Ukraine singt, Russland stimmt ein: Gesang-Flashmobs verbinden Menschen in zwei Ländern

Ukraine singt, Russland stimmt ein: Gesang-Flashmobs verbinden Menschen in zwei Ländern
Screenshot aus dem Video vom Flashmob in Zaporozhje vom 13. November 2016.
Ein Video-Geschenk an die traditionsreiche Eisenhütte in Zaporozhje in der Ostukraine löste eine Welle der Nachahmer in der Ukraine und dann in Russland aus. Menschen auf Bahnhöfen singen jeweils russische oder ukrainische Lieder. Als russische Medien die Vorfälle für sich entdeckt haben, tobt auf beiden Seiten eine Propagandaschlacht.

Es sollte ein musikalisches Geburtstagsgeschenk werden. Der Fernsehkanal TV5, der dem Hüttenwerk „Zaporozhstahl“ und damit auch dem Donezker Oligarchen Rinat Achmetow gehört, organisierte eine Aktion. Die Sängerinnen und Sänger der Majboroda-Musikhochschule sollten im Foyer des Hauptbahnhofes in Zaporizhje das Lied „Wenn der Frühling kommt“ aus dem sowjetischen Kult-Film des Jahres 1956 „Der Frühling auf der Zarechnaja Straße“ anstimmen. Getarnt waren sie als Flashmob, denn sowohl der Film als auch das Lied sind untrennbar mit der Geschichte der Industriestadt verbunden und sollten jedem Einwohner bekannt sein.

Autor: Flashmob in Zaporozhje, Originalvideo

Der Film handelt von einem Arbeiter, der mit dem Hüttenwerk sein Leben verbindet. Das Werk gehört zu einem der größten unter Europas Stahlhütten und dient bis heute als einer der größten Arbeitgeber in der Region.

Den Zaporozhern ist jede Zeile aus diesem sehr berühmten Film bekannt, er ist von dem Geist der Zaporozher – Werkangehöriger, Lehrer und den anderen – durchdrungen. Den Flashmob machten wir mit richtig viel Herzblut, sagte der Generaldirektor des Lokalsenders Maxim Onoprienko.   

Die Aktion gelang: Das stimmungsvoll gesungene Lied erzeugte auf dem Bahnhof kurzerhand eine schöne nostalgische Atmosphäre. Der Kanal lud das Video am 13. November hoch. Seitdem wurde das Video selbst zum Kult und hat mittlerweile über eine Million Zuschauer. Innerhalb von wenigen Tagen organisierten Menschen in vielen Städten im Süden und Osten der Ukraine ähnliche Flashmobs mit anderen Kult-Liedern aus der Sowjetzeit. In Odessa erntete die Aktion Applaus mit Rufen „Prachtkerle“ von den Passanten.

Autor: "Moldawanka": Flashmob in Odessa

Am Ersten Dezember erreichte die Gesangswelle auch Kiew. Doch das angekündigte Drehteam und ein professionelles Choristen-Ensemble, das das Lied anstimmen sollte, waren nicht erschienen. Kurz davor setzten ukrainische Medien Gerüchte in die Welt, hinter den Aktionen stehe der russische Geheimdienst FSB, was die Profis einschüchterte. Der Kiewer Flashmob mit dem Antikriegslied „Immer lebe die Sonne“ fand dennoch statt. Das auch in der DDR bekannte Kinderlied hat folgende Worte: „Immer lebe die Sonne, immer lebe der Himmel, immer lebe die Mutti und auch ich immerdar!“  

Zu dem Moment liefen bereits auf russischen Bahnhöfen Flashmobs mit ukrainischen Liedern. Auch die Menschen in Donezk und Lugansk sendeten ihre Musik-Botschaften. Die russische Medien machten sich die Story gerne zu eigen.

Die russische Lesart der ukrainischen Initiative brachte der deutsche Journalist Ulrich Heyden in seinem Blog bei Freitag auf den Punkt:

Mit den Flashmobs wollten die Teilnehmer ein Zeichen setzen für den Frieden zwischen Russen und Ukrainern, ein Zeichen gegen Krieg und Zwangs-Ukrainisierung. In der Ukraine ist das russische Fernsehen abgeschaltet, die Auftritte zahlreicher russischer Künstler und der Verkauf vieler russische Bücher verboten. Aber gegen diesen Graswurzel-Gesang sind ukrainische Polizei und ukrainische Nationalisten machtlos."

Russische Freude über die Ukrainer, die sich an die gemeinsame kulturelle Basis besinnen, machten die promaidan-Medien in der Ukraine misstrauisch. Recherchen des Propaganda-Portals depo.ua zufolge, stünde zumindest hinter dem Moskauer Flashmob eine orthodoxe vermeintlich „neofaschistische“ Gruppierung, die auch dem Nationalisten Girkin (bekannt als Strelkow) nahesteht. Girkin war in der Organisation des Donezker Widerstandes gegen das Maidan-Regime von April bis August 2014 maßgeblich beteiligt.  

Autor: "Katjuscha" in Dnepropetrowsk

Russland schlachtete den „Flashmob“ unter dem Tenor „Es gibt in der Ukraine doch normale Jugend“, „nicht alle sind dort Faschisten“ aus. Dieser organisierte Flashmob (in Zaporozhje – Red.) ist in der Tat gefundenes Fressen für russische Propaganda…Und keiner, der die pro-sowjetische und damit gleich auch die anti-ukrainische Implikation in dieser Aktion erkannte, meldete den Vorfall dem SBU (Ukrainischer Geheimdienst)", spottete depo.ua.

Aktion

Doch nicht alle ukrainischen Journalisten sehen das kritisch. Im Gegenteil, der bekannte Maidan-Kritischer Autor Dmitriy Filimonov, der 2014 als Organisator mehrerer Skype-Konferenzen zwischen den Aufständischen in der Lugansker Volksrepublik und ihren Gegnern auf der Kiewer Seite Bekanntheit erlangte, unterstützte die Gesangsbewegung:

Eine ganze Reihe der Aktionen, die gleichermaßen spontan und organisiert verliefen, rief einen Sturm der Emotionen und unterschiedlicher Meinungen hervor. Ich sehe darin ein Zeichen, dass Menschen aufhören Angst zu haben und immer mehr zu ihrer Meinung zu stehen“- postete er auf seiner Facebookseite.

Der in Donezk lebende, ehemalige langjährige Radio-Liberty Reporter Andrej Babitzki meint, die Flashmobs seien auch für den Donbass und seine Menschen wichtig, denn sie helfen, die Beziehung zu dem Territorium aufrechtzuerhalten, das in ihren Augen zum Metier ukrainischer Nationalisten wurde.

Unterdessen beginnen die Flashmobs sich auf andere ehemalige Sowjetrepubliken zu verbreiten. So glich die Aktion mit dem Lied „Ich liebe dich, das Leben“ in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens, durch Anzahl der Teilnehmer mittlerweile einer friedlichen Kundgebung.

Autor: "Immer lebe die Sonne": Mini-Konzert in Chisinau