Doktor Lisa ist nicht mehr da: Zum Tod der Mutter Teresa heutiger Tage

Doktor Lisa ist nicht mehr da: Zum Tod der Mutter Teresa heutiger Tage
Elizaweta Glinka, genannt Doktor Lisa.
In der abgestürzten Maschine TU-154, die am frühen Morgen 25. Dezember bei Sotschi verunglückte, befand sich auch die Menschenrechtlerin und Ärztin Elisaweta Glinka. Sie sollte Medikamente nach Syrien liefern. Bekannt war sie vor allem als Doktor Lisa. Für alle, die sie kannten, verkörperte diese Frau bedingungslose Aufopferung für Menschen in Not.

„Das kann nicht wahr sein“, war die erste Reaktion aller, die sie kannten. So redet man über Menschen, die niemand ersetzen kann. Die Moskauer Zeitung MK (Moskowski Komsomolez) sprach mit Kollegen und Weggefährten der Ärztin, als sich die Nachricht über ihren Tod in der verunglückten Maschine über dem Schwarzen Meer bestätigte.

Sie war überall dort, wo Blut und Tränen flossen. In den Hospizen, im Donbass und in Syrien. Weil sie ein echter Arzt war, der sich seine Patienten nur nach einem Merkmal aussuchte: es schmerzt bei ihnen und der Schmerz muss weg“, sagt die Autorin der Zeitung, die Elizaweta Glinka auch persönlich kannte.

Doktor Lisa ist seit mehreren Jahren als Wohltäterin unterwegs. Landesweite Bekanntheit erlangte sie in den ersten Wochen des Ukraine-Krieges, als sie sich am 9. Mai 2014 nach Slawjansk aufmachte um Medikamente für die Kinder in der Region zu liefern. Die Belagerung von Slawjansk war die erste große Militäraktion im Ukraine-Konflikt.

Elisaweta Glinka während ihres Einsatzes für Obdachlose auf dem Moskauer Bahnhof Pawelezki.

Ihre Hilfe hatte mit politischer Vereinnahung nichts zu tun. Sie betreute auch Nadeschda Sawtschenko während ihrer Hungerstreiks, besuchte Warwara Karaulowa, der man die Teilnahme in der terroristischeren Vereinigung vorwarf. Im Donbass war sie mehrmals, sie half vor allem Kindern und anderen Opfern des Krieges im Süd-Osten der Ukraine.

Man sagt, hunderte Menschen verdanken ihr Leben «Doktor Lisa“. Unter Gefahr für ihr eigenes Wohl, evakuierte sie Kinder und Invaliden aus dem ostukrainischen Kriegsgebiet und leitete nötige Operationen ein. Sie bereiste auch andere Brennpunkte.

Von dem Privatleben der leidenschaftlichen Ärztin ist nicht viel bekannt. Die 54-Jährige hat zwei Kinder und hinterlässt einen Mann, der Amerikaner russischer Abstammung ist. Sie verbrachte zwei Jahre in Kiew und mehrere Jahre in den USA. Nach ihrer Rückkehr aus den USA, gründete  die gelernte Kinderärtin - die nach dem zweiten Bildungsweg Palliativärtzin wurde - im Jahr 2007 die wohltätige NGO „Gerechte Hilfe“. Anfängliche Unterstützung bekam sie vom damaligen Sprecher des russischen Obersten Rates, dem Chef der Partei „Gerechtes Russland“, Sergej Moronow.

Elisaweta Glinka brachte regelmäßig schwerkranke Kinder für Behandlung aus dem ostukrainischen Donezk nach Moskau. Hier: Ankunft in Moskau.

Als ich sie kennenlernte, half sie Obdachlosen auf den Bahnhöfen – mehrere Male die Woche fuhr sie dorthin, sie gab ihnen Essen und leistete medizinische Hilfe. Sie half auch Häftlingen in den Moskauer Untersuchungsgefängnissen. Aus meiner Sicht war Doktor Lisa eine herausragende Frau, eben deshalb, weil sie denjenigen half, denen niemand mehr helfen wollte. Nachher erfuhr ich, dass sie sogar in Kiew ein Kinderhospiz hatte“, sagt die Menschenrechtlerin Soja Smirnowa.

Eine Woche vor ihrem Tod nahm Elisaweta Glinka die Staatliche Auszeichnung für Menschenrechte aufgrund ihrer geplanten humanitären Mission in Syrien entgegen. Sie sprach in Kreml vor Journalisten. Dort sagte sie bemerkenswerte Worte:

Wir sind uns nicht sicher, dass wir lebend zurückkehren. Weil Krieg Hölle auf Erden ist.

Ihr Leben war den Menschen in Elend und Not gewidmet, ohne Wenn und Aber. Während die anderen, die Nase rümpfend und hochnäsig darüber sinnierten, ob z.B. die Obdachlosen selber an ihrem Elend schuld seien oder nicht, half sie ihnen einfach, fassen die Journalisten von MK das Leben und Wirken von Doktor Lisa zusammen.

Die Tragödie bei Sotschi, die 64 weltberühmten Künstlern, neun Journalisten und einer großen Wohltäterin das Leben nahm, blieb auch in westlichen Medien nicht unbemerkt. Die meisten deutschen Medien rückten jedenfalls zu einer Berichterstattung zurück, die man von ihnen bei Katastrophen auch erwartet – neutral und wertend eben dort, wo es etwas zu schätzen gibt.

Einer der Schwerpunkte der Tätigkeit von "Gerechte Hilfe" ist die häusliche Pflege.

Es bleibt nur die Frage, ob denselben Medien all die Geschichten über angebliche „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ der Russen spätestens jetzt nicht leid tun. Die Besatzung des russischen Militärflugzeugs mit den Künstlern, die eigenen Angaben zufolge auch in Aleppo auftreten wollten, sowie einer Mutter Teresa heutiger Zeit, die sich gen Syrien aufmachten, spricht schwerlich für ein Vorhaben, das westliche Politiker und Medien Russland in all den Monaten seit Beginn ihres Einsatzes in Syrien penetrant in die Schuhe schieben. 

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