Der tragische Kraftprotz - Zum 100. Todestag von Jack London

Der tragische Kraftprotz - Zum 100. Todestag von Jack London
Jack London an Bord seiner Yacht "Snark", 1908.
Er tuckerte mit einem seeuntüchtigen Schiff durch den pazifischen Ozean. Er war Robbenjäger, Goldsucher, Austernpirat, Wanderarbeiter und Sozialist. Aber vor allem war er ein großer Schriftsteller. Über eine Künstlerbiografie, die es so nicht mehr geben wird.

"Mein Platz in der Gesellschaft war ganz unten", sagte Jack London über seine harte Kindheit. Geboren am 12. Januar 1876 in San Francisco, musste der kleine Jack schon früh arbeiten, um das magere Familieneinkommen aufzustocken. Kinderarbeit war damals in den Vereinigten Staaten nichts Ungewöhnliches. Erst 1905 wurden Gesetze erlassen, die das Elend zumindest verringerten. London arbeitete als Zeitungsjunge, in einem Wirtshaus und als Arbeiter in einer Konservenfabrik. Mit 13 Jahren verließ er die Highschool.

Doch das war nur die eine Seite des kleinen Jack. Die andere Seite ist die eines hochtalentierten, bildungshungrigen Künstlers. Schon mit vier Jahren konnte Jack lesen und schreiben. Vor allem das Lesen hat es ihm angetan. "Ich las im Bett, ich las bei Tisch, ich las auf dem Weg zur Schule und auf dem Weg zurück, ich las in den Pausen, wenn die anderen Jungs spielten", wird Jack London später in seinem autobiografisch gefärbten Buch "König Alkohol" schreiben.

Jack London auf seiner Ranch in Sonoma County, Kalifornien, 1914

Seine erste große Förderin wird die Schriftstellerin Ina Coolbrith, die als Bibliothekarin in der Stadtbibliothek von Oakland arbeitete und Jack mit Büchern und gutem Rat versorgte. Sie ermutigt ihn in seinem Selbststudium und unterstützt ihn, wo sie nur kann. Jack London sprach von ihr als seiner "Göttin". Doch an eine große schriftstellerische Karriere ist erstmal nicht zu denken.

Nachdem er die Schule verlassen hat, schuftet er zunächst in einer Konservenfabrik für zehn Cent die Stunde. Da nachts mehr bezahlt wird, arbeitete er auch in den Nachtschichten. Nachts geht es mit den Kumpeln raus in die Bay von San Francisco – Austernbänke plündern und die Beute an den Mann bringen. Jack wird schnell zu einer lokalen Berühmtheit. Man nennt ihn den "Prinz der Austernpiraten".

Fühlte er sich vom ersten Whisky noch angewidert, wird der Alkohol doch sehr bald sein ständiger Begleiter. Er säuft, raucht, lässt keine Prügelei aus und arbeitet schon fleißig an seinem späteren Image als Abenteurer und Kraftprotz. Der Protagonist seines Romans "Martin Eden" aus dem Jahr 1909 wird sagen:

Ich bin ja kein Behinderter. Wenn's drauf ankommt, kann ich Eisen fressen.

Nebenbei schreibt Jack London in der Stadtbibliothek von Oakland Geschichten des britischen Autors Rudyard Kipling ab, um herauszufinden, "wie man das macht". Kipling galt als herausragender Vertreter der Kurzgeschichte, zu der sich auch der junge Jack hingezogen fühlte. Die Abenteuerlust lässt ihn jedoch nicht ruhen.

Er macht sich auf nach Sacramento und lernt dort die so genannten "Road-Kids" kennen: obdachlose Jugendliche, die als blinde Passagiere an Eisenbahnwaggons geklammert durch die USA reisen. Finanziert durch Diebstahl und Bettelei. London schließt sich den Jugendlichen für eine Weile an und reist als "Frisco-Kid" mit ihnen mit. Doch auch da hält er es nicht lange aus.

"Seemanns Braut ist die See" sang Hans Albers in der berühmten Schnulze "La Paloma", die übrigens aus Mexico stammt und dort schon im 19. Jahrhundert gesungen wurde. Und diese Sehnsucht nach der weiten See sollte zur neuen Leidenschaft von Jack London werden. Er heuert 1893 auf einem Schiff an und macht Jagd auf Robben. Irgendwo zwischen den USA und Japan.

Das neue Leben ist ganz nach seinem Geschmack. Die raue Seeluft, die Kameraden, die Hafenkneipen. In der Tasche hat Jack immer ein Exemplar von Herman Melvilles "Moby Dick" dabei. Er lernt die Grundzüge der Navigation. Zurück an Land zwingt ihn seine Mutter dazu, einen Reisebericht bei einem Zeitungswettbewerb einzureichen. Und siehe da: Jack London gewinnt den Wettbewerb und 25 Dollar Siegerprämie.

Der Jack London See in der Magadan-Region, Russland

Doch es zieht ihn wieder weiter. Als so genannter "Hobo", ein US-amerikanischer Slang-Ausdruck für Wanderarbeiter, reist er durch die USA. Das Transportmittel sind Güter- und Viehwaggons. In Buffalo wird er wegen Landstreicherei verhaftet. Überall wo er hinreist, wird er Zeuge der verheerenden wirtschaftlichen Bedingungen in den USA zu jener Zeit: verarmte, ausgebeutete Menschen, die zu Hungerlöhnen schuften müssen.

Ein Jahr später schließt sich London einer großen Demonstration an, in der aus allen Teilen der USA Arbeitslose nach Washington marschieren, um ihren Unmut kundzutun. Jack London entdeckt den Sozialismus. Und frei nach Lenins Motto "Lernen, lernen und nochmals lernen" entscheidet sich London, wieder zur Schule zu gehen.

Tagsüber besucht er die Schule – abends wird gearbeitet. Und zwischendurch erfolglos geschrieben. Er hält sozialistische Reden vor dem Rathaus in Oakland. Und besteht die Aufnahmeprüfung der renommierten Universität Berkeley. Doch die Abenteuerlust ist stärker. Nachdem in Kanada der Goldrausch ausgebrochen ist, schifft sich Jack London 1897 in Richtung Norden ein.

Unter unmenschlichen Strapazen kämpft sich London in Richtung Klondike vor. Gold findet er zwar nicht, aber dafür viel Stoff für seine Geschichten. Die harten Winter verbringen die Goldsucher monatelang in ihren kleinen, windschiefen Hütten. London sammelt hier erzählerische Goldklumpen für seine berühmten Nordland-Geschichten. Als er an Skorbut erkrankt, macht er sich auf den Heimweg, nicht weniger als 2.000 Kilometer den Yukon hinab. Für Zeitungen und Magazine schreibt Jack London seine Erlebnisse nieder. Und die Leser sind begeistert.

Es ist der erste Schritt zu seinem heutigen Ruhm.  In seinen Geschichten verarbeitet Jack London seine eigenen Erfahrungen der Jahre zuvor. So zum Beispiel in "Frisco-Kid" von 1902. Nicht nur sein Erzählstil beeindruckt, auch seine beißende Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus kommt an. London trifft den Zeitgeist der von Wirtschaftskrisen zerrütteten USA. Er propagiert weiterhin den Sozialismus. Und zugleich schimmert durch seine Schriften und Reden auch eine Art Sozialdarwinismus durch: eine sozialistische Fassung des "Survival Of The Fittest".

Es folgen Bestseller wie "Ruf der Wildnis" (1903) und "Der Seewolf" (1904). Die deutsche Verfilmung des "Seewolfs" (1971) mit Raimund Harmstorf, der als brutaler Kapitän Wolf Larsen in einer Szene eine rohe Kartoffel mit der Hand zerquetscht, ist legendär. Danach versucht sich eine ganze Generation junger Männern an rohen Kartoffeln.

Nach den ersten Erfolgen genießt Jack London erst einmal das Leben. Er heiratet seine zweite Frau Charmian Kittredge, ebenfalls eine Schriftstellerin, und sie kaufen zusammen eine Farm in Sonoma County, Kalifornien. Jack London zwingt sich dazu, jeden Tag mindestens 1.000 Worte zu schreiben. Eine Devise, die er sich ebenfalls bei seinem Vorbild Kipling abgeschaut hat. Der neue Lebensstil will finanziert werden. Dennoch bleibt London sich und seinen Überzeugungen treu: Im Jahre 1902 verbringt Jack London mehrere Monate im East-End von London und schreibt über das dortige Elend.

Im Jahr 1907 erfüllt sich Jack London einen lang gehegten Traum und sticht mit einer eigens für ihn entworfenen Jacht namens "Snark" in See. Mit über 500 Büchern als Lesestoff und geistigem Proviant an Bord. Sieben Jahre lang soll die Reise dauern. Das erste Ziel lautet Hawaii. Doch die Jacht entpuppt sich als komplette Fehlkonstruktion. Der Steuermann hat keinen blassen Schimmer von Navigation. Damit nicht genug, hat seine Frau Charmian auch noch den Tabak über Bord geworfen, damit der gute Jack endlich mit dem Rauchen aufhört. Später kommen noch tropische Krankheiten hinzu. Die Fahrt endet in einem Desaster.

Nachdem die gesamte Crew an Malaria erkrankt, Londons Haut von Geschwüren übersät ist und seine Extremitäten angeschwollen sind, wird die Reise abgebrochen. Er sei "unsagbar erschöpft", sagt er den Reportern, die 1909 im Hafen von San Francisco auf seine Rückkehr warten. Von diesem Zeitpunkt an bleibt ihm das Pech treu.

Seine kleine Tochter stirbt nur kurze Zeit nach der Geburt. Auf der Ranch läuft es auch nicht: Heftiger Frost vernichtet die Ernte. Das neue Haus brennt ab. Jack London flüchtet sich immer mehr in den Alkohol. Die einmalige Lebenslust und Kraft dieses großen Abenteurers lässt rapide nach. Es wird eine Niereninsuffizienz diagnostiziert. Jahrzehnte später wird der französische Philosoph Gilles Deleuze über Jack London schreiben:

Jack London hat in bewundernswerter Weise gezeigt, dass die Alkoholikergemeinschaft sich letztlich keine Illusionen über sich selbst macht. Der Alkohol, weit davon entfernt, einen träumen zu lassen, verwehrt dem Träumer das Träumen. Seine Wirkung ähnelt derjenigen der reinen Vernunft, die uns davon überzeugt, dass das Leben ein Mummenschanz, die Gemeinschaft ein Dschungel, das Leben Verzweiflung ist.

Jack London verfällt körperlich mehr und mehr. Er verliert seine Zähne und leidet unter chronischen Schmerzen. Er schafft es zuletzt nicht einmal mehr auf sein Pferd. Am 22. November 1916 stirbt der große Jack London mit nur 40 Jahren an Nierenversagen. Bis heute ist umstritten, ob er seinem Leben freiwillig ein Ende gesetzt hat oder tatsächlich nur die Krankheit für seinen Tod verantwortlich war.

Was bleibt, ist ein literarisches Werk voller Tatendrang, Abenteuerlust und einem scharfen Blick auf die sozialen Verhältnisse der USA vor dem Ersten Weltkrieg. Große Erzähl- und Fabulierkunst, die sich oft auch im Kleinen, in Erzählungen und Essays, ausdrückte. Und die tragische Biografie eines atemberaubend rasanten Aufstiegs – und eines genauso rasanten Verfalls.

Was bleibt, ist auch die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft, eine Hoffnung, der London bis zu seinem Tod treu geblieben ist:

Eines Tages, wenn wir mehr Hände und Brecheisen besitzen, werden wir es [das kapitalistische System; d. Red.] umstürzen, mit all seinen verfaulten Lebensformen, seinen monströsen Egoismen und seinem aufgedunsenen Materialismus. Dann werden wir den Keller reinigen und ein neues Wohnhaus für die Menschheit einrichten.