Die Insel Walaam im Ladoga-See: Russlands religiöser Vorposten im hohen Norden

Die Insel Walaam im Ladoga-See: Russlands religiöser Vorposten im hohen Norden
Das Hauptgebäude des Klosters auf der Insel Walaam.
Auf der Insel Walaam im Ladoga-See leben seit dem 10. Jahrhundert russische Mönche. Das Kloster wurde bei schwedischen Kreuzzügen zerstört. In den Sowjetzeiten verfiel es. Nach aufwendigen Restaurierungen kommen jetzt jährlich 100.000 Touristen und Pilger auf die Kloster-Insel. Wonach suchen die Mönche und Pilger? Ein Besuch vor Ort.

von Ulrich Heyden, Walaam

„Ziehen Sie die Lippen ein bisschen zusammen“, sagt die Gesangslehrerin, zeigt mit der Hand nach oben und singt eine Tonfolge. Ihr gegenüber sitzt kerzengerade ein hagerer, junger Mönch mit langem Bart und schwarzem Gewand. Mit äußerst konzentriertem Gesichtsausdruck wiederholt er die Tonfolge. Seine Stimme ist stark und kräftig aber noch nicht so fein und sicher wie die der Lehrerin. Mit ihrer freundlichen Stimme versucht die Lehrerin den Schüler etwas zu lockern.  

Das russische Männerkloster Walaam ist stolz auf seinen Chor. Zur Ausbildung des Nachwuchses hat man extra eine Lehrerin vom berühmten St. Petersburger Marinski-Theater ins Kloster Walaam geholt. Walaam ist eine 27 Quadratkilometer große Insel im Ladoga-See, drei Stunden nordöstlich von St. Petersburg. 

Umgeben von wunderschöner Natur: eine Messe im Kloster Walaam.

„Wir bleiben jetzt für immer“

„Wir forschen jetzt, welche Lieder die Mönche früher sangen. Wir wollen das alles anhand alter Dokumente wiederherstellen“, erklärt Aleksandr, ein Mitarbeiter des Klosters, der mich durch das Gelände führt. 

Alles in diesem Kloster, das jährlich von 100.000 Touristen und Pilgern besucht wird, ist vom Feinsten. „Wir wollen ein Vorbild für Russland sein und bleiben hier für immer“, sagt mein Begleiter. „Für immer“ ist eine Anspielung auf die Unterdrückung der Kirche in der sowjetischen Zeit. 

Nicht nur der feine Gesang des Chores in der Hauptkirche und die mit großem Aufwand renovierten Kirchen und Mönchs-Einsiedeleien setzen den Besucher in Erstaunen. Auch im Alltag ist auf Walaam alles vom Feinsten, die modernisierten Ställe für Kälber und Kühe, die Hühner laufen in einem Freilaufgehege und legen ihre Eier in Alu-Boxen aus Deutschland. Die Forellen, die in einer der Insel-Buchten in Netzen gezüchtet werden, bekommen Spezialfutter aus den USA. 

In der Sowjetzeit zerfielen die Kirchen und Mönchs-Einsiedelien. Nach der Wiedereröffnung des Klosters 1989 hat man die Kirchen, die bis dahin als Lager und Läden genutzt wurden, wieder aufgebaut. Vor allem unter Wladimir Putin wurde viel gebaut. Große russische Unternehmen übernahmen die Finanzierung einzelner Renovierungsprojekte, erzählt Aleksandr und zeigt auf eine Bronzetafel am Eingang der neugebauten Kirche „Heiliger Wladimir“, die etwas abseits im Wald direkt vor der Residenz des Patriarchen liegt.

Es war die erste Kirche auf der Insel, die nach der Sowjetzeit völlig neu gebaut wurde. Auf der Tafel mit den Geldgebern findet man bekannte Namen: „Gasprombank“, „Transneft“ (ein Pipeline-Unternehmen), „Wimm Bill Dann“ (ein Lebensmittelkonzern) und dann liest man noch den Namen eines Bergbau- und Metallurige-Unternehmens aus dem Ural. 

Kreuzzügler aus Schweden

Einer der Gründe, warum die russisch-orthodoxe Kirche das Kloster Walaam mit großem Einsatz wieder hergerichtet hat, liegt in der historischen Bedeutung des Klosters als religiöser Vorposten der russisch-orthodoxen Kirche im Norden. 

Die Insel-Gruppe Walaam gehörte im 10. Jahrhundert zum russischen Gebiet Nowgorod. Die ersten Mönche, Sergej und German, kamen nach der historischen Überlieferung im 10. Jahrhundert nach Walaam, zusammen mit Missionaren aus Griechenland. Die beiden Mönche werden heute als Heilige verehrt. Als ich eine Andacht in der Hauptkirche besuche, singt der Chor, „unsere Heiligen Väter Sergej und German, betet für uns bei Gott!“

Zur griechisch-orthodoxen Kirche hat das Kloster Walaam immer noch enge Beziehungen. Zahlreiche Einrichtungsgegenstände in den Kirchen der Insel, die für Russland nicht typisch sind, wie Stühle mit hohen Lehnen an den Wänden und große, ringförmige Deckenleuchter, waren Geschenke der griechisch-orthodoxen Kirche, erzählt Aleksandr.

Die Bücher mit dem Namen der Hungertoten während der Blockade von Leningrad durch die Deutsche Wehrmacht. Die Namen werden bei den Andachten verlesen.

Schweden versuchte das Gebiet um den Ladoga-See seit dem 12. Jahrhundert in mehreren Kreuzzügen zu erobern. Mehrmals wurde das Kloster zerstört und Mönche ermordet. Den Höhepunkt seiner Entwicklung erlebte Walaam Ende des 19. Jahrhunderts, berichtet mir eine Fremdenführerin. Damals hätten auf Walaam 1.000 Mönche gelebt. Im 19. Jahrhundert hätten die Insel auch viele Künstler und die Zaren Aleksandr I. und Aleksandr II. besucht. Heute leben im Kloster 200 Mönche und 100 Angestellte. Dazu kommen in den Sommermonaten noch zahlreiche Freiwillige. 

Bis zum sowjetisch-finnischen Krieg 1939 gehörte die Insel zu Finnland, fiel dann aber an die Sowjetunion. Viele Mönche flüchteten damals in den Südosten Finnlands, wo sie in dem Ort Heinävesi mit den mitgeführten Ikonen das Kloster Neues Walaam gründeten. Mit den Mönchen in Finnland habe man gute Beziehungen, sagt mein Begleiter.

Zu den traurigen Kapiteln der Klostergeschichte gehören die Kriegsversehrten, welche man 1950 in dem zum Kloster gehörenden Wintergasthaus einquartiert hatte. Viele Männer, die im Krieg Arme und Beine verloren haben, habe man „mit Gewalt hierher gebracht“, erzählt eine Touristenführerin bei einem Rundgang. „1957, während der Weltjugendfestspiele in Moskau, habe man in den Städten keine Kriegsversehrten haben wollen, erzählt die Frau, die in mittlerem Alter ist. Erst in der Perestroika unter Gorbatschow habe man die Kriegsversehrten nach St. Petersburg zurückgebracht. 

Ein mysteriöser Brand

Nun gibt es einen neuen Konflikt. Die Kirche will Inselbewohner, die nicht zum Kloster gehören, aufs Festland umsiedeln. Doch die Anwohner sind nicht einverstanden. Im Mai dieses Jahres kam es im Wintergasthof zu einem Brand. Man verdächtigte Inselbewohner der Brandstiftung. Sie hätten gegen ihre Umsiedlung protestierten wollen, erzählt die Touristenführerin. Was wirklich passierte, ist unklar.

In einer der Kirchen treffe ich auf eine etwa 55 Jahre alte Frau, die wie alle Frauen auf der Insel ein Kopftuch tragen. Sie sei Lehrerin gewesen, leite heute eine religiöse Schule und sei nun als Freiwillige auf der Insel, erzählt die Frau. Wie sie zum Glauben gekommen sei? „Das war, als mir ein großes Unglück passierte. Mein Mann starb. Und ich blieb mit zwei Töchtern allein.“ Die Töchter hätten ihre Abschlussprüfungen machen müssen und das habe alles viel Geld gekostet.“ Ich habe nur gebetet. Ich stand abends am Fenster und sagte, Gott was soll ich machen? Und am nächsten Tag kam Hilfe von allen Bekannten. Alle boten mir Geld an, um es mir zu leihen oder einfach so. Und ich habe die Kinder zur Abschlussprüfung geschickt.“

In einem der gut hergerichteten Wohnhäuschen für Freiwillige komme ich mit zwei jungen Frauen ins Gespräch. Sie erzählen, wie ihnen der Glauben hilft, Krisen im Leben zu überwinden. „Es gab seelische Spannungen“, sagt eine der jungen Frauen. „Wenn Du etwas anstrebst, und Du erreichst es nicht. Aber du verstehst, dass man im Leben nicht Allem nachjagen muss. Es gibt wichtigere Momente.“ Es sei wichtig, dass „dein Streben mit dem Willen Gottes übereinstimmt“, erklärt die Frau.  „Denn es kommt vor, dass wir mit unserem Willen einige Ereignisse zu ändern versuchen, obwohl diese Ereignisse eigentlich richtig sind. Und später verstehen wir das. Aber es vergeht viel Zeit. Und wir müssen selbst Geduld aufbringen.“

Unterhalb des Kloster-Hauptgebäudes gibt es einen großen Apfelgarten. Einige Bäume sind 200 Jahre alt, erzählt Aleksandr. Es regnet, doch Freiwillige aus St. Petersburg und anderen Städten helfen bei der Herstellung von Apfelsaft. Mein Begleiter fragt die Frauen: „Sagen Sie bitte, was treibt sie dazu, ihre ruhigen Städte zu verlassen und in dem nassen Walaam zu arbeiten? Sie könnten doch nach Zypern oder auf die Datscha fahren. Warum verlassen Sie ihre Wohnungen?“ „Gott führt uns“, antwortet eine ältere Frau, die gerade einen Apfel schält. Dann erzählt Sinaida, eine junge Freiwillige. „Wer einmal in Walaam war, kehrt in der Regel zurück. Der Ort ist sehr heilig und stark. Ich kam das erste Mal als Pilgerin hierher. Es ist die Seele. Die Seelen der Menschen treffen sich hier. An diesem Ort wird sehr viel gebetet.“ Sie verscheucht eine Wespe, die sich auf ihren Hals setzen will. „Und die Wespen sind hier keine richtigen Wespen“, sagt sie lachend. „Sie setzen sich auf die Haut, aber sie stechen nicht. Sie sind freundlich. Gott lenkt das.“ 

Ein indischer Mönch im Dazan von Arschan

„Ein Haus für meine Seele“

Beim Gang durch das Kloster treffen wir zwei bärtige Männer in langen schwarzen Gewändern, die gerade Fenster winterfest machen. „Ich habe mein ganzes Leben in Litauen gelebt, aber die letzten drei Jahre war ich in Norwegen. Aber es war nicht genug für mich. Ich wollte etwas für mich selbst suchen. Und ich habe es hier gefunden in Walaam.“ Was er gefunden habe? „Von der Nationalität bin ich Litauer. Aber natürlich, ich bin russischer Abstammung. Und mein Weg führte mich zur orthodoxen Kirche und hierher. Ich habe hier nichts Besonderes gefunden. Aber ich habe in der ganzen Welt nur diesen Platz gefunden, wo ich leben und fühlen kann, was ich brauche. Für mich ist es hier ruhig und friedlich. Es ist ein Haus für meine Seele.“

Am Hafen habe ich eine Verabredung mit Vater Abraam. Der 50jährige Mönch mit dem schlohweißen Haar und langem weißen Bart lebt seit 20 Jahren auf der Insel. Er sei vor Problemen in seiner Heimatstadt geflüchtet, erzählt er. Mit Verwandten gab es Streit um Wohnraum. Mit Familienangehörigen treffe er sich jetzt nur noch ein bis zweimal im Jahr. In St. Petersburg habe er es nicht mehr ausgehalten. Die Winter dort seien „furchtbar“. Man werde schwermütig. „Viele haben sich schon zu Tode gesoffen.“ 

In seinem früheren Leben war Vater Abraam Elektroschweißer auf der Kanonerski-Reparaturwerft in St. Petersburg. Er habe gut verdient und sich sogar einen Urlaub in Kuba leisten können. Doch er fühlte sich nicht wie ein Mensch. „Ich hing mit meinem Schweißgerät von einem 380 Volt-Kabel ab. Ohne dieses Kabel war ich ein Nichts.“ Er habe viel Deep Purple und Led Zeppelin gehört. „Ich wollte wie Jimmy Page spielen. Ich versuchte es, aber mir gelang es nicht.“

Um ins Kloster zu gehen, müsse man sich „von Allem verabschieden“, sagt Abraam und guckt dabei sehr ernst. Dann lächelt er verschmitzt und öffnet ein Lederetui. Er legt mehrere schöne Flöten aus Holz neben sich auf die Bank. Das seien Geschenke von Freunden aus Serbien und Armenien, erzählt er und beginnt dann auf der armenischen Flöte zu spielen. Zarte Töne klingen über die Bucht. Kaum zu glauben, dass dieser Mann mal in dem Lärm einer Schiffswerft gearbeitet hat. 

Erst wollte er gar nicht ins Kloster. In Walaam habe er erstmal angefangen im Kuhstall zu arbeiten. Das Leben mit den Tieren und dann die viele frische Luft, das habe ihm gefallen. Er habe sich wieder als Menschen gefühlt. 

Ins Ausland zu fahren sei für ihn auch keine Lösung gewesen. „Dort fehlte mir etwas. Dort war es langweilig.“ Was ihm fehlte? „Mir fehlte Gott. Der Mensch fühlt immer diese Leere. Er beginnt zu suchen. Er wechselt den Wohnort, probiert Drogen aus, wechselt den Beruf.“ Was ihm Gott gäbe? „Er gibt mir Hoffnung auf ein ewiges Leben. Ein ewiges Leben, was sich nicht ändert. Verstehen Sie?“

„Im Kloster beten für die Kämpfenden und Gefallenen“

Mit Aleskandr geht es weiter über die Insel. Er führt mich zur Smolenski-Kirche. Die Kirche wurde während des ersten Weltkrieges gebaut. „Es war die letzte Kirche, die im russischen Imperium gebaut wurde“, erzählt mein Begleiter und macht ein bedeutungsvolles Gesicht. Im Juni 1914 sei Großfürst Nikolai Nikolejewitsch, der Bruder des letzten Zaren, nach Walaam gekommen und habe entschieden, dass eine Kirche gebaut werden soll, in der für die toten Soldaten gebetet wird. Der Großfürst war damals Oberkommandierender des russischen Heeres und der Marine. Für den Bau der Kirche spendete er 200.000 Goldrubel. „Er wusste, dass es im Krieg viele Tote geben würde.“ 

Der Baikalsee. Foto: Ulrich Heyden

Nach Kriegen sei es in Russland immer so gewesen, sagt Aleksandr: „Die Witwen gingen ins Frauenkloster. Und die ehemaligen Soldaten gingen ins Männerkloster, um für die im Krieg begangenen Sünden und die Kameraden zu beten. „Ja, sie haben das Vaterland verteidigt, aber sie haben auch das Blut eines Menschen vergossen. Und das verstößt gegen die christlichen Gebote,“ sagt mein Begleiter. Auch jetzt kommen wieder Soldaten zur Smolenski-Kirche. Woher kommen sie? „Es kamen hochrangige Soldaten, die vor Donezk gekämpft haben.“ Ich frage nicht weiter nach, denn ich spüre, dass Aleksandr nicht über Politik sprechen will. 

Neben der Smolenski-Kirche steht eine kleine Kapelle. Dort wird in den Gebeten namentlich den etwa eine Millionen Menschen gedacht, die im Zweiten Weltkrieg während der Blockade von Leningrad durch die deutsche Wehrmacht an Hunger starben. Aleksandr zeigt mir die dicken Bücher in rotem Einband mit den Namen der Toten, die während der Andacht verlesen werden.

Auch in der nahegelegenen „Kirche aller Heiligen“ werden während der Andachten die Namen der gefallenen russischen und sowjetischen Soldaten verlesen. Aleksandr zeigt mir die Namenlisten von Gefallenen des ersten Weltkrieges, des Afghanistan- und Tschetschenien-Krieges und von im Ersten Weltkrieg gefallenen Marine-Soldaten. Dann zeigt er mir noch ein Heft mit Namen von Repressierten, Menschen die während der Sowjetzeit wegen ihrer politischen oder religiösen Überzeugung starben. 

Zum Schluss steige ich in Begleitung eines Mönches auf den Glockenturm. Der Blick schweift über die Wälder. Man möchte nicht weg und noch mehr über dieses Kloster erfahren. Doch unten wartet unser Auto, welches uns zum Schiff bringt.