Freundschaft und Frieden - Einweihung der Kapelle am Soldatenfriedhof in Stalingrad

Freundschaft und Frieden - Einweihung der Kapelle am Soldatenfriedhof in Stalingrad
Alona Bartenschlager ist 16 Jahre alt und kommt aus Ingolstadt. Für RT Deutsch berichtete die Schülerin bereits von ihrem Austausch in der russischen Stadt Sotschi. Nun ist Alona nach Russland zurückgekehrt. Im ehemaligen Stalingrad gedenkt Alona mit ihrer Familie den Kriegstoten.

Der zweite Tag unseres Aufenthalts in Wolgograd brach an. Schon beim Frühstück waren alle aufgeregt. Die Schülerinnen und Schüler aus Denkendorf sollten das Programm der Einweihungsfeier mitgestalten und wir haben darüber gesprochen. Dann kam der Bus.

Die Mutter-Heimat-Statue auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd

Wir fuhren durch Wolgograd,  bis wir die Steppe erreichten. Eine fast ebene Fläche, die von Gräben durchzogen ist. Das Gras war schon ganz gelb. Die Sonne brannte vom Himmel. Aber man merkte die Hitze nicht so sehr, weil ständig ein leichter Wind wehte. Viele Leute haben nicht aufgepasst und hatten am Ende einen ziemlichen Sonnenbrand.

Eine schmale Teerstraße führt nach Rossoschka. Als wir da waren, habe ich zuerst gar nicht viel gesehen. Es gibt kein großes Monument, das in den Himmel ragt und auch die Kapelle ist nicht so, wie man sich eine Kapelle vorstellt. Aber das soll so sein, hat der Architekt, Jürgen Heinrich von Reuß, später erklärt.

Zunächst einmal fuhren viele Limousinen vor. Aus Moskau war der deutsche Botschafter von Fritsch mit Mitarbeitern gekommen. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland ist momentan leider nicht besonders gut. Aber in diesem Fall war das anders. Die Schirmherrschaft über die Friedenskapelle haben der deutsche und der russische Außenminister gemeinsam übernommen. Alle waren sich einig, dass das ein wichtiges symbolisches Zeichen ist.

Empfangen wurde der Botschafter von Kadetten aus dem Ort Rossoschka, die in ihren Uniformen Spalier standen. Der Botschafter hat zunächst einen Kranz am russischen Denkmal abgelegt, dasselbe haben Herr Holtz und Herr Eberhard Sinner gemacht. Herr Sinner war früher Minister in Bayern, ist ein Freund von Herrn Holtz und hat mitgeholfen, dass die Kapelle gebaut werden konnte.

Auch viele russische Offizielle waren da. Die Delegation hat zunächst den russischen Teil des Friedhofs besucht und ist dann zum deutschen Teil gegangen, wo sie ebenfalls Kränze niedergelegt hat. Der Soldatenfriedhof ist eigentlich ganz einfach gestaltet und hat mich wahrscheinlich gerade deshalb so sehr beeindruckt. Der Architekt, Jürgen Heinrich von Reuß, der den Friedhof vor mehr als 20 Jahren entworfen und jetzt auch die Pläne für die Friedenskapelle gezeichnet hat, war mit dabei und hat uns alles erklärt. Er wollte einen Friedhof und eine Gedenkstätte schaffen, die sich, wie er sagte, in die Steppenlandschaft einfügt. Er wollte nichts, was hoch aufragt oder Bauwerke, die man schon von Weitem sieht.

Er wollte die Harmonie der Landschaft bewahren. Die Einfassungsmauern sind niedrig und die Steine dafür haben fast dieselbe gelbliche Farbe wie das trockene Gras und der Boden. Es sind so viele Gräber dort, man kann sie gar nicht zählen. In diesem Friedhof sind sowjetische Soldaten begraben und deutsche Soldaten. 68.000 deutsche und 19.000 russische. Immer noch findet man in Wolgograd und in der ganzen Gegend die Überreste von gefallenen Soldaten und man bestattet sie auch hier. Der Friedhof wird also immer größer. Markus Meckel war da, der Präsident der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, die sich um den Friedhof kümmert, und er sagte, wo immer man hier gräbt, findet man menschliche Knochen. Die Kadetten aus Rossoschka helfen bei der Bergung und Identifizierung der Toten. Ein Teil der Friedhofs besteht aus Steinblöcken. Darauf stehen die Namen von Soldaten, die vermisst wurden.

Die neue Kapelle selbst ist sehr ungewöhnlich und schaut gar nicht wie eine Kapelle aus. Sie hat nur zwei Wände, ein Dach gibt es nicht. Die beiden Wände stehen auf einer Plattform, zu der Stufen hinaufführen. Genau in der Mitte ist ein Altar aus Stein. Der Architekt von Reuß hat gesagt, dass es für diese Kapelle kein Vorbild gibt. Sie auch deshalb etwas Besonderes, weil sie die beiden Teile des Friedhofs, den deutschen und den russischen, miteinander verbindet. In eine der Wände ist das in Deutschland gebräuchliche Kreuz eingelassen, wenn man dort durchschaut, sieht man den russischen Friedhof.

In die andere Wand ist das russisch-orthodoxe Kreuz eingelassen. Von dort kann man auf den deutschen Teil des Friedhofs schauen. Meine Mama findet die Kapelle genial, denn sie symbolisiert die Stadt nach der Schlacht, als es dort keine Häuser mehr gab, sondern nur noch einzelne Wände standen. Und auf noch etwas hat mich meine Mama aufmerksam gemacht: Wir waren nur vier Stunden an dem Ort und es war sehr heiß. Im Sommer ist es dort immer sehr heiß, es gibt in der Steppe keinen schützenden Baum und kein Wasser. Im Winter ist es hier eiskalt mit scharfem Wind. Man müsse sich vorstellen, welchen Strapazen die Soldaten allein durch das Wetter ausgesetzt waren.

Meine Mama und ich sind durch die Reihen am russischen Friedhofsteile gegangen und haben nach dem Grab von meinem Urgroßvater Viktor Alexandrowitsch Novikov gesucht. Wir haben es nicht gefunden. Der Großvater von meiner Mama kam aus einer ukrainischen Stadt in der Nähe von Kiew, kämpfte in der Roten Armee und war 32 Jahre alt, als er bei Stalingrad gefallen ist - so alt wie meine älteste Schwester jetzt ist.

Mein russischer Urgroßvater Viktor Alexandrowitsch Novikov, der in Stalingrad sein Leben ließ...

Mein Großvater Josef Bartenschlager, der Papa von meinem Papa, war 16 Jahre alt, als man ihn an die Ostfront geschickt hat. Genau so alt, wie ich es jetzt bin. Ich mag gar nicht daran denken. Seinen 17. Geburtstag hat er als Kriegsgefangener in einem Eisenbahnwaggon nach Sibirien erlebt. Wie er mir selbst erzählt hat, hat diese Fahrt 68 Tage gedauert. Insgesamt war er fünf Jahre sowjetischer Kriegsgefangener.

Mein Opa Josef Bartenschlager

Meine Mama hat angeregt, aufgrund meiner Herkunft mit deutsch-russischen Wurzeln, sollte ich bei der Einweihungsfeier etwas sagen. Aber ich wusste nicht recht, was. Wir sind weiter durch die Grabreihen gegangen und ich habe gesehen, wie jung die Soldaten und Soldatinnen waren, die hier ihr Leben ließen. Wir kamen zu einem Grab, in dem ein Soldat mit dem gleichen Nachnamen wie mein Urgroßvater liegt. Mit meiner Mama habe ich überlegt, was ich sagen sollte. Ich wollte nicht viel sagen, aber doch ein paar Sätze, die mir auf dem Herzen lagen und die mir wichtig sind. Meine Mama hat mir geholfen, meine Gedanken zu sortieren. Ich bin dann mit ihr zu Herrn Holtz und zu Herrn Schels gegangen und habe gebeten, ob ich etwas sagen dürfte. Sie waren sofort einverstanden.

Zur Einweihung waren viele Leute gekommen, auch Kosaken in ihren Uniformen. Zunächst hat der Botschafter gesprochen.

Alona Bartenschlager im Gespräch mit RT-Reporterin Maria Janssen.

Er hat an den schrecklichen Vernichtungskrieg erinnert und zum Frieden aufgerufen. Ein solcher Krieg dürfe nie mehr geführt werden. "Ni kagda", hat er gerufen. "Nie wieder." Es sind an diesem Tag viele Reden gehalten worden und alle sind in die jeweils andere Sprache übersetzt worden. Auch vom russischen Außenministerium war jemand da. Alle haben vom Frieden gesprochen und an die alte Freundschaft zwischen Deutschland und Russland erinnert. Nachdem der letzte offizielle russische Redner gesprochen hatte, sind die russischen Offiziellen von der Bühne gegangen und haben Fernsehinterviews gegeben. Die Zeremonie war aber noch lange nicht beendet. Bischof Mixa hat angefangen zu sprechen. Nach dem ersten Satz hat er innegehalten und auf die Übersetzung gewartet. Die kam aber nicht.  "Wo ist Lena?", hat er gefragt. Dann haben wir alle registriert: Die Dolmetscherin war verschwunden. Aber es dauerte gar nicht lange, da sprang eine Deutschlehrerin vom Gymnasium in Moskau ein. Sie machte das fabelhaft. Russisches Improvisationstalent hilft immer!

Die Einweihung nahmen Bischof Walter Mixa, der evangelische Militärgeneraldekan Matthias Heimer, Probst Oleg Stulberg von der evangelischen Gemeinde Sarepta, Erzpriester Oleg Kirichenko, spiritueller Führer der Kosaken im Wolgograder Gebiet, und Pfarrer Konrad Weber aus Denkendorf vor.

Dann waren wir, die Jugendlichen, an der Reihe. Willibald Schels nickte mir zu. Ich ging zum Mikrofon: "Mein russischer Uropa, der für die sowjetische Armee gekämpft hat und sein Land verteidigt hat, ist hier in Stalingrad ums Leben gekommen. Mein deutscher Opa, der mit mit 16 Jahren an die Front geschickt wurde, war dann für fünf Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Ich möchte so etwas nicht mehr. Ich will Frieden."

Herr Schels hatte mit uns ein Gebet von Franz von Assissi eingeübt, das wir jetzt sprachen. Das müsse nicht übersetzt werden, sagte Herr Schels. Das würde jeder verstehen. Die russischen Kadetten vom Moskauer Gymnasium erklärten auf Russisch und Deutsch, dass sie sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzen werden. Sie sangen auch ein deutsches und Russisches Lied.

Schweigsam fuhren wir zurück nach Wolgograd. Dort wartete ein Schiff auf uns. Ein Büffet war hergerichtet, Getränke gab es und eine russische Gruppe spielte Musik, sang und tanzte. Das hat uns gut gefallen. Wir fuhren  die Wolga entlang, langsam dämmerte es, die Lichter blinkten am Ufer und dann legten wir an und fuhren ins Hotel. Für die Denkendorfer war es eine kurze Nacht. Sie standen schon um 3.30 Uhr wieder auf, weil sie ihr Flugzeug erreichen mussten. Meine Eltern und ich konnten länger schlafen. Unser Zug nach Sotschi ging erst gegen Mittag. Ich bin sehr froh, dass ich diese Reise gemacht habe. Sie hat mir viel zum Nachdenken gegeben.

Freundschaft und Friede,  auf russisch drusija i mir Euere Alona