Vorsicht - das postfaktische Zeitalter ist da!

Vorsicht - das postfaktische Zeitalter ist da!
Anhänger von Donald Trump feiern den Wahlsieg; New York, USA, 9. November 2016.
Die Demut in den Mainstreammedien hielt nur wenige Tage. Nach dem Wahlerfolg Donald Trumps hieß es erst, man müsse "die Sorgen der Menschen ernst nehmen". Nun macht ein neues Wort die Runde: postfaktisches Zeitalter. Also das Zeitalter der Lügner und Betrüger.

Immer wieder mal taucht ein Begriff auf, der die Feuilletons der Mainstreammedien in Verzückung versetzt. In Erinnerung bleibt zum Beispiel der Satz vom "Ende der Geschichte" des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyuma nach dem Ende der UdSSR. Das Ende dieser Geschichte ist bekannt. Statt an einem Ende der Geschichte befinden wir uns inmitten von bewegten Zeiten.

Der Kapitalismus hat mitnichten, wie von Fukuyuma prophezeit, alle Länder nach und nach erobert und paradiesische Zustände geschaffen. Stattdessen steigt die Ungleichheit, es gibt Sieger und Verlierer. Die westliche Welt zeigt auch kein Interesse daran, bestimmte rohstoffreiche Länder der Dritten Welt zu demokratisieren. Viele sind abgehängt und haben im "freien Wettbewerb" schlicht keine Chance mehr.

Nun wird also das "postfaktische Zeitalter" ausgerufen. Zum ersten Mal tauchte der Begriff 2004 in dem Buch "The Post-Truth Era" von Ralph Keyes auf. Es handelt sich dabei um ein Buch, das sich grundsätzlich mit der Frage auseinandersetzt, wie es zu einer "Pandemie der Unehrlichkeit" in unserer Zivilisation kommen konnte. So richtig populär und politisch wurde der Begriff aber erst mit dem Brexit-Votum in Großbritannien und später während des US-Wahlkampfs.

Doch was meint "postfaktisch" eigentlich? Einfach formuliert geht es hier um ein politisches Denken und Handeln, bei dem Fakten, und somit die Wahrheit, nicht mehr entscheidend sind. Es ist der Gegensatz zu den Prinzipien der Aufklärung. Statt aus Fakten Schlussfolgerungen zu ziehen, wird gelogen, betrogen und manipuliert. Dabei geht es mehr um Befindlichkeiten statt um den Intellekt. Man könnte meinen, damit würde eine Konsequenz aus der postmodernen Erzählung gezogen, wonach es keine Wahrheiten mehr gäbe, sondern nur noch Narrative.

Deutsche Zeitungen auf einem Verkaufsständer, Berlin, Deutschland, 16. April 2014.

Die Oxford Dictonaries erklärten des Ausdruck "post-truth" nun zum Wort des Jahres. Doch das perfide an diesem Begriff ist wieder einmal nicht die Definition, sondern die Anwendung. Es geht mitnichten um ein Zugeständnis an die Postmoderne, sondern um nichts anderes als die Fortsetzung der altbekannten Elitentradition, "niederes Volk" als Vollpfosten zu deklarieren. Nur hat man nun ein eleganteres Wort dafür gefunden, das auch noch irgendwie nach Sozialwissenschaften klingt.

Denn wer mit "Lügner" oder "Betrüger" gemeint ist, liegt auf der Hand. Man ist es - wie schon im Fall der "Toleranz, die nicht der Intoleranz" gelten dürfe, nie selbst, sondern es sind immer nur die anderen. Was Wahrheit ist, definiert derjenige, der die faktische Deutungsmacht hat. Zumindest in einigen Mainstreammedien, die sowieso davon ausgehen, ein Monopol auf Deutungshoheit und Wahrheit zu besitzen. Knüppelte man vorher noch auf "Sozialschmarotzer", den "Mob" oder das "Pack" ein, so disqualifiziert man nun alles und jeden, der es wagt, den neoliberalen und transatlantischen Narrativ abzulehnen, als "postfaktisch".

Denn die Fakten gibt es selbstredend nur auf der einen, der "guten" Seite. Es ist ja allgemein bekannt, dass zum Beispiel Hillary Clinton über jeden Zweifel erhaben ist, was Wahrheit und Ehrenhaftigkeit betrifft. Das muss auch so sein, denn sonst könnte man ja nicht die Gegenseite dämonisieren. Das nennt sich dann nonchalant politisch korrekt. Dass man gegen Clinton sein kann, aber deshalb nicht unbedingt für Trump sein muss, überfordert schon viele dieser selbsternannten Verteidiger des "guten Geschmacks".

Es ist bedauernswert, dass der kurze Moment des Innehaltens nach dem Wahlerfolg von Donald Trump schon wieder verpufft ist. Man hatte sich in den Mainstreammedien viel vorgenommen. Man wollte "zuhören". Oder auch "die Sorgen des Volkes ernst nehmen", was in einer Demokratie eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Nun also die Rückkehr zum Verunglimpfungsmodus. Statt einzubinden, wird wieder ausgeschlossen. Statt den Diskurs zu fördern, wird diskriminiert. Dass sich die Gegenseite ihrerseits in ihrer Auffassung bestätigt sieht, der herrschende Narrativ als solcher weise selbst schon längst postfaktische Züge auf - was in diesem Fall lediglich in weniger gewählter Wortwahl mit dem Wort "Lügenpresse" zusammengefasst wird -, liegt in der Natur der Sache.

Es bleibt vor diesem Hintergrund nur noch, Ernst Bloch zu zitieren, der in seiner Schrift "Subjekt-Objekt" von 1949 feststellt:

Geschultes Selbstdenken nimmt nichts als fix und fertig hin, weder zurechtgemachte Fakten noch totgewordene Allgemeinheiten noch gar Schlagworte voll Leichengift.