ein Staat mit vielen Religionen. Von 146 Millionen Einwohnern sind nach Angaben der muslimischen Geistlichkeit etwa 20 Millionen Muslimen. Die nach den Russen zweitgrößte Volksgruppe in der Russischen Föderation sind mit 5,3 Millionen Menschen die muslimischen Tataren.

Im September 2015, bei der Einweihung der restaurierten zentralen Moschee in Moskau am Prospekt des Friedens, erklärte Wladimir Putin, der Islam sei neben dem Christentum, dem Judaismus und dem Buddhismus eine der vier „traditionellen Religionen“ Russlands. Anwesend waren die Präsidenten der Türkei und der Palästinensischen Autonomiegebiete, Recep Erdogan und Mahmud Abbas. Russland, so Putin weiter, sei aus der „gegenseitigen Bereicherung der Kultur, der Tradition und der Religionen“ entstanden und „ziehe daraus seine Eigenart und Kraft.“ (Minute 2:32)

„Kratzt du an einem Russen, kommt ein Tartare zum Vorschein“ (W. Putin)

Die neue Moschee sei Moskau würdig, der "Hauptstadt eines Vielvölker- und Vielreligionen-Landes, erklärte der russische Präsident. Der Moschee-Bau war etwas Besonderes. Denn Moskau hat trotz vieler Moslems nur eine Handvoll Moscheen. Die Stadtverwaltung fürchtet den Volkszorn und hat den Bau neuer Moscheen beschränkt. Das Volk fürchtet, dass die muslimischen Arbeitsmigranten sich in Moskau „festsetzen“. 

Wladimir Putin erinnerte in seiner Rede daran, dass die „muslimischen Wurzeln von Moskau bis in das Mittelalter zurückreichen“. „Sehr, sehr viele Moskauer Straßen“ hätten tatarische Namen. Selten hat man Putin öffentlich so positiv über den Islam sprechen hören. Er sprach Fakten an, über die in der Öffentlichkeit normalerweise nicht gesprochen wird, wie zum Beispiel die Tatsache, dass die erste tatarische Siedlung in Moskau schon im 14. Jahrhundert entstand.

Dort lebten Nachfahren des mongolisch-tatarischen Heeres, welches Moskau im Jahre 1238 eroberte. Der Eroberung folgte eine 200 Jahre dauernde mongolisch-tatarische Fremdherrschaft auf dem Territorium des heutigen Russlands. Zwischen den Jahren 1438 und 1783 bildeten sich in diesem Herrschaftsbereich verschiedene moslemische Khanate, so in Kasan, die heutige Hauptstadt von Tatarstan, in Astrachan, in West-Sibirien und auf der Krim. 

Ein indischer Mönch im Dazan von Arschan

Katharina die Große für Toleranz 

Kasan wurde im Jahr 1552 vom russischen Zaren Iwan Grosny erobert. Es begann eine Christianisierung. Doch zweihundert Jahre später hob Katharina die Große, eine russische Zarin deutscher Abstammung, die Beschränkungen für die moslemische Gemeinde in Kasan gemäß ihrer im Jahr 1773 erlassenen Anordnung „über die Toleranz gegenüber allen Glaubensrichtungen“ wieder auf. Und das war noch nicht alles. Fünf Jahre später ließ die Zarin die erste offizielle Vertretung der Moslems in Russland gründen. 

Nach Oktoberrevolution sicherten die Bolschewiki das Staatswesen, indem sie den muslimischen Völkern erlaubten, „autonome Republiken“ zu gründen. Den Status einer „Republik“ innerhalb der Russischen Föderation haben heute noch Tatarstan, Baschkortostan und Tschetschenien. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurden dann im Rahmen der atheistischen Propaganda Muslime wie auch Christen erneut unter Druck gesetzt. Bis 1930 schlossen die Bolschewiki in Tatarstan gut 12.000 Moscheen. 

Der Druck auf Muslime lockerte sich in den 1960er Jahren etwas. Doch die Religionsfreiheit für den Islam kehrte erst im Jahr 1989, unter Michail Gorbatschow, zurück. 

Erfolgsgeschichte der Integration

Das Verhältnis zwischen Russen und Tataren hat sich über die Jahrhunderte völlig normalisiert. Die Völker verschmolzen förmlich. „Kratzt Du an einem Russen, kommt ein Tartare zum Vorschein“, scherzte Putin im Jahr 2012. 

Doch zwischen Russen und den muslimischen Kaukasiern knirschte es nach der Auflösung der Sowjetunion sehr heftig. In den Jahren von 1994 bis 2003 gab es zwei Kriege zwischen Tschetschenien und Russland. Bei den Russen wurden alte Ängste aus der Zeit des Kaukasuskrieges in den Jahren 1817 bis 1864 wieder wach. "Der böse Tschetschene schleicht am Ufer und schärft seinen Dolch“, schrieb damals der russische Schriftsteller Michail Lermontow in einem Wiegenlied.

Warum sollte sich nicht auch das Verhältnis zu den Kaukasiern entspannen? Das Beispiel der muslimischen Tataren zeigt, das es geht. Russen haben gegenüber Tataren heute keinerlei Misstrauen. Es ist eine Erfolgsgeschichte der Integration. In Tatarstan gibt es seit Sowjetzeiten viele gemischte Ehen. Beamte tatarischer Abstammung stiegen in den letzten Jahren in höchste Ämter auf. Raschid Nurgalijew war zwischen 2004 und 2012 sogar russischer Innenminister. Elvira Nabiulina übte in den Jahren 2007 bis 2012 das Amt der Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung aus. Seit 2013 ist sie die Chefin der russischen Zentralbank. 

Mädchen im Bergdorf Ru Unzukul in Dagestan, 2012.

Vorbehalte gegen Arbeitsmigranten aus Zentralasien 

Als zwischen 2000 und 2008 das Wirtschaftswachstum in Russland auf acht Prozent wuchs, wurden Arbeitskräfte benötigt. Polizisten drückten gegenüber den illegalen Arbeitsmigranten aus Zentralasien oft ein Auge zu. Dafür bekamen sie von den auch "Vermittler" genannten Schleppern einen finanziellen Ausgleich. Vier Millionen Arbeitsmigranten kamen damals nach Russland, der Großteil davon nicht legal. 

Neue Spannungen zwischen Russen und muslimischen Arbeitsmigranten aus Zentralasien gab es nach der Wirtschaftskrise von 2008. Man muss wissen: Seit Sowjetzeiten können Staatsbürger aus Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan visafrei nach Russland einreisen. Sie müssen sich nur am Wohnort und für die Arbeitsstelle registrieren. Doch das taten viele Arbeitsmigranten nicht. Sie nutzten stattdessen die Dienste obskurer Vermittler, schliefen zu zehnt in einer Wohnung und arbeiteten ohne Arbeitserlaubnis. Tagsüber leisteten sie schwere Arbeit auf Baustellen oder bei Reinigungsfirmen.

Die Unzufriedenheit der Russen gegenüber den Arbeitsmigranten stieg. Die Wut richtete sich nicht gegen korrupte Vermittler und Polizisten sondern gegen die Migranten selbst. Die Russen fürchteten, Usbeken, Tadschiken und Kirgisen würden als Lohndrücker eingesetzt und außerdem die russische Kultur zerstören. 

Moskauer Boulevardzeitungen heizten die Emotionen oft noch an, anstatt sachlich zu informieren. So wurde etwa über die Vergewaltigung eines russischen Mädchen durch einen Arbeitsmigranten aus Dagestan berichtet und nahegelegt, dass von männlichen Migranten eine größere Gefahr für russische Frauen ausgehe, als von russischen Männern.

In den Jahren 2007 bis 2012 wuchs in Russland eine Migranten-feindliche Stimmung. Es verging kein Monat, dass Skinheads nicht Migranten überfielen und sie auch töteten. Erst im Jahr 2008 begann die russische Justiz massiv gegen diese Mordüberfälle vorzugehen. Bis dahin wurden die Angriffe auf Migranten als Hooliganismus verharmlost. Es gab auch so genannte Volksmärsche gegen Kaukasier. Dabei wurden sie mit Gewalt von Freiluftmärkten vertrieben, wo sie als Händler arbeiteten. 

Als im Dezember 2010 bei einer Auseinandersetzung zwischen Fans des Moskauer Fußball-Clubs Spartak und Jugendlichen aus Dagestan der Russe Jegor Swiridow mit einer Luftdruckpistole erschossen wurde, gab es in Moskau tagelang spontane Demonstrationen mit mehreren Tausend Jugendlichen, welche die Ausweisung aller Kaukasier forderten. 

Die aufgeheizte Stimmung gegenüber Arbeitsmigranten und Kaukasiern überschattete auch die Moskauer Bürgermeisterwahlen im Jahr 2013. Beide Kandidaten, Sergej Sobjanin und der von westlichen Medien als „liberal“ vergötterte Oppositionskandidat Aleksej Nawalni, versprachen den Moskauern Sicherheit vor „kriminellen Gastarbeitern“. Während der Wahlsieger Sergej Sobjanin den Moskauern eine strenge Kontrolle der Freiluftmärkte versprach, wo viele Kaukasier arbeiten, ging Oppositions-Kandidat Aleksej Nawalni einen Schritt weiter.

Er forderte die Visa-Freiheit für Bürger aus den zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken abzuschaffen. Schon im Jahr 2011 hatte Nawalni, der auch an „Russischen Märschen“ teilgenommen hatte, per Video gefordert, den Besitz von Pistolen zu legalisieren. Nur so könne man sich gegen gefährliche Kaukasier wehren.   

Seit zwei Jahren ist die Zahl der Arbeitsmigranten nun zurückgegangen, denn die Löhne in Russland sind stark gesunken und der Anreiz, nach Russland zu fahren, ist geringer geworden. Außerdem verschärfte die Polizei die Kontrollen auf Baustellen und in Wohnheimen. Die Arbeitssuchenden aus Zentralasien müssen nun auch zahlreiche Tests ablegen, bevor sei eine Arbeit aufnehmen können. Sie müssen Gesundheitschecks sowie Tests über Sprach- und Landeskenntnisse absolvieren.  

Kaum noch Überfälle auf Migranten

Seit dem Beginn der Ukraine-Krise sind die negativen Berichte über Arbeitsmigranten in russischen Zeitungen fast auf Null zurückgegangen. An ihre Stelle traten jedoch oft sehr unsachliche Berichte über Deutschland und West-Europa. Angeblich übernehmen „freche und kriminelle“ Flüchtlinge aus muslimischen Ländern dort bald die Macht und terrorisieren die Menschen. Nach Kritik an einer Reporterin des Massenblatts Komsomolskaja Prawda, die sehr unsachlich berichtete, druckte die Zeitung immerhin auch den Bericht einer Russin in München ab, der das völlig überzogene Bild der Reporterin gerade rückte.

In Russland selbst ist die feindselige Stimmung gegenüber muslimischen Migranten in den letzten drei Jahren zurückgegangen. Überfälle auf Migranten gibt es kaum noch. Nach einer im Oktober 2016 veröffentlichten Umfrage des Lewada-Instituts für Meinungsforschung unterstützen jetzt 52 Prozent der Russen die Forderung „Russland den Russen“. Im Oktober 2013 waren es noch 66 Prozent gewesen. 

Das Hauptgebäude des Klosters auf der Insel Walaam.

Die Gefahr im Kaukasus - Wahhabiten und Terroristen

An ein Wunder grenzt es hingegen, dass es in Tschetschenien seit 2003 weitgehend ruhig ist. Heute kann man in Moskauer Supermärkten sogar Tomaten aus der Kaukasusrepublik kaufen. Der Autor dieser Zeilen, der während der Kriege mehrmals Tschetschenien besuchte, und die schlimmen Verwüstungen des Krieges gesehen hat, wundert sich immer noch, dass zumindest äußerlich vom Krieg nichts mehr zu sehen ist. Was in den Seelen der Menschen – Tschetschenen und russischen Soldaten - an Verletzungen zurückgeblieben ist, darüber müssen Schriftsteller ein Zeugnis ablegen. 

Nachdem der Krieg in Tschetschenien 2003 endete, wurde die völlig zerstörte Stadt Grosny wiederaufgebaut. Im Zentrum der Stadt errichtete man das größte muslimische Gebetshaus im Kaukasus – die Achmed-Kadyrow-Moschee. Sie hat vier 62 Meter hohe Minarette. In dem Gebäude, welches Architekten aus der Türkei entworfen haben, finden 10.000 Menschen Platz. 

Die russische Führung versuchte in den letzten Jahren verschiedene Investitionsprojekte im Nordkaukasus anzukurbeln. Dazu gehörte der Bau von Wintersportanlagen in Sotschi, Tschetschenien und anderen nordkaukasischen Republiken. Moskau weiß, dass der islamistische Terrorismus, der im Nordkaukasus immer noch im Untergrund gärt, nur zu besiegen ist, indem Arbeitsplätze geschaffen werden und die extrem hohe Arbeitslosigkeit zurückgeht.

Dag Machatschkala: Schild in einem Schaschlik-Restaurant: "Sünde verkaufen wir nicht.", 2012.

Russland drohte zu zerfallen 

Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 drohte auch das Kernland des Riesenreiches - die Russische Föderation - zu zerfallen. Die stärkste Unabhängigkeitsbewegung innerhalb der Russischen Föderation gab es in Tschetschenien. Doch der Versuch der russischen Armee scheiterte, die Kaukasusrepublik im Dezember 1994 im Handstreich wieder in den russischen Staatsverband einzugliedern. Der Krieg dauerte zwei Jahre und endete mit einer Niederlage für Russland.

Auf den erbitterten Häuserkampf gegen zu allem entschlossene Kämpfer war die russische Armee nicht vorbereitet, die damals noch junge Wehrpflichtige in den Kampf schickte. Auch waren große Teile der russischen Bevölkerung nicht für den Krieg. Die Separatisten eroberten Grosny und der russische General Aleksandr Lebed unterschrieb den Friedensvertrag von Chasawjurt. 

Es folgten zwei Jahre, in denen Tschetschenien faktisch unabhängig war. In dieser Zeit wurde der wahhabitische, radikalislamistische Flügel innerhalb der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung immer stärker. Russische Politologen und Kaukasus-Experten beschuldigten Stiftungen in Saudi-Arabien, der Finanzierung des bewaffneten Widerstandes im russischen Nordkaukasus. 

In Moskau schrillten Alarmglocken. Man fürchtete, der Wahhabismus werde sich von Tschetschenien aus auf den gesamten Nordkaukasus und danach auch auf die moslemischen Teilrepubliken an der Wolga, auf Tatarstan und Baschkortostan, ausbreiten. Als dann 1999 auch noch Wohnhäuser in Moskau explodierten, - die Täter waren nach offiziellen russischen Angaben Tschetschenen -, begann unter dem damaligen Ministerpräsidenten Waldimir Putin im Jahr 1999 der zweite Tschetschenienkrieg, der vier Jahre später mit der Rückeroberung von Tschetschenien durch die russische Armee endete. 

Die russischen Sicherheitskräfte haben den Nordkaukasus seit dem Jahr 2003 unter strenge Kontrolle genommen und neue Stützpunkte eingerichtet. Die technische Ausrüstung wurde verbessert. Für Anti-Terror-Operationen werden jetzt nur noch Spezialeinheiten gesetzt. Doch ganz beseitigt ist der Terrorismus im Nordkaukasus noch nicht. Immer noch kommt es vor, dass russische Spezialeinheiten in Dagestan Wohnungen von radikalen Islamisten ausräuchern - im wahrsten Sinne des Wortes.

Spezial-Operation von Sicherheitskräften in Dagestan, 2011.

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