"Unterhaltung mit Haltung": Direktor Dieter Kosslick gibt einen Ausblick auf die 67. Berlinale

"Unterhaltung mit Haltung": Direktor Dieter Kosslick gibt einen Ausblick auf die 67. Berlinale
Möchte eine engagierte Berlinale ohne dabei auf Unterhaltung zu verzichten: Festivaldirektor Dieter Kosslick.
In einem Vorabgespräch mit Journalisten des Vereins der Ausländischen Presse (VAP) plauderte der gut gelaunte Festivaldirektor Dieter Kosslick über die diesjährige Berlinale. Sie findet in bewegten Zeiten statt. Nachdenklich aber lebensbejahend soll sie werden.

von Timo Kirez

Mittlerweile hat es Tradition: Auch dieses Jahr stellte sich der Berlinale-Direktor Dieter Kosslick den Fragen der Journalisten beim Verein der Ausländischen Presse (VAP). Eine Art warmlaufen für die offizielle Pressekonferenz vor großem Publikum am Dienstag, 31. Januar. Dieter Kosslick war zwar von Anfang an bemüht, gute Laune zu verbreiten, doch schon die erste Frage an ihn machte klar, dass dieses Jahr vieles anders ist, als sonst.

Wie es denn um die Sicherheitsvorkehrungen bestellt sei, fragte ein Kollege aus Japan als erstes. "Terror kann nicht so grausam sein, wie die Angst vor Terror", hatte Rainer Werner Fassbinder einmal gesagt. Und man spürte während der Pressekonferenz schnell, dass dieses Jahr eine andere Gefühlslage vorherrscht.

Kosslick bestätigte, dass alles nötige getan sei, um die Sicherheit während des Festivals zu gewährleisten. Natürlich könne man nie eine 100 prozentige Sicherheit schaffen, doch nicht alle, die am Rand des roten Teppichs stehen, werden "nur Fans sein", so Kosslick.

In seiner Eröffnung verwies Kosslick darauf, dass der gestrige Tag, der 27. Januar, auch der Tag des Gedenkens an den Holocaust ist. Eine Überleitung für ihn, um von dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, "Django" zu sprechen.

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Das Regiedebut des französische Produzenten und Drehbuchautors Étienne Comar erzählt von Django Reinhardt, dem berühmten Gitarristen und Komponisten und seiner Flucht aus dem von Deutschland besetzten Paris 1943. Als Sinti wurden der Musiker und seine Familie von den Nazis verfolgt und schikaniert.

Kosslick zog eine Parallele zur heutigen Zeit, und sagte, dass es auch eine Aufgabe der Kultur sei, gegen aktuell "wiederkehrende Tendenzen"  wie "Diskriminierung" aufzustehen. Doch man müsse dies "lebensbejahend" und "positiv" tun.

Die Besucher der Berlinale müssten sich auch keine Sorge machen, dass sie bei den Filmen ständig das Taschentuck zücken müssten. Es gäbe auch durchaus witzige Filme, auch wenn einem manchmal "das Lachen im Halse stecken bleibe."

Auf der bevorstehenden Berlinale laufen wieder 400 Filme und Kosslick sprach über drei Tendenzen, die ihm aufgefallen sind. Zum einen eine Art "Rückkehr zur Familie", aber nicht im kleinbürgerlichen Sinne, sondern eher eine Sehnsucht nach "kleinen Einheiten", Intimität und Schutz, wie etwa auch durch Freunde.

Kosslick nannte als ein Beispiel den Film des bekannten finnischen Regisseurs, Aki Kaurismäki, "Die andere Seite von Hoffnung." Der Film handelt von einer Zweckgemeinschaft zwischen einem finnischen Pokerspieler und einigen Flüchtlingen, die versuchen in ihrem neuen Heimatland Fuß zu fassen. Der Film von Kaurismäki feiert seine internationale Premiere in Berlin.

Als eine zweite Tendenz verortet Kosslick das Thema "Postkolonialismus" in diesem Jahr. So findet zum Beispiel die Weltpremiere des Film "Viceroy's House, eine Koproduktion aus Indien und Großbritannien, am 12. Februar im Berlinale Palast statt.

Der Film von Gurinder Chadha, der auch schon unterem anderem für "Kick it like Beckham" verantwortlich zeichnete, erzählt die letzten Tage in Indien vor der Unabhängigkeit von Großbritannien. Der Film läuft außer Konkurrenz. Er verwies im Zusammenhang mit dem Thema "Postkolonialismus" auch auf die Filme aus Afrika und Lateinamerika.

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Es gebe bei den Filmemachern ein starkes Interesse zurückzuschauen, um zu verstehen, warum es heute auf der Welt so aussieht, wie es aussieht, so Kosslick. Ein dritter Trend seien Künstlerportraits. Neben dem Dokumentarfilm "Beuys" von Andres Veiel, ein Film über das Leben und Schaffen von Joseph Beuys, und dem Eröffnungsfilm "Django", gibt es auch einen Film über Alberto Giacometti.

Der Spielfilm "Final Portrait" von Stanley Tucci spielt in den 60er Jahren in Paris und erzählt die Geschichte der Entstehung eines Portraits von James Lord, einem guten Freund Giacomettis. Der Film mit Geoffrey Rush in der Hauptrolle hat ebenfalls seine Weltpremiere während der Berlinale.

Ein weiterer Film der das Leben einer Künstlerin nacherzählt ist die kanadisch-irische Koproduktion "Maudie" von Aisling Walsh. Der Film mit Sally Hawkins und Ethan Hawke in den Hauptrollen, erzählt als Biopic die Lebensgeschichte der Künstlerin Maud Lewis, die 1903 in der kanadischen Provinz Nova Scotia als Maud Dowley geboren wurde.

Als Jugendliche litt sie unter rheumatoider Arthritis, was zu einer Missbildung ihrer Fingerknochen führte. Am Anfang von ihrer Mutter an die Malerei herangeführt, nahm die Künstlerin unter Zuspruch ihres Ehemanns wieder die Arbeit mit Wasserfarben auf und gestaltete Postkarten, die für 25 Cents verkauft wurden.

Am Ende ihrer Karriere war sie so berühmt, dass selbst der damalige US-Präsiden Richard Nixon ein Bild von ihr erwarb.

Freunde der russischen Filmkunst werden von der Auswahl der Berlinale allerdings enttäuscht sein. Es läuft kein einziger russischer Film im Wettbewerb. "Es habe einfach keiner gepasst", so Kosslick auf Nachfrage von RT Deutsch. Eine Aussage, die ein wenig erstaunt, wenn man die enorme Anzahl der Filme bedenkt, die jedes Jahr in Russland produziert werden.

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Das es dabei nicht nur quantitativ etwas zu gucken gibt, sondern auch immer wieder qualitativ, bewies zum Beispiel das deutsch-russische Weltkriegsdrama "Paradise" von Andrei Kontschalowski im Jahr 2016. Der Regisseur wurde unter anderem in Venedig mit dem silbernen Löwen als bester Regisseur ausgezeichnet.

Zwar läuft kein russischer Film dieses Jahr im Wettbewerb, es gibt aber dennoch zwei internationale Koproduktionen mit russischer Beteiligung und vier russische Filme zu sehen. In der Kategorie "Panorama" läuft der der Film "Requiem for Mrs. J" des serbischen Regisseurs Bojan Vuletic.

Der Film dramatisiert die wirtschaftlichen Umbrüche in Serbien am Beispiel von vier Frauen aus vier verschiedenen Generationen. Der Film ist eine internationale Koproduktion unter Beteilugung von Serbien, Bulgarien, Mazedonien, Russland und Frankreich.

In der Kategorie "Generation" läuft der Film "Milk" von Daria Vlasova. Der Kurzfilm ist eine litauisch-russische Koproduktion. In der Kategorie "NATIVe -Indigenous Cinema" finden sich vier russische Produktionen: "Boy and Lake" von Prokopyi Nogovitsyn, "The Tundra Book. A Tale ofVukvukai, the little Rock" von Aleksei Vakhrushev, "24 Snow" von Mikhail Barynin und "God Johogoi" von Sergey Potapov.

Die Berlinale beginnt in diesem Jahr am 9. Februar 2017. Die Preisverleihung ist für den 18. Februar 2017 angesetzt. Das Festivalprogramm wird am Nachmittag des 31. Januar veröffentlicht. 

Der Ticketvorverkauf beginnt am Montag, den 6. Februar 2017 um 10.00 Uhr (MEZ).

 

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