Öffentliche Moral: Zwei AIDS-Kampagnen spalten Frankreich

Öffentliche Moral: Zwei AIDS-Kampagnen spalten Frankreich
Eines der Motive aus der neuen AIDES-Kampagne.
Erst sorgte eine AIDS-Kampagne des französischen Gesundheitsministeriums für heftige Kontroversen. Sie richtete sich an homosexuelle Männer. Nun sorgt eine weitere Kampagne für Ärger. Wird Frankreich prüde - oder ist es berechtigte Kritik?

Zwei Werbekampagnen treiben den Franzosen die Scham oder auch die Zornesröte ins Gesicht. Es begann mit einer Kampagne des französischen Gesundheitsministeriums zur Sensibilisierung homosexueller Männer. Die bunten Werbeplakate zeigen Männer, die sich umarmen, oder kurz davorstehen, sich zu küssen.

Die Headlines gehen von „Mit einem Liebhaber. Mit einem Freund. Mit einem Fremden“ bis hin zu „Sich lieben. Sich amüsieren. Sich vergessen.“

Die öffentlichen Reaktionen auf die Kampagne fielen teils sehr heftig aus. So reichte die Organisation „Juristes pour l´enfance“ eine Beschwerde bei der französischen Ethik-Werbekommission ein. Die Kritik richtet sich zum einen dagegen, dass auf den Plakaten die „Promiskuität verherrlicht“ wird. Zum anderen sorgt die Tatsache für Unmut, dass die Plakate überall im öffentlichen Raum sichtbar sind. Die Kritiker monieren vor allem Plakate in der Nähe von Schulen und Kindergärten.

Doch Kritik kommt auch von Homosexuellen-Verbänden. So kritisiert die Organisation „Homovox“, dass die Kampagne homosexuelle Männer und „kompulsives Kopulieren“ gleichsetze – und damit ein Klischee bediene.

Die Organisation verlangt ebenfalls ein Ende der Kampagne. Die Proteste aus verschiedenen Ecken führten inzwischen dazu, dass mehrere Bürgermeister die Plakate in ihren Gemeinden abhängten. So unter anderem in Aulnay-sous-Bois und Angers.

Das Abhängen der Plakate in einigen Regionen sorgte postwendend für Gegenwind in den sozialen Medien. Die Verteidiger der Kampagne werfen den Kritikern „Homophobie“ und „Zensur“ vor.

Noch während sich Gegner und Befürworter auf Twitter und Facebook befehdeten, veröffentlichte die „Association AIDES“ in den letzten Tagen eine weitere Kampagne. Auf ästhetischen Schwarz-Weiß-Fotos werden sowohl hetero- als auch homosexuelle Paare in recht eindeutig zweideutigen Situationen gezeigt.

So zeigt zum Beispiel eines der Motive einen Tanzlehrer mit einem Schüler. Nackt, und in einer Pose, die irgendwo zwischen Tanzen und Geschlechtsverkehr zu verorten ist. Die Aussage auf den Plakaten ist bei jedem Motiv gleich:

„Ein HIV-Positiver in Behandlung kann uns viel geben. Nur nicht den HIV-Virus.“

Eine Anspielung darauf, dass Partner von HIV-Positiven, die eine Antiretrovirale Therapie nutzen, sehr wirkungsvoll vor Übertragung geschützt sind.

Die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV wird durch antiretrovirale Medikamente um circa 96 Prozent reduziert. Damit ist diese Therapie praktisch so sicher wie Kondome, die auf 95 Prozent kommen. Ob es sinnvoll ist, diese wichtige Botschaft durch provokative Nacktaufnahmen zu promoten sei dahingestellt.

Werbung lebt zwar davon, mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit des Betrachters zu gewinnen. Doch manchmal erweist sich der kreative Mut auch als Bumerang.

Proteststürme gegen die neue Kampagne sind jedenfalls vorprogrammiert. Das Thema Homosexualität spaltet schon länger das Land. Die Proteste, nach dem die Homosexuelle-Ehe 2013 in Frankreich eingeführt wurde, sind bis heute nicht verebbt. Erst Mitte Oktober gingen wieder tausende Menschen auf die Straße. Es ist sogar gut möglich, dass es ein Thema bei der Präsidentschaftswahl 2017 in Frankreich sein wird.

 

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