Ein Semester in St. Petersburg: Zwischen Traditionen und Schickeria

Ein Semester in St. Petersburg: Zwischen Traditionen und Schickeria
Lichtspiel an der St. Isaac-Kathedrale in St. Petersburg.
Auch gastronomisch hat St. Petersburg einiges zu bieten. Beim Schlemmern beobachtet der Jura- und Philosophiestudent Danilo Flores den scheinbaren Widerspruch modernem Großstadt-Schick und der Bewahrung von Traditionen. Für RT Deutsch berichtet der Hamburger von seinem Austauschsemester.

von Danilo Flores

An der geschäftigen U-Bahn-Station Wasileostrowskaja zweigt vom „Mittleren Prospekt“ eine Fußgängerzone ab. Der Prospekt ist die ostwestlich verlaufende Hauptverkehrsader der Wassiljewski-Insel. Das Straßennetz hier wurde noch zu Zeiten Peter des Großen auf dem Reißbrett angelegt. Die von Norden nach Süden führenden Querstraßen im streng gitterförmigen Grundriss dieses Petersburger Distrikts werden als „Linien“ bezeichnet. Sie sind durchnummeriert und es gibt mehr als zwanzig von ihnen.

Ursprünglich handelte es sich bei diesen „Linien“ um Wasserstraßen, Kanäle, die Ausdruck des städtebauerischen Ehrgeizes Peter des Großen waren. Der Gründer St. Petersburgs, der sich auf seiner ausgedehnten Europareise in die Amsterdamer Grachten verliebt hatte, wollte in dem von ihm gegründeten „Venedig des Nordens“ etwas Vergleichbares vorweisen können. Die im harschen Winter permanent zugefrorenen Kanäle erwiesen sich jedoch als nutzlose Spielerei, weshalb man sie später zuschüttete und feste Verkehrswege schuf, die sich das ganze Jahr über begehen ließen.

St. Petersburg bei Nacht - Die Stadt zieht zunehemend chinesische Touristen an.

Auf einer dieser „Linien“ liegt die eingangs erwähnte Fußgängerzone, wo ich der Empfehlung eines französischen Studenten folgend erstmals ein Café names „Marketplace“ betrete.

Die Location lässt sich als gehobenes Selbstbedienungsrestaurant charakterisieren. Die Speisen liegen aus wie bei einem liebevoll hergerichteten Buffet und zusätzlich kann man sich italienische oder asiatische Gerichte frisch zubereiten lassen. Der „морс“ (Mors), der russische Beerensaft, ist ganz exquisit und die vorzüglichen Spaghetti alla carbonara für umgerechnet drei Euro entsprechen dem, was man hierzulande ab neun oder zehn Euro beim Italiener bekommt. Auch das Interieur stiftet eine gewisse Gemütlichkeit. Das Restaurant, von dem es mehrere Filialen in St. Petersburg gibt, scheint bei Russen und „Expats“ gleichermaßen beliebt zu sein. Gegenüber der aus Deutschland bekannten – schon vom Namen her etwas abschreckenden – „Systemgastronomie“ hat dieses findige Gastrokonzept made in Russia definitiv die Nase vorn.

Mir gegenüber sitzen zwei hübsche Russinnen, die erst ein bisschen auf ihren Macbooks herumtippen und dann dazu übergehen ihre iPhone-Kameras als Schminkspiegel einzusetzen. Des Öfteren lässt sich in Russland das schöne Geschlecht dabei beobachten, wie es „aufrüstet“: Da wird sich in aller Öffentlichkeit das Haar gebürstet, der Lidschatten nachgebessert oder der Lippenstift neu aufgetragen. Keine Geheimnistuerei, keine „bösen Überraschungen“. Das ist russische Glasnost – zu deutsch „Offenheit“ oder „Transparenz“. Mit dem Begriff bezeichnete Gorbatschow Ende der achtziger Jahre das Recht der sowjetischen Bürger zur Einsichtnahme in das Innenleben des Staatsapparates. Noch vor Gorbatschow prägte Mitte des 19. Jahrhunderts der für seine Reformen gerühmte Zar Alexander II. den Ausdruck: als Umschreibung für den unter seiner Ägide eingeführten Grundsatz des öffentlichen Gerichtsverfahrens.

Kürzlich hat die Festnahme des russischen Wirtschaftsministers Alexei Uljukajew wegen der angeblichen Annahme von Schmiergeldern für Schlagzeilen gesorgt. Hämisch werten westliche Medien den Vorfall als Beleg für die „systemische Korruption“ des russischen Staates. Wenn man es recht bedenkt, verhält es sich jedoch genau umgekehrt: Nur derjenige Rechtsstaat hat ein funktionierendes Immunsystem, dessen Justiz auch vor der politischen Elite nicht Halt macht. Überall gibt es schwarze Schafe. Kein menschengemachtes System ist unfehlbar und der Mensch ist, wie Kant sagt, „aus krummem Holz geschnitzt“. Stutzig machen sollte einen nicht der Durchgriff eines Geheimdienstes gegen einen korrupten Staatsbeamten, sondern das tadellose Saubermann-Image einer Regierung mit perfekt gepflegtem Vorgarten. Was wohl hinter der blank geputzten Fassade des lächelnden Nachbarn vor sich geht?

Eingeschneit: St. Petersburg ganz in Weiß.

Eine Frau, die sich ungeniert schminkt, hat genauso wenig zu verbergen wie der Staat, der gegen einen korrupten Staatsbeamten vorgeht. Am schönsten wäre es natürlich, wenn man ganz auf solche „notwendigen“ Maßnahmen verzichten könnte. Bekanntlich zählen die inneren Werte. Auf der Straße sieht man bei Regen oder Schneefall häufig Russinnen mit umgewickeltem Kopftuch – so wie es auch in Deutschland bis weit ins 20. Jahrhundert üblich war. Ein sympathischer Anachronismus, wie ich finde. In russisch-orthodoxen Kirchen ist das Kopftuch für Frauen ohnehin Pflicht. Welch unsägliche Diskriminierung, denkt sich da die selbstbewusste Mitteleuropäerin. Eine emanzipierte Frau bedeckt sich doch nicht das Kopfhaar – wie mittelalterlich! Nicht umsonst haben wir das jahrhundertelange Joch des Patriarchats abgestreift: Bis zum Burn-Out im multinationalen Konzern zu ackern, das lassen wir uns ganz bestimmt nicht nehmen! Frauenquote als Teil der Corporate Identity. Humankapital ist Humankapital, da gibt es keine Geschlechtsunterschiede. Immerhin bleibt bei der beruflichen Vollzeitselbstverwirklichung des Homo oeconomicus abends noch Zeit zur Partnersuche in der von „Stiftung Warentest“ zertifizierten Online-Kontaktbörse.

Leider hat der „Tinder-Strich“ auch vor Russland nicht haltgemacht. Die jungen Leute hier – man muss es einfach zugeben – sind noch vernarrter in den schönen Schein der sozialen Medien als ihre deutschen Altersgenossen. Ganz zu schweigen von den Videoclips russischer Popsternchen im Fernsehen oder auf YouTube. Da wirkt der Schund aus „Amiland“ auf einmal wie avantgardistischer Ausdruckstanz. Aber dann findet man sich im Büro der Verwaltung des Studentenwohnheims wieder und auf dem Regal steht eine Ikone der Gottesmutter. In Russland sitzt einem eben nicht nur das – verdammt heiße – Teufelchen auf der Schulter – sondern auch das rettende Engelchen!

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